Nr. 02/2012 vom 12.01.2012

«Heute ist es wichtig, eine gute Partie zu machen»

Die junge Regisseurin Laura Koerfer versetzt im Zürcher Theater Neumarkt Rainer Werner Fassbinders Film «Faustrecht der Freiheit» (1975) ins heutige Zürich. Ein Gespräch über ihr Faible für ältere Stoffe, die Panik des Bürgertums in der Finanzkrise und die Ökonomisierung von Liebesbeziehungen.

Von Johanna Lier (Interview)

WOZ: Frau Koerfer, für Ihre Theaterumsetzung von «Faustrecht der Freiheit» haben Sie einige Aspekte aus Rainer Werner Fassbinders Filmvorlage verändert (vgl. «Faustrecht der Freiheit»). Um was geht es Ihnen dabei?
Laura Koerfer: Im Grossen und Ganzen ist es dieselbe Geschichte geblieben. Bei Fassbinder geht es um die Beziehung zwischen zwei schwulen Männern. Bei uns aber findet die Liebe zwischen zwei Frauen statt. Es geht uns darum, die in Fassbinders Film fast schon schematische Opfer-Täter-Beziehung in eine Beziehungsgeschichte zu wandeln, die auch einen guten Verlauf nehmen könnte. Foxi und Eugenie verlieben sich tatsächlich, und die Ausbeutung wird erst dann zum Thema, als der Auftrag des Vaters, den Familienbetrieb zu retten, ins Spiel kommt.

Es geht auch um einen anderen Umgang mit der Wahrnehmung. Sieht man beispielsweise zwei Frauen Hand in Hand durch die Strassen gehen, denken wir nicht sofort, es müsse sich um ein lesbisches Paar handeln. Bei Männern jedoch schon. In Fassbinders Film werden die Ereignisse viel eindeutiger rein sexuell konnotiert. Es gibt auffällig viele Zooms auf die Hosenbünde der Männer.

Beim Schauen des Films, der in den frühen siebziger Jahren, am Ende eines langjährigen wirtschaftlichen Aufschwungs spielt, bekommt man den Eindruck, ökonomischer und gesellschaftlicher Erfolg, Leistung und persönliche Durchsetzung seien nicht mit Liebe und Fürsorge vereinbar. Wie ist das in Ihrem Stück? Oder anders gefragt: Ist das heute immer noch so?
Eine brutale Auswirkung der finanziellen Verunsicherung ist sicher auch in der heutigen Zeit die Ökonomisierung der Beziehungen. Ich beobachte in meinem Umfeld diesbezüglich klare Tendenzen: Es ist wichtig, eine gute Partie zu machen. Man fragt sich: Mit wem lohnt es sich, ein Kind zu machen? Wer könnte ein guter Vater oder eine gute Mutter sein? Wer bringt mich beruflich weiter, wer inspiriert mich? Wie muss ein Partner sein, damit er sich gut in mein Curriculum einfügt? Planung steht hoch im Kurs, und der Druck, kreativ und erfolgreich zu sein, sich selbst zu verwirklichen, ist enorm. Das hat mit individuellen Entscheidungen und Freiheit nicht mehr viel zu tun. Hier sehe ich einen wichtigen Anknüpfungspunkt in meiner Inszenierung.

Eugenie, die Tochter aus reichem Haus, trägt die ganze Last der Schuld, der Berechnung und der Ausbeutung. In Ihrer Inszenierung wirkt sie aber weit verletzlicher als die anderen Hauptfiguren.
Die Art der Gesellschaftskritik, die Fassbinder geübt hat, die klare Aufteilung von Opfer und Täter, interessiert mich in dieser Form nicht. Es geht mir darum zu zeigen, dass Eugenie darunter leidet, dass sie ihre Liebe zu Foxi opfern muss. Sie wird zur Täterin, weil sie dem Druck, den ihr Vater ausübt, nicht standhalten kann. Er gibt ihr die Verantwortung für das Überleben der Firma. Und ich frage mich: Was löst das bei Eugenie aus? Sie entscheidet sich für ihre gesellschaftliche Verpflichtung und gegen ihre Liebe zu Foxi.

Es ist interessant zu beobachten – gerade auch in einer Stadt wie Zürich –, wie bürgerliche Kreise angesichts der finanziellen Krise in eine Art Panik geraten. Man fürchtet aber nicht nur, Geld zu verlieren – in noch viel höherem Mass herrscht die Angst vor dem Verlust der Identität und der Zugehörigkeit. Es handelt sich dabei um eine Identität, die sich über den finanziellen Status definiert und über das Gefühl, dass einem das, was man besitzt, einfach zusteht. Damit verbunden ist die nagende Furcht, es könnte einem etwas weggenommen werden. Das ist Eugenies eigentliches Dilemma.

