Nr. 01/2012 vom 05.01.2012

Neoliberalismus als hegemoniales Projekt

«Bei der Frage, ob der Neoliberalismus hegemonial ist, stossen wir auf das Problem, dass Hegemonie ein komplizierter Begriff ist und ein unordentliches Denken auslöst. Kein Projekt gelangt je in eine Position der permanenten Hegemonie. Hegemonie ist ein Prozess, kein Zustand. Kein Sieg ist jemals endgültig. An Hegemonie muss ständig gearbeitet werden; sie ist zu erhalten, zu erneuern und zu befestigen. Ausgeschlossene gesellschaftliche Kräfte, die nicht konsensual eingebunden (…) worden sind, verkörpern die Basis von Gegenbewegungen, Widerstand, alternativen Strategien und Visionen. Damit beginnt der Kampf um ein hegemoniales System von neuem.

Trotz alledem verkörpert der Neoliberalismus im Hinblick auf seine Ziele, seine Tiefe und den Grad des Bruches mit der Vergangenheit, die Vielfalt der kolonialisierten Orte, seine Wirkung auf den Alltagsverstand und die Verschiebungen in der Gesellschaftsarchitektur zweifellos ein ‹hegemoniales Projekt›. Das populäre Denken und die Kalkulationssysteme des Alltagslebens bieten der Durchsetzung seiner Vorstellungen gegenwärtig nur wenig Reibungsflächen. Aber da er die neuen und alten Widersprüche auch in seiner aktuellen Rekonstruktion nicht loswird, mag sich seine Durchsetzung schwieriger gestalten.»

Stuart Hall

Stuart Hall: «Eine permanente neoliberale Revolution?». In: «Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften», 
Nr. 294. Berlin 5/2011. S. 651–671, hier: S. 671.

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