Nr. 02/2012 vom 12.01.2012

Die Islamisten aus dem Norden

Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas terrorisieren bewaffnete Banden christliche BewohnerInnen des muslimischen Nordens. Nigerias Staatsmacht kennt als Antwort nur Repression.

Von Ruedi Küng

Es sieht wie ein Religionskrieg aus. Und für die Christliche Vereinigung Nigerias (CAN) ist es das auch. Die islamistische Organisation Boko Haram wolle mit ihren Attacken Christinnen und Zuwanderer aus dem Süden aus Nordnigeria vertreiben, erklärte der CAN-Vorsitzende Ayo Oritsejafor am vergangenen Wochenende an einer Medienkonferenz und sprach von «ethnischen und religiösen Säuberungen». Am Freitag hatten bewaffnete Männer in der Stadt Mubi im Nordosten Nigerias unter Allahu-Akbar-Rufen auf eine christliche Trauergemeinde geschossen und mindestens zwölf Personen getötet. In der Stadt Yola in derselben Region hatten Bewaffnete das Feuer auf Gläubige in einer Kirche eröffnet und mindestens zehn von ihnen getötet. Im etwas weiter nördlich gelegenen Gombe waren am Abend zuvor bei einem ähnlichen Angriff sechs Menschen ums Leben gekommen. Ein Sprecher von Boko Haram stellte die Angriffe in Zusammenhang mit dem Ultimatum, das die islamistische Gruppierung den ChristInnen Nordnigerias vor einer Woche gestellt hatte. Demnach müssen diese alle Gebiete Nigerias verlassen, in denen sie in der Minderheit sind. Hunderte aus dem Nordosten des Landes sind inzwischen geflohen. Umgekehrt sollen muslimische BewohnerInnen begonnen haben, ihre Wohnorte in Südnigeria zu verlassen – aus Angst vor Vergeltungsschlägen.

Nigeria, Afrikas grösster Erdölproduzent und das bevölkerungsreichste Land des Kontinents, ist gespalten. Etwa die Hälfte der 160 Millionen EinwohnerInnen bekennt sich zur christlichen Religion, die andere zur muslimischen. Im Norden des Landes sind MuslimInnen in der Mehrheit, im Süden ChristInnen.

Anschläge gegen Polizei und Militär

Auf einen religiös motivierten Feldzug deutet auch die Selbstbeschreibung von Boko Haram hin: Sie versteht sich als «Partei der Sunna-Gefolgsleute für Missionierung und Dschihad». Viele BeobachterInnen glauben, die Organisation trachte danach, ganz Nigeria in einen islamischen Gottesstaat mit einem strengen Scharia-Rechtssystem zu verwandeln. Andere schreiben Boko Haram das Ziel zu, den Norden durch Sezession vom Süden abzuspalten. Ob es Boko Haram allerdings tatsächlich darum geht, ist höchst fraglich. «Sezession» ist seit Ende der sechziger Jahre ein Reizwort, mit dem man leicht GegnerInnen diffamiert. Damals tobte im Land ein grausamer Krieg um die abtrünnige Region Biafra.

Doch bei Boko Haram ist vieles unklar: Seit ihrer Gründung im Jahr 2002 durch den damals 32-jährigen muslimischen Geistlichen Muhammad Yusuf ist die Organisation nicht mit Schriften, sondern mit Gewaltaktionen hervorgetreten. Zu Beginn ging es nicht gegen die ChristInnen: Die Militanten griffen vor allem PolizistInnen, Polizeistationen und Militärkonvois an, auch mit der Absicht, sich Waffen zu beschaffen. Von 2005 bis 2008 trat Boko Haram nur wenig in Erscheinung. Mitte 2009 dann forderten ihre Anhänger die Sicherheitskräfte des Staates mit einem eigentlichen Aufstand heraus, der aber nur kurz dauerte. Die zur Terrorabwehr gebildete Joint Task Force der Armee schlug erbarmungslos zurück und tötete mehr als 800 Boko-Haram-Militante. Anführer Muhammad Yusuf wurde gefangen genommen, verhört und kam in Polizeigewahrsam ums Leben. Doch Boko Haram liess sich nicht zerschlagen. Seit Mitte 2010 liefern sich ihre mit modernen Waffen ausgerüsteten Kämpfer oft stundenlange Schiessereien mit der Armee. Sie töten auch gezielt VertreterInnen der politischen Macht, darunter Muslime und Regierungsleute aus dem Norden, die ihre Gewalttaten ablehnen. Weil sie dazu oft auch Mopeds benutzten, untersagten die Behörden in der Boko-Haram-Hochburg Maiduguri den Gebrauch des in Nigeria weit verbreiteten Verkehrsmittels.