Die ganze Diskussion um die Erbschaftssteuer ist ein gutes Beispiel: Die drohende Einführung der Zwanzig-Prozent-Steuer hat eine absurde Flut von Schenkungen ausgelöst. Solche Ereignisse und Reaktionen prägen ganze Familien und ihre Beziehungen.

Als «Faustrecht der Freiheit» 1975 in Cannes erstmals zu sehen war, sagte Fassbinder, dies sei der erste Film in der Geschichte, in dem Homosexualität vorkomme, ohne speziell thematisiert zu werden. Homosexualität als Normalität. Ihre Geschichte hingegen erzählt von einer bisexuellen Liebe.
Für mich ist eine sexuelle Ausrichtung keine feststehende Tatsache. Sie ist Energie. Eugenie lebt in einer heterosexuellen Beziehung und lässt sich auf eine lesbische Liebe ein. Aber dies ist nicht eigentlich das Thema. Von wem ich mich angezogen fühle, hat nichts mit meiner sexuellen Identität zu tun, sondern nur mit dem Menschen, der vor mir steht.

Fassbinder sagte, wenn man eine homosexuelle Liebe zeige, seien das Männliche und das Weibliche nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar. Im Film definieren sich denn auch Fox und Eugen als Frau und Mann, indem sie es aussprechen. Und gleichzeitig kann ich als Zuschauerin selber für mich herausfinden, wer denn nun eher weiblich und wer eher männlich ist. Die Grenzen verwischen sich.

Fassbinders kleine Gauner sind in gewissem Sinn sehr angepasst und wollen sich lediglich auch ein Stück vom grossen Kuchen abschneiden. So nach dem Motto: Krieg ich es nicht legal, hol ich es mir halt illegal. Ist Foxi in ihrem Stück eine Rebellin?
Ja, denn sie kämpft für einen grossen Wert, nämlich für die Liebe. Sie ist ein empfindsamer, verwundbarer Mensch. Sie will kein Stück vom Kuchen, sondern Liebe. Dafür läuft sie ins Messer, verbrennt und geht unter.

Im Vorfeld der Probenarbeit haben Sie mit Persönlichkeiten, die in Zürich leben, zu gewissen Themen, die im Stück vorkommen, Interviews geführt. Dieses Material verwenden Sie nun auch in Ihrer Inszenierung. Ist das Stück für sich allein nicht mehr zeitgemäss?
Ursprünglich hatte ich einfach das Projekt, über dieses Stück mit mir fremden Leuten zu diskutieren. Dass ich das Material in der Inszenierung verwende, hat damit zu tun, dass es ambivalent ist. Es gibt keine eindeutige Aussage, da der Pfarrer etwas ganz anderes sagt als der Unternehmer, der wiederum der Tanzlehrerin widerspricht. Und der Philosoph betrachtet es nochmals von einer anderen Warte.

Ich habe sie beispielsweise gefragt, ob es die uneigennützige Tat gäbe. Der Pfarrer bejaht es, der Unternehmer meint, wenn das einer zum Thema mache, sei das bereits ein Zeichen von Eigennutz, der Philosoph stellt die Frage als solche zur Diskussion, und die Tanzlehrerin ist der Ansicht, dass in bürgerlichen Kreisen eine grosse Bereitschaft zum Spenden bestehe, man wolle etwas zurückgeben, was aber im Sinn des Unternehmers bereits wieder ein Akt des Eigennutzes ist. Die Polizistin hingegen betrachtet ihre Berufswahl als Ausdruck von Uneigennützigkeit. Diese Widersprüchlichkeit des dokumentarischen Materials interessiert mich.

Zu welchen Themen haben Sie Gespräche geführt?
Das wichtigste Thema für mich ist die Frage gewesen, ob es sich lohnt, eine Opfergeschichte zu erzählen. Was bringt es, dem Publikum diese Hoffnungslosigkeit, diese Ungerechtigkeit einfach so zu zeigen? Warum tut man das überhaupt? Der Pfarrer ist der Ansicht, der Mensch mache durch seine Taten immer wieder andere zu Opfern – oder werde selbst zu einem gemacht. Es sei aber wichtig, die Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren. Denn wenn man es schon nicht vermeiden könne, solle man es wenigstens bewusst tun. Und vielleicht auch das eine oder andere Mal vermeiden.

Im Grunde geht es ja um die Sündenbockthematik: Auf den Schultern einer Person wird ein Ersatzkonflikt ausgetragen, der mit dem eigentlichen Konflikt gar nichts zu tun hat. So muss in unserem Stück Foxi über die Klinge springen, obwohl die eigentliche Auseinandersetzung Eugenie und ihren Vater betrifft. Diese Spirale kann man immer weiterdenken, denn es gibt sicher auch einen Grund, warum der Vater seine Tochter so behandelt. Die Quelle des Übels bleibt unsichtbar, das Opfer aber ist sichtbar.

