Nr. 02/2012 vom 12.01.2012

In der Küche unter prekären Bedingungen

Wir sehen die Hände. Sie schälen Kartoffeln, schneiden Peperoni, kneten Teig. Die Frauen, die kochen, sehen wir nicht. Mit Grund: Sie alle sind Opfer von häuslicher Gewalt und haben im Frauenhaus Bern Schutz gesucht. Dort kochen sie zwei- bis dreimal pro Woche für