Inzwischen hat die islamistische Organisation ihre Aktionsformen weiterentwickelt. Boko-Haram-Anhänger verüben jetzt auch Selbstmordattentate in der Hauptstadt Abuja: im Mai 2011 nach der Inauguration von Präsident Goodluck Jonathan, im Juni 2011 gegen das nationale Polizeihauptquartier und im August 2011 gegen das Uno-Hauptquartier. Dass Boko Haram fähig ist, solche Anschläge im Machtzentrum Nigerias zu verüben, schreiben Fachleute deren Verbindungen mit al-Kaida im Maghreb zu. Sie zweifeln nicht daran, dass deren Sprengstofffachleute Boko-Haram-Militante ausbilden und ihnen Sprengstoff und Waffen verschaffen – unter anderem aus libyschen Beständen.

Mit militärischer Macht

Nigerias Präsident Goodluck Jonathan setzt im Kampf gegen Boko Haram fast ganz auf militärische Macht. Mehr als umgerechnet fünf Milliarden Franken – ein Fünftel des Staatshaushalts – will er dieses Jahr den Sicherheitskräften zukommen lassen, darunter auch privaten Sicherheitsfirmen aus den USA. Also muss er an anderen Orten sparen: Eine drastische Reduktion der Benzinpreissubventionen hat in den letzten Tagen einen Generalstreik der Gewerkschaften provoziert.

Ende 2011 verhängte Jonathan über weite Gebiete Mittel- und Nordostnigerias den Ausnahmezustand, was den notorisch ruchlosen Militärs freie Hand bei Repressionsmassnahmen gegen Boko Haram lässt. Ihnen fallen auch unbeteiligte Zivilpersonen zum Opfer.

Immer wieder wird gefordert, die Regierung müsse mit Boko Haram verhandeln, statt sie allein militärisch zu bekämpfen. Schliesslich konnten so in den letzten Jahren auch die verschiedenen Rebellengruppen aus dem Nigerdelta zur Einstellung der bewaffneten Kämpfe bewogen werden. Diese hatten eine höhere Beteiligung der lokalen Bevölkerung an den Erdöleinnahmen gefordert. Doch Verhandlungen mit Boko Haram sind schon aufgrund ihrer unklaren Ziele schwierig. Der neue Anführer Abubakar Shekau gilt als radikaler und noch unversöhnlicher als sein Vorgänger Yusuf. Die Forderung nach Wegzug der ChristInnen aus den mehrheitlich muslimischen Regionen ist angesichts der Durchmischung der Religionsgruppen insbesondere im sogenannten Middle Belt Nigerias vollkommen abwegig. Die Vermittlungsbemühungen unter dem ehemaligen Präsidenten Olusegun Obasanjo im vergangenen Jahr sind denn auch gescheitert. Mehr noch: Zwei Boko-Haram-Militante erschossen Babakura Fugu – den Schwager des früheren Präsidenten – vor seinem Haus in Maiduguri, nachdem dieser an den Friedensgesprächen mit Obasanjo teilgenommen hatte.

Boko Harams Erstarken hat viele Gründe, nicht nur religiöse. Dazu gehört die Nord-Süd-Spaltung Nigerias. Es gibt eine bittere Rivalität zwischen den muslimischen Eliten des Nordens und jenen des christlichen Südens. Die letztes Jahr unter fragwürdigen Umständen erfolgte Wahl von Goodluck Jonathan, einem Christen aus dem Süden, zum Präsidenten hat viele im Norden erzürnt. Jonathan hat inzwischen viele einflussreiche Positionen in der Zentralregierung und im Militär mit Leuten aus dem Süden besetzt. Ihm wird auch vorgeworfen, eigennützig über die milliardenschweren Erdöleinnahmen zu verfügen.

Bei der Rekrutierung ihrer Militanten kann Boko Haram zudem auf die Ressentiments gegen das Establishment bauen, die bei den Jugendlichen in Nordostnigeria tief sitzen. Diese Region ist seit je die ärmste und am wenigsten entwickelte des Landes. Auch die früheren muslimischen Präsidenten haben sich kaum einmal für das Gebiet eingesetzt. Aber auch den Mangel an Schulbildung vieler Jugendlicher nutzt Boko Haram aus. Das staatliche Schulwesen im äussersten Nordosten Nigerias ist prekär. Nur gerade zwölf Prozent der Frauen haben einen Schulunterricht absolviert. Die Mehrheit der Jugendlichen kennt nur die Koranschule. Das macht sie offen für die Botschaft von Boko Haram.

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