Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

«Wie verhält sich eine gute Mutter?»

Die Schweizer Regisseurin Stina Werenfels zeigt in «Dora» Abgründe, in welche die Filmförderung nicht schauen wollte.

Von Silvia SüessMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Wie frei sind wir Frauen mit unseren Körpern?», fragt Stina Werenfels. «Inwiefern sind wir aufgrund von biologischen Zäsuren, die Männer nicht kennen, an unseren Körper gefesselt?»

WOZ: Stina Werenfels, in Ihrem neuen Film entscheidet sich eine Mutter, die Medikamente ihrer behinderten pubertierenden Tochter Dora abzusetzen. In der Folge entdeckt Dora nicht nur eine neue Lebenslust, sondern auch ihre Sexualität. Ist Ihr Film ein Plädoyer gegen Pharmazeutika?
Stina Werenfels: Nein. Aber da ich ursprünglich Pharmazie studiert und danach im Verkauf gearbeitet habe, ist mir bewusst, dass Medikamente auch ein Mittel sind, um Menschen ruhigzustellen. Ausserdem bin ich überzeugt, dass es zu wenig individuelle Diagnosen gibt und dass Nebenwirkungen zu wenig berücksichtigt werden. Dazu erschliesst die Pharmabranche laufend neue Märkte, beispielsweise werden Kinder immer früher erfasst.

Ihr Spielfilm ist eine Adaption von Lukas Bärfuss’ Theaterstück «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern». Das Stück spielt in den siebziger Jahren, Sie haben die Geschichte in die Gegenwart verlegt. Warum?
Als ich das Stück 2003 im Theater Basel sah, wusste ich, dass das ein Thema ist, in das ich mich reinknien möchte. Wie der Zufall so spielt, wurde ich im selben Monat schwanger. Seither beschäftigen mich Fragen rund ums Muttersein. Die übergeordneten Themen des Theaterstücks sind ja Freiheit und Selbstbestimmung einer behinderten jungen Frau. Dora entdeckt ihre Sexualität und bringt damit ihre Umgebung ins Schleudern. In diesem Zusammenhang fand ich auch viel Interpretationsspielraum zu gegenwärtigen Fragen des Frauseins.

Was für Fragen sind das?
Wie frei sind wir Frauen mit unseren Körpern? Inwiefern sind wir aufgrund von biologischen Zäsuren, die Männer nicht kennen, an unseren Körper gefesselt? Ausserdem erlebt die Mutterfunktion heute eine Renaissance, sie wird übermässig idealisiert: Jeder glaubt zu wissen, was eine gute Mutter ist, wie sich eine gute Mutter verhält. Eine Mutter ist entweder Heilige oder Rabenmutter. Nichts ist ideologisch so besetzt wie die Mutterschaft.

Die Mutterfigur haben Sie auch am meisten verändert: In Ihrem Film versucht die vierzigjährige Mutter, mithilfe von Reproduktionsmedizin nochmals schwanger zu werden. Warum diese Veränderung?
Bärfuss’ Stück endet mit einer Gebärmutterentfernung, angestrengt von der Mutter. Das ist sehr archaisch und interessant, weil dahinter aus meiner Sicht der Gebärneid steht. Doch ich wollte, dass mein Film in der Gegenwart spielt, in der die Medizin mit pränataler Diagnose und modernen Reproduktionsmethoden neue Optionen eröffnet. Sexualität und Reproduktivität können vollständig voneinander abgekoppelt werden. Heute fand ich es daher richtig, Dora das Kind austragen zu lassen. An ihrer Schwangerschaft wird die Eifersucht, aber auch die Liebe und Zerrissenheit der Mutter dramatisch sichtbar. Das Gefühl von Ambivalenz im Stück – was ist richtig, was ist falsch? – wollte ich dabei unbedingt aufrechterhalten. An der Mutter bleibt immer am meisten hängen.

Was bleibt an der Mutter hängen?
Wir leben in einer liberalen Gesellschaft, was bedeutet, dass auch für behinderte Menschen das Recht auf Selbstbestimmung gilt. Aber auf der andern Seite verlangt der Neoliberalismus: «Fein, jetzt bist du selbstverantwortlich, dann machs doch gleich alleine.» Ich sehe da die Gefahr, dass viel Verantwortung und finanzielle Last auf die Familien abgewälzt werden. Der Arzt in meinem Film antwortet denn auch auf die Frage der Mutter, ob die Medikamente abgesetzt werden sollen oder nicht, lapidar: «Sie sind die Mutter.» Meine Mutter fühlt sich einsam in ihren Entscheidungen. Interessant ist übrigens auch, dass ihre Figur und ihr Verhalten bei den Förderinstitutionen am meisten zu reden gegeben haben.

