Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

Blatters letzte Tage auf dem Piratenschiff

Über Jahrzehnte erschuf er ein System der Käuflichkeit. Und doch leugnete er die Korruption in seiner Fifa-Familie bis zuletzt. Nun verlässt Joseph Blatter den Weltfussballverband durch die Hintertür.

Von Jens Weinreich

Alles schien seinen gewohnten Gang zu gehen: Die Fussballfans tobten, die Zeitungen wetterten, die Staatsanwaltschaften waren seinen Funktionären auf den Fersen, aber Joseph Blatter, der scheinbar unberührbare Präsident des Weltfussballverbands Fifa, streckte die Arme in die Höhe und skandierte: «Let’s go, Fifa! Let’s go!»

Das war am Freitagabend vergangener Woche, und so grotesk es klingen mag: Die Fussballwelt war in Ordnung – draussen rasende Empörung, in der Fifa-Familie aber aufgesetzte Feststimmung. Der Kongress des Fussballverbands hatte Blatter soeben für eine weitere, eine fünfte, Amtszeit gewählt. Erst im zweiten Wahlgang zwar, im ersten hatte er 133 von 206 Stimmen erhalten, aber das war nur ein Detail. Alles sah danach aus, als würde der 79-jährige Walliser auch die jüngsten Skandale überstehen.

Dabei fragten sich seit Tagen alle nur: Welcher hohe Fussballfunktionär wird heute verhaftet, morgen, übermorgen? Wer wird angeklagt? Wer muss ins Gefängnis? Wer kann einer langjährigen Haftstrafe entgehen, indem er gesteht, auspackt und andere mit in den Strudel reisst?

Diese Fragen elektrisierten die Welt seit vergangener Woche, als in den frühen Mittwochmorgenstunden im Zürcher Traditionshotel Baur au Lac sieben notorische Absahner der Fifa verhaftet worden waren, darunter zwei Vizepräsidenten. Seither ist nichts, wie es einmal war: Sogar im «Piratenhafen», wie der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth die Schweiz bezeichnet, sind höchste Würdenträger des Weltsports nicht mehr sicher.

Blatter war vergangene Woche noch als grosser Reformer aufgetreten, hatte wie schon so oft Änderungen versprochen, räumte – äusserst widerwillig – gar ein wenig Mitverantwortung für die Korruption im Weltfussball ein, um sie gleich wieder mit der lahmsten Begründung von sich zu weisen, die ein Chef geben kann: Er könne nicht immer alle und alles kontrollieren.

Jens Weinreich

Und dann kam der 2. Juni. Am Dienstagabend, kurz vor 19 Uhr, erklärt Joseph Blatter seinen Rücktritt. Er spricht, wie so oft, wenn er unsicher ist, französisch. Er habe in den letzten Tagen lange über seine Präsidentschaft nachgedacht. Er geniesse zwar die Unterstützung des Kongresses, nicht aber die der Welt des Fussballs. Deshalb kündigt Blatter einen ausserordentlichen Kongress an, an dem er sein Amt zur Verfügung stellen werde. Bis dahin führt der Blatter-Vertraute Domenico Scala die Geschäfte als Interimschef.

Was auch immer den Ausschlag für den plötzlichen Sinneswandel gab: Am Nachdenken allein kann es nicht gelegen haben. Hatten die Ermittlungen der US-Behörden damit zu tun? Drohte jemand auszupacken? Sind neue Fakten aufgetaucht, die Blatter direkt mit dem Korruptionssumpf der Fifa in Verbindung bringen? Geht es um die Vorwürfe einer Zahlung über zehn Millionen US-Dollar an den ehemaligen Fifa-Funktionär Jack Warner aus Trinidad und Tobago, in die auch Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke involviert gewesen sein soll? Über die wahren Gründe für den Rücktritt Blatters lässt sich zurzeit nur spekulieren. Laufend dringen neue Informationen ans Licht. Die jüngste: Gemäss US-Medienberichten ermittelt das FBI auch gegen Blatter persönlich.

Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass Blatter seine drei Jahrzehnte bei der Fifa mit einer festlichen Amtsübergabe am ausserordentlichen Kongress beendet. Er wird sein Büro eher bald denn später räumen. Blatter verlässt die Fifa durch die Hintertür.

Mafiöse Strukturen

Die Branche bleibt in Aufruhr, und die Nervosität geht weit über die Fifa hinaus. Auch im Internationalen Olympischen Komitee (IOK), domiziliert in Lausanne, und in mehr als sechzig anderen internationalen Sportverbänden werden Betrüger unruhig. In diesen Föderationen gibt es Hunderte AbkassiererInnen in höchsten Positionen. In zahlreichen Fällen und Verbänden ist Korruption in Millionenhöhe belegt – doch strafrechtlich gewürdigt wurde dies selten. Einige Grossganoven wie der Blatter-Vorgänger, langjährige Fifa-Präsident und IOK-Funktionär João Havelange sowie dessen ehemaliger Schwiegersohn und ehemalige Fifa-Funktionär Ricardo Teixeira retteten sich und schlossen Deals mit den Ermittlungsbehörden. Die meisten kamen straffrei davon.

Die Festnahmen in Zürich, erfolgt nach einem Amtshilfeersuchen der US-Justiz, sind eine Zäsur. Die knapp 300 Seiten umfassenden Anklageschriften, die ebenfalls am 27. Mai veröffentlicht wurden, bergen viel brisantes Material. Neben den 14 Personen, gegen die bereits Anklage erhoben wurde, darunter 6 langjährige Fifa-Exekutivmitglieder, werden 25 andere Offizielle von Fifa, Kontinentalverbänden und Marketingfirmen erwähnt.

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, immer mehr Medien beteiligen sich daran, nachdem Fifa-Recherchen jahrzehntelang ein Revier von einem Dutzend Einzelkämpfer waren, die von vielen Journalistinnen und Medienmanagern angefeindet wurden. Aus allen Kontinenten werden laufend Details vermeldet, die nicht immer neu sind – doch das Bild von einer nach mafiösen Strukturen und Mechanismen global operierenden Fussballfamilie erhält immer klarere Konturen.

Nur einer verbreitet entgegen der Faktenlage und allen Enthüllungen der vergangenen Jahrzehnte den Unsinn, er könne keine systemische Unkultur der Korruption erkennen: Joseph Blatter. Alles nur Einzelfälle, sagt der Fifa-Präsident, der sich selbst gern als «Godfather» bezeichnet, als Pate. Und das war er tatsächlich.

Die hoch bezahlten Propagandisten aus der Fifa-Zentrale – Kommunikationsdirektor Walter De Gregorio und langjährige Berater wie die ungarisch-schweizerische Skandalnudel Peter Hargitay – kämpfen verzweifelt um das Image der Fifa. Sie inszenieren ihren Boss als Opfer, als Gentleman. Sie orakeln über eine Verschwörung. Sie verwechseln bestens belegte Berichte mit Hasstiraden.

Ideologie und Lügen

Indes, in aufgeklärten Gesellschaften glauben es ihnen immer weniger Menschen. Glücklicherweise lassen sich auch in der Schweiz immer weniger Medien vor den Karren der Fifa spannen. Der SVP-Politiker Roger Köppel ist einer der wenigen nimmermüden Fifa-Krieger. Was Köppel dieser Tage in Zeitungen und Talkshows verbreitet, hält keiner Überprüfung stand: Blatter sei der ohnmächtigste Mächtige der Welt, der unfair angegriffen werde, dem nie etwas nachgewiesen worden sei. Es ist ein Gewirr aus Unwahrheiten, Ideologie und Lügen.

Hinter den kriminalistischen Ermittlungen aus den USA steckt keine US-amerikanische Verschwörung gegen Blatter, die Fifa und die Schweiz. Die Bundespolizei FBI interessiert sich seit 2009 für die schmutzigen Geschäfte nord- und zentralamerikanischer Fifa-Grössen wie Chuck Blazer (USA) und Jack Warner aus Trinidad und Tobago (vgl. «Jack und Chucks reger karibischer Bestechungsverkehr»).