Es fällt auf, dass Sie bisher vor allem Stücke inszenierten, die in den siebziger Jahren geschrieben wurden, Stücke von Marguerite Duras, Wolfgang Bauer und nun Rainer Werner Fassbinder.
Wenn ich ein Stück lese, muss eine Fantasie entstehen für den Stoff. Und die wird ausgelöst durch das, was mich beschäftigt. Meine Erziehung ist stark geprägt von dem, was sich in den siebziger Jahren ereignet hat. Ich bin ja erst 1985 geboren – dadurch fühle ich die Nähe dieser Jahre vielleicht noch, selber erlebt aber habe ich sie nicht. Das gibt meiner Fantasie genug Freiraum für diese Zeit – gleichzeitig bin ich so nicht durch einen unnötigen Respekt diesen Stoffen gegenüber belastet.

Es gibt viele andere wunderbare Stücke, an die ich mich aber nicht heranwage. Ich bin zum Beispiel ein grosser Fan von Anton Tschechow. Aber der Respekt vor seiner grossartigen Sprache blockiert mich zu sehr. Grundsätzlich muss ich eine Anbindung an die Gegenwart sehen und gleichzeitig eine Zeitlosigkeit spüren. Das hört sich vielleicht etwas pathetisch an, aber ich kann es nicht anders formulieren.

Ihr Vater, Thomas Koerfer, ist ein bekannter Filmemacher. Nun setzen Sie einem Autorenfilm ein Theaterstück gegenüber. Sie schreiben es um und stellen es in einen anderen Kontext. Ist das Zufall?
Ich habe die Filme meines Vaters nur als Zeitdokumente wahrgenommen. Er hörte mit dem Filmemachen auf, als ich fünf Jahre alt war. Ich hatte einen Vater, der Kunst sammelte, sich mit bildender Kunst beschäftigte, einen Filmverleih betrieb und in Museen tätig war. Ich wusste jedoch immer, dass Regieführen ein realer Beruf ist. Das gab mir die Möglichkeit zu behaupten, ich will Regisseurin werden. Ich wusste konkret, was das bedeutet, und dass es das gibt.

Wo sehen Sie Ihre Aufgabe als junge Regisseurin in den heutigen chaotischen Umbruchzeiten?
Theater soll die Möglichkeit bieten, einen Fokus auf unsere Gegenwart zu schaffen. Ich möchte meine Sicht der Welt, meine besondere Wahrnehmung darstellen. Das hat natürlich mit Selbstverwirklichung zu tun, hauptsächlich aber mit Dialog. Blöd gesagt: Ich will durch das Medium Theater mit meiner Zeit kommunizieren.

Ich glaube nicht, dass ich mit meiner Kunst die Welt verändern kann. Meistens sehen diejenigen die Stücke, die sowieso häufig ins Theater gehen. Dadurch aber, dass ich jung bin, bringe ich neue, junge Zuschauer ins Theater. Darin sehe ich durchaus eine Aufgabe.

Und warum ausgerechnet Theater?
Theater ist eine Aneinanderreihung von Momenten. Eine Begegnung zwischen Schauspielerinnen und Zuschauerinnen. Es ist mir ein Anliegen, dass über die Anwesenheit von lebendigen Körpern Unmittelbarkeit entsteht. Musik, Bilder, Choreografien unterstützen das im besten Fall.

«Ich will nur wieder so sein können, wie ich bin», sagt Fox im Film. Was bedeutet dieser Satz in Ihrer Inszenierung?
Foxi will das Rad der Zeit zurückdrehen. Sie will das, was passiert ist, ungeschehen machen. Die Geschichte ist auch eine Art Schicksalstragödie. Darum dreht sich auch unser Bühnenbild wie ein Rad nur in eine Richtung. Denn man kann nichts ungeschehen machen. Das ist ein Gesetz.

Vielleicht wünscht sich Foxi sogar, nie im Lotto gewonnen zu haben. Denn erst dieses Ereignis hat ja alles in Gang gebracht. Und sie will wieder allein, unabhängig sein. Ohne diese Liebe, die ihr alle diese Probleme gebracht hat. Man wünscht sich die Liebe – und will sie danach wieder loswerden.

«Faustrecht der Freiheit» in: Zürich, 
Theater Neumarkt. Premiere: So, 15. Januar, 
20 Uhr. Weitere Vorstellungen: Di–Fr, 
17.–20. Januar; Mi–Sa, 1.–4., Di–Fr, 7.–10., 
sowie Mi–Sa, 15.–18. Februar, je 20 Uhr. 
www.theaterneumarkt.ch

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