Wie bitte? In einem Film, der sich um das Tabu der Sexualität von Behinderten dreht, reibt sich die Kritik an der Mutter?
Ja, sie war das eigentliche Reizthema.

War denn die Figur der Mutter ein Grund, dass Sie weder vom Bund noch von der Zürcher Filmstiftung bei der Produktion finanziell unterstützt wurden?
Das Drehbuch hat die Leute in den Kommissionen auf die Palme gebracht, sie reagierten völlig irrational. Das gehe so nicht, und deshalb könne das nicht unterstützt werden. Sie haben mir abstruse dramaturgische Grundsätze um die Ohren gehauen, warum das nicht klappen könne. In der Zürcher Filmstiftung gab es keine Abstimmung, das Drehbuch wurde in globo vom Tisch gewischt, wie man mir mitgeteilt hat. Hinter den Ablehnungen steckte wohl etwas anderes.

Was denn?
Gefühle wie «Ich halte das nicht aus» oder «Ich will das nicht sehen». Es waren unausgegorene persönliche Befindlichkeiten, plausibel erklären konnte man mir diese nie. Wir möchten unbedingt einen Film von dir, hiess es zwar, aber nicht diesen.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich fühlte mich sehr isoliert. Was mich jedoch am meisten getroffen hat, ist die fehlende Neugierde. Kunst heisst, Neuland zu betreten. Jeder Film ist ein Prototyp, und auf den hat man einfach neugierig zu sein, wenn man sich in diesen Gremien sinnvoll betätigen möchte. Am Schluss drehte ich in Berlin, weil der Film nicht aus der Schweiz heraus finanziert werden konnte. Trotz allem habe ich nie daran gezweifelt, dass ich den Film machen muss. Ich war getrieben von diesem Thema.

Was genau hat Sie getrieben?
Doras Welt. Ich wollte sie auf die Leinwand bringen!

Auch Dora ist eine Getriebene. Sie verliebt sich in Peter und möchte Sex mit ihm. Doch wie dieser Sex dann vonstattengeht, ist ziemlich deftig und brutal.
Diese Szene hat auch mir sehr zu schaffen gemacht. Nicht wegen der Sexualität an sich, da war ich neugierig darauf – ich hatte davor nicht mal eine harmlose Bettszene inszeniert. Schwierig fand ich die Frage der Gewalt beim Sex. Im Stück ist das auch ein Kernpunkt: Dora hat blaue Flecken vom Sex und sagt, es habe ihr gefallen. Das ist mehr als schwierig zu verstehen, wenn man die Vergewaltigungsdiskussionen kennt und feministisch dazu ist. Ich habe sehr viel recherchiert, denn ich wollte nicht spekulativ arbeiten. Wir haben Dora genau abgeklopft, bevor wir diese Zone der Sexualität betreten haben.

Abgeklopft worauf?
In der Fachliteratur findet man die Zahlen zur sexuellen Ausbeutung von Menschen mit geistiger Behinderung, inklusive Schätzungen zu den Dunkelziffern. Und die sind niederschmetternd. Ich hatte furchtbare Angst, diesen Übergriff im Film in irgendeiner Form schönzureden. Eine Zeit lang hatte ich das Gefühl, ich müsste diese Szene einfach auslassen. Bis ich begriffen habe, dass die Angst vor dem Missbrauch auch eine übertriebene Kontrolle über die Sexualität geistig behinderter Menschen auslösen kann. Und das hat auch aggressive Aspekte, ist eine weitere Form der Bevormundung. Dieser Diskussion wollte ich mich mit meiner Inszenierung stellen.

Glauben Sie, dass «Dora» aus diesem Grund niemand finanzieren wollte?
Während der Auseinandersetzung mit dem Stoff von «Dora» hatte ich manchmal das Gefühl, ich lebe in einer anderen Realität. Ich fand das Thema so wichtig und aktuell, aber unisono hörte ich nur: Das wollen wir nicht. Dahinter steckt wohl die Haltung: Wir haben so ein gutes Leben, warum sollten wir uns denn sozusagen künstlich mit Unangenehmem befassen?

Warum sollten wir?
Weil es immer um eines geht: zu verstehen, was das Leben ist und was es mit sich bringt. Und das Leben ist nun mal voller Abgründe. Das sieht man auch bei «Dora». Trotzdem ist der Film für mich ein Film über die Schönheit, am Leben zu sein.

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