Als der schottische Enthüllungsjournalist Andrew Jennings im Juli 2011 Dokumente über Blazers Vergehen veröffentlichte, fragte das FBI einmal mehr bei ihm an. Jennings teilte sein Wissen und die Belege mit dem FBI und der Steuerbehörde IRS. Später wurde ein atemberaubender Untersuchungsbericht zum Korruptionssystem in der nord- und zentralamerikanischen Konföderation Concacaf veröffentlicht. All das ist seit Jahren im Internet nachzulesen.

Die vorerst letzte grosse, bahnbrechende Recherche veröffentlichte die Londoner «Sunday Times» vor einem Jahr. Die Zeitung belegte mit Millionen von Originaldokumenten das Korruptionssystem des inzwischen auf Lebenszeit gesperrten Fifa-Granden Mohamed Bin Hammam aus Katar, der auch eine zentrale Rolle bei der erfolgreichen Bewerbung des Emirats für die Weltmeisterschaft 2022 gespielt hat.

Mit dieser WM-Vergabe und der Krönung von Russland zum WM-Gastgeber 2018 befasst sich auch die Schweizer Bundesanwaltschaft seit März 2015 in einem Ermittlungsverfahren, und sie hat dazu nun im Fifa-Hauptquartier riesige Datenmengen sichergestellt. Korrekt ist aber auch, dass die Fifa in dieser Sache im November 2014 Anzeige gegen unbekannt erstattet hatte. Sie übergab dabei auch einen ominösen Untersuchungsbericht, den sie aber nicht einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stellen will. Erstellt hatte ihn der von der Fifa für viele Millionen Franken eingesetzte ehemalige US-Bundesanwalt Michael Garcia. Wunderdinge sind vom Garcia-Bericht nicht zu erwarten. In einer ersten Würdigung verblüffte der deutsche Fifa-Strafrichter Hans-Joachim Eckert vor einem halben Jahr mit der Botschaft: Die hausinternen Ermittlungen gegen Russland und Katar seien abgeschlossen.

Geschiedene Brüder

All diese Stränge gehören zur selben Geschichte. Im Home of Fifa, Blatters Milliardenmausoleum auf dem Zürichberg, führen sie zusammen. Zum Beispiel trafen sich der erwähnte Jack Warner, ehemaliger Fifa-Vizepräsident und unvergleichlicher Abkassierer aus der Karibik, und der steinreiche Mohamed Bin Hammam, ein Jugendfreund des Altemirs Hamad Bin Khalifa al-Thani: Warner und Bin Hammam lieferten Blatter anderthalb Jahrzehnte lang riesige Stimmenpakete auf Fifa-Kongressen. Bin Hammam tourte 1998 und 2002 mit Blatter in zwei Fifa-Wahlkämpfen durch die Welt, vor allem durch Afrika und Asien. Er verteilte eigene Gaben und sogenannte Förderprojekte des Emirs. Bin Hammam war bis zu seiner Sperre auch Chef des Fifa-Entwicklungshilfeprogramms Goal, aus dem besonders in den Anfangsjahren viele Millionen in Privatschatullen nationaler Funktionäre verschwanden. «Der Mohamed sieht dann schon zu, dass seine Freunde in Positionen kommen, die ihnen zustehen», sagte mir Blatter einmal.

Lange Zeit bezeichneten sich Blatter und Bin Hammam als Brüder. Der Aufstieg von Katar zur Sportgrossmacht und zum WM-Gastgeber ist untrennbar mit dem Aufstieg von Blatter in der Fifa verbunden. Insofern ist der Präsident auch für das wegen katastrophaler Arbeitsbedingungen bereits als Sklaven-WM bekannte Turnier im Emirat mitverantwortlich. Die Behauptungen seiner Propagandaherolde, Blatter sei eigentlich gegen Katar gewesen, sind hingegen unbelegt. Man darf sie also getrost vergessen.

Joseph Blatter hat das unvergleichliche System des Gebens und Nehmens, das die Fifa prägt, massgeblich mit aufgebaut. Er war der Nutzniesser der Stimmenbeschaffer – und er liess die Ganoven gewähren. Blatter trägt die Hauptverantwortung. Sein Leugnen ist pathologisch. Wenn Joseph Blatter lügt, kann er sehr unschuldig gucken. Ich habe das oft genug erlebt. Einmal antwortete er mir in einem TV-Interview auf die Frage, ob er einst als Generalsekretär von einer Millionenzahlung der Marketingagentur ISL an den damaligen Fifa-Präsidenten João Havelange gewusst habe, sehr eindringlich. Lange schaute er in die Kamera und kam immer näher. Er zog seine Worte in die Länge und wiederholte sie mehrfach: «Davon weiss ich nichts. Davon weiss ich nichts.»

Ich wusste schon damals, Anfang 2004, dass das gelogen war. Andrew Jennings, mein Kollege aus Schottland, hatte dies längst von einer Fifa-Quelle erfahren und beschrieb die Szene, als der ehemalige Fifa-Finanzchef aufgeregt in Blatters Büro eilte und von der Millionenzahlung berichtete, später ausführlich im Fifa-Enthüllungsbuch «Foul!».

Doch es brauchte noch einige Jahre und hartnäckige Recherchen sowie Auskunftsbegehren etlicher Journalisten bei der Schweizer Justiz, bis endlich die sogenannte Einstellungsverfügung zum ISL-Bestechungsprozess veröffentlicht wurde. Vergeblich hatte sich die Fifa mit viel Geld bemüht, dieses Papier geheim zu halten. Da stand es nun Schwarz auf Weiss, was einer der von Blatter auserwählten Chefs der Fifa-Ethikkommission in einem absurden Urteil später grosszügig als «ungeschicktes Verhalten» Blatters würdigen sollte: Er wusste von der Korruptionszahlung an Havelange. Er liess das Geld, das lustigerweise auf einem Fifa-Konto gelandet war, zurücküberweisen. Blatter hat darüber lange Jahre geschwiegen. Und später gelogen.

Abgesprochene Korruption

Warum diese Episode? Weil sie das System Blatter treffend beschreibt. Blatter hatte seit 1981 in der Verwaltung der Fifa das Sagen. Zunächst siebzehn Jahre als Generalsekretär unter dem schwer korrupten Präsidenten Havelange, der riesige Summen kassierte und seine Sippschaft – darunter seinen Schwiegersohn Ricardo Teixeira – mit versorgte. Dann ab 1998 als Präsident der Fifa, der seine Generalsekretäre nach Belieben heuerte und feuerte und mit fürstlichen Abfindungen bedachte, der von jenem System, das er mit Havelange und anderen aufgebaut hatte, stets profitierte.

Die Fifa-Propagandisten behaupten, Blatter selbst sei nie persönlich Korruption nachgewiesen und nie verurteilt worden. Das ist Geschichtsklitterung und Nonsens. Es gibt viele Facetten und Definitionen von Korruption, nicht nur die des Strafrechts – eines Strafrechts übrigens, das Korruption für hochrangige SportfunktionärInnen bis vor kurzem ohnehin nicht beinhaltete. Das ISL-Bestechungssystem, in dem mindestens 142 Millionen Franken an Fifa-Funktionäre und andere Würdenträger des Weltsports gezahlt wurden, war sogar mit der Steuerbehörde und der Beratungsfirma KPMG abgesprochen.

142 Millionen Franken waren es im ISL-Fall, 150 Millionen werden derzeit von der US-Justiz verhandelt, 150 Millionen soll Teixeira in wenigen Jahren in Brasilien kassiert haben – all diese Summen sind nur ein Bruchteil der tatsächlich abgezweigten Beträge. Bestechung, Geldwäsche, Verschwörung, bandenmässiger Betrug – es ist alles vorhanden.

Joseph Blatter hat sich die Fifa nach seinem Gusto geformt. Es war seine Fifa. Bis zum Dienstag.

Mitarbeit: Carlos Hanimann.

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