Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

«Mit dem Islam hat das doch nichts zu tun!»

Die islamistische Gruppe Boko Haram verbreitet in Nigeria Terror. Hinter ihrer Dschihad-Rhetorik versteckt sich aber ein ziemlich weltlicher Kampf um politische Macht.

Von Cigdem AkyolMail an Autor:in, Abuja

«Weg hier!» war das Letzte, was Mercy Agbo in der Kirche hörte. Dann riss die Explosion das Vordach weg. Sie packte ihre vier Kinder und wollte nur noch fort. Doch dann sah sie, dass die Menschen von draussen wieder zurückdrängten und sich unter den Kirchenbänken versteckten. Was tun? Die Fünfzigjährige fürchtete, die Decke könnte wegen der Erschütterung einstürzen, und drängte sich mit ihren Kindern schliesslich doch ins Freie. Erst als sie für den Moment gerettet waren, kam der Schock: Mercy Agbo hatte ihren Mann, der in der Kirche drei Reihen hinter ihr sass, aus den Augen verloren. Starr vor Angst blickte sie auf die Körperteile, die auf dem Vorplatz lagen. Menschen rannten panisch an ihr vorbei.

800 Tote im letzten Jahr

In Madalla, einem Vorort der nigerianischen Hauptstadt Abuja, kommt der Anschlag am 25. Dezember 2011 ohne jedes Warnzeichen – da ist nichts, was die Menschen auf eine Katastrophe vorbereitet hätte. Denn bis zu diesem Tag gab es hier keine gewaltsamen Angriffe gegen ChristInnen, die Stimmung ist deshalb auch während der Weihnachtsmesse heiter. Bis das Ungeheuerliche geschieht: Die Gläubigen verlassen gerade die St.-Theresa-Kirche, als ein Auto in die Menge rast, ein Sprengkörper explodiert und 44 Menschen in den Tod reisst. Das jüngste Opfer ist ein sieben Monate alter Junge, das älteste eine sechzigjährige Frau.

Fast zeitgleich werden zwei weitere Kirchen in Nordnigeria angegriffen; noch am selben Tag bekennt sich die radikalislamische Boko-Haram-Bewegung zur Anschlagsserie. Boko Haram hat das Land in den vergangenen Jahren mit Tod und Terror überzogen. Bei Schiessereien und Bombenanschlägen kamen nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Associated Press im Jahr 2012 rund 800 Menschen ums Leben.

Boko Haram bedeutet im Hausa-Dialekt «Westliche Bildung ist eine Sünde», die Mitglieder sehen sich selbst als «nigerianische Taliban». Die Gruppe entstand um 2000 herum im Norden des Landes. Damals noch eine lose Protestbewegung, radikalisierte sich die Gruppe zunehmend und kämpft heute für einen islamischen Gottesstaat. Es herrscht keine Klarheit über die Zusammensetzung von Boko Haram und die Anzahl seiner AnhängerInnen. Die fundamentalistische Gruppe hat zwischen 300 und 3000 Mitglieder – hauptsächlich ungebildete junge Männer. Sie zählt heute zu den gefährlichsten Gruppierungen der Welt; ihr werden Verbindungen zu den militanten IslamistInnen in Mali nachgesagt. Kämpfer von Boko Haram seien im vergangenen Sommer zur Ausbildung in Lagern der «al-Kaida im islamischen Maghreb» in Mali gewesen, sagen VertreterInnen der Vereinten Nationen.

Seit 2009, als die nigerianische Führung versuchte, Boko Haram zu zerschlagen, ist die Gruppe eine ernst zu nehmende Gefahr für den Zusammenhalt Nigerias geworden. Damals wurde auch ihr Gründer Mohammed Yusuf von PolizistInnen erschossen. Aus Rache sind seitdem regelmässig Polizeistationen und Kirchen angegriffen worden. Dass Boko Haram «eines Tages verschwinden wird», wie Nigerias Präsident Goodluck Jonathan 2011 sagte, ist unwahrscheinlich – derzeit fehlt der Polizei und den Geheimdiensten offenbar jeglicher Zugriff auf die Terroristen. Im selben Jahr wurden bei einem Anschlag auf das Uno-Hauptquartier in Abuja 23 Menschen durch eine Explosion getötet.

Religiösestes Land der Welt

Laut einer Religionsstudie der Bertelsmann-Stiftung ist Nigeria das religiöseste Land der Welt, 92 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als «tiefreligiös». Im grössten christlich-islamischen Staat der Welt sind von den 170 Millionen NigerianerInnen die Hälfte MuslimInnen, vierzig Prozent ChristInnen und zehn Prozent AnhängerInnen traditioneller Religionen. Ganz genau sind die Zahlen allerdings nicht: Um keine Konflikte zu schüren, wird bei Erhebungen oftmals nicht nach der Religionszugehörigkeit gefragt.

Auch wenn es von westlichen Medien hin und wieder so dargestellt wird, geht es in Nigeria nicht um einen Kampf der Religionen; diese These passt nur allzu gut in die hiesige Vorstellung eines Glaubenskriegs zwischen MuslimInnen und ChristInnen. Der Grossteil der Anschläge zielt auf MuslimInnen, denen die Terroristen «Verwestlichung» unterstellen. Der Hauptfeind von Boko Haram ist der Staat. Die Religion ist nur ein Vorwand für ganz andere Absichten.

Die Terroristen nennen ihren Feldzug zwar «Dschihad», aber eigentlich ist es ein Feldzug für den Erhalt politischer Macht – darin spielen auch wirtschaftliche und ethnische Fragen eine Rolle. «Wäre Boko Haram nicht militant geworden, dann würde ich es wahrscheinlich sogar unterstützen», sagt Ignatius Kaigama, Erzbischof von Jos und Vorsitzender der nigerianischen Bischofskonferenz. Anfangs sei es um den Kampf gegen die Korruption, den Zusammenbruch der Moral, um Ungerechtigkeit und fehlende Perspektiven in seiner Heimat gegangen. Der 52-jährige Kaigama nennt höchst weltliche Gründe für die Ausschreitungen zwischen den Religionsgruppen: Streit um Land, Rache für ein Verbrechen, persönlicher Zwist. Warum aber brennen immer wieder Kirchen? «Kirchen sind nun mal ein attraktives Ziel», räumt Kaigama ein. Der Aufschrei bei einem solchen Angriff sei grösser als etwa bei der Bombardierung eines Einkaufszentrums. Es gebe auch ChristInnen, die sich rächen wollen und muslimische Institutionen angreifen, so Kaigama. Er ruft deswegen unermüdlich zum Dialog auf, was aber sehr schwierig sei. So wirft die 2015 anstehende Präsidentschaftswahl ihre Schatten voraus: Der amtierende Staatschef ist ein Christ aus dem ölreichen Süden, wo der Grossteil der rund 68 Millionen ChristInnen Nigerias lebt.

Nord-Süd-Spaltung

Im Norden Nigerias betrachtet die meist muslimische indigene Bevölkerung die christlichen BäuerInnen und Kaufleute, die zum Teil schon seit Jahrzehnten in der Region leben, noch immer als Fremde und Eindringlinge. Diesen «Siedlern» ist es nicht erlaubt, sich für politische Ämter zu bewerben oder sich an lokalen Wahlen zu beteiligen. Die gleiche Diskriminierung gilt auch für MuslimInnen im Süden – ihnen werden gewisse Bürgerrechte vorenthalten. Sogar über eine Teilung zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden wird in manchen Medien spekuliert. Dabei ist es eine Grenze zwischen Arm und Reich, die das Land spaltet: Die zwölf Bundesstaaten im Norden sind die unterentwickeltsten Regionen Nigerias. Nigeria gilt als eines der korruptesten Länder der Erde. Auf dem Boden von Korruption und Armut kann nicht viel gedeihen – ausser Verzweiflung und radikale Ideen. Wer hier Hass gegen die Obrigkeit und auch gegen seine NachbarInnen säen will, muss nur wenig tun.

In Sokoto, 500 Kilometer von Madalla entfernt, sitzt Muhammad Sa’ad Abubakar III. in seinem grossen Arbeitszimmer. Fünf seiner Assistenten hocken auf dem dicken Teppichboden, verschiedene Unterlagen haben sie vor sich ausgebreitet. Der Sultan ist in Nigeria das geistige Oberhaupt aller MuslimInnen. Abubakar III. gilt als fortschrittlich und ist mit nur einer Frau verheiratet. Der massige Mann hält in der einen Hand ein Handy und in der anderen eine Gebetskette. «Jeder Mensch ist gleich, egal welcher Religion er angehört», sagt er, «Frieden ist wichtig.» Für seinen interreligiösen Einsatz wurde er als Kandidat für den Friedensnobelpreis 2012 gehandelt. Von einem Krieg zwischen ChristInnen und MuslimInnen will der Sultan, der auch Präsident des staatlichen Obersten Rats für islamische Angelegenheiten ist, nichts wissen.

Ein Alibikampf

Ob wirklich Boko Haram hinter all den Anschlägen auf Kirchen, Journalisten, Politikerinnen, Religionsführer, Polizeistationen und Bürgerinnen steckt, ist nicht überprüfbar. Diejenigen, die sprengen und morden, werden nur selten ausfindig gemacht. Regierung und Sicherheitskräfte wirken trotz ihrer zur Schau gestellten Entschlossenheit hilflos. Vielleicht ist dies aber auch eine Taktik der Eliten. Wenn dann doch mutmassliche Täter gefasst werden, kommen sie nur selten vor Gericht. Entweder werden sie sofort umgebracht, oder sie kommen in Untersuchungshaft und werden dann oftmals wieder freigelassen. Grund dafür ist die Korruption. Für die Soldaten, Polizistinnen, Richter und Lokalpolitikerinnen ist das eine Möglichkeit, ihr mageres Salär mit einem Nebenverdienst aufzubessern. Schliesslich hat fast jeder eine Familie zu versorgen.

Überhaupt sei der Kampf gegen Boko Haram zu einem Alibi für PolitikerInnen geworden: «Unsere Politiker sind korrupt. Damit sie es weiterhin bleiben können, nutzen sie jede Gelegenheit, um von sich abzulenken», sagt Muhammad Sa’ad Abubakar III., «Korruption ist unser grösstes Problem.» Der Sultan kommt zudem zum Schluss, dass Boko Haram mittlerweile eine Art «Franchiseunternehmen» geworden ist: «Es gibt eine Menge Kriminelle, die rasch Boko Haram zugeordnet werden», sagt er. «Wenn eine Bank ausgeraubt wird, dann heisst es, Boko Haram war das.»

Mercy Agbo erfährt erst Stunden nach dem Anschlag auf die Kirche, dass auch ihr Mann überlebt hat. Die Familie ist glimpflich davongekommen; der kleinste Sohn muss zwar später am Kopf operiert werden, aber er überlebt. Trümmer lassen sich beiseite räumen, Narben verheilen, aber was hilft gegen die Angst? «Die habe ich nicht», sagt Mercy Agbo, hebt ihr Kinn und zeigt mit dem Finger nach oben: «Gott hat uns beschützt.»

Ob sie Wut auf MuslimInnen habe? «Nein», sagt sie und scheint irritiert. «Es sind nur einzelne Fanatiker, die morden. Mit dem Islam hat das doch nichts zu tun!» Sie geht immer noch jeden Sonntag in die Kirche. Nur Weihnachten 2012 war sie nicht in der St.-Theresa-Kirche. Mercy Agbo feierte da in ihrem Geburtsdorf ihr zweites Leben.

Entwicklung im Vielvölkerstaat

Armut steigt trotz Ölreichtum

Nigeria ist mit rund 170 Millionen EinwohnerInnen der bevölkerungsreichste Staat Afrikas und gehört zu den Ländern mit den grössten Erdölvorkommen weltweit. Mit 2,5 Millionen Fass pro Tag ist Nigeria der grösste Ölproduzent auf dem Kontinent; rund achtzig Prozent der Staatseinnahmen stammen aus dem Export von Öl und Gas. Doch der Ölreichtum kommt bisher nur einer kleinen Elite im Süden zugute, während die Menschen im Norden des Landes kaum davon profitieren. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt nach Angaben des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Armut – doppelt so viele wie noch vor 25 Jahren. Jedes vierte nigerianische Kind unter fünf Jahren gilt nach Angaben des BMZ als unterernährt. 154 von 1000 Kindern sterben, bevor sie fünf Jahre alt werden. Nur wenig mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Trinkwasser. Nur zehn Prozent der ländlichen Bevölkerung und vierzig Prozent der Gesamtbevölkerung haben Anschluss an das Stromnetz.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Öl provoziert soziale Spannungen und trägt dazu bei, dass Nigeria immer wieder von gewaltsamen Konflikten erschüttert wird. In den Ölfördergebieten des Nigerdeltas kommt es seit vielen Jahren zu Kämpfen zwischen verschiedenen bewaffneten Gruppen, paramilitärischen Banden und Sicherheitskräften. Grosse Probleme bereitet die radikalislamische Sekte Boko Haram. Ihr Ziel ist es, den Vielvölkerstaat islamischem Recht, der Scharia, zu unterwerfen.

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