Nr. 01/2012 vom 05.01.2012

Wo die WC-Ente quakt

Karin Hoffsten über abgründiges Werbefernsehen

Als Kind des Kapitalismus mochte ich Werbung schon immer. Gute Werbung. Und als wir Ende der sechziger Jahre – endlich! – einen Fernseher bekamen, war ich begeistert.

Etwa vom legendären Spot, der die Qualen des in betonharte Miederwaren gequetschten Frauenkörpers thematisierte: Langsam zoomt die Kamera auf eine elegante Dame in der Opernloge. Sie schaut ernst, sie schaut schmerzerfüllt, und zischt dann durch zusammengebissene Zähne: «Mein Hüfthalter bringt mich um!» Damals waren gerade bequemere synthetische Materialien auf den Markt gekommen.

Ich mag Werbung immer noch. Gute Werbung. Dem Werbeblock im Schweizer Fernsehen versuche ich darum meistens aus dem Weg zu gehen. Doch wers nach der «Tagesschau» nicht schafft, blitzartig den Ton abzuschalten, bevor «Meteo» vom Dach gezwitschert wird, sitzt in der akustischen Falle. Zum angeblich energiespendenden Drink hackt uns eine aufdringliche Frauenstimme im Stakkato «Ihre tägliche Portion Vitalität» in die Ohren. Das klingt dann wie «Irre tägglche Porrttionn Vttltettt».

Überhaupt die Frauenstimmen, allen voran jene immer gurrende in schweizerdeutscher Frau-und-Mutter-Tonlage. Ob WC-Ente, ob Kindermilchschnitte – sie vibriert so mild und gütig, dass jedes normal fühlende Familienmitglied sein Heil in der Flucht suchen würde.

Ebenfalls zwischen Nachrichten und Wetter balanciert Roger Federer für eine Versicherung im weissen Anzug durch die Wolken, als habe er schon das Zeitliche gesegnet, und atmet uns zu guter Letzt auch noch einen Nebelschwall ins Wohnzimmer. Offenbar versichert die werbende Gesellschaft nicht nur Leib und Leben, sondern auch gegen Mundgeruch.

Ein Gräuel müssen der Werbebranche die VegetarierInnen sein – von VeganerInnen ganz zu schweigen –, so intensiv wird da das Fleisch besungen. Ganz im Wortsinn zum Beispiel im Liedlein «Was gits hüt zum Znacht?», im Auftrag eines Fleischkonzerns von munteren Tramfahrgästen gar lieblich und a cappella vorgetragen. Bloss der Text stört.

Geradezu obszön finde ich jedoch den nackten Güggel, der sich in Totenstille allabendlich am Spiess dreht. Mit Beinchen, Ärmchen und Haut gemahnt der Vogel an Folter und Verstümmelung. «Schweizer Fleisch» sollen wir essen, «alles andere ist Beilage». Ich bin nicht grundsätzlich Vegetarierin, aber: Danke. Nein!

Um Fleisch gehts ja auch bei den zahllosen duftenden Essenzen, die gemäss Werbung unter das Verbot bewusstseinserweiternder Substanzen fallen müssten: Da fallen reihenweise wohlgestalte junge Menschen in Trance und träumen, sie hätten Sex, ein Auto oder einen Diamantring oder alles gleichzeitig. Doch solange sie die Fleischsorten nicht durcheinanderbringen und sich im Wahn gegenseitig auffressen, gehts ja noch.

Karin Hoffsten lebt in Zürich,
schreibt für die WOZ und macht
regelmässig Theater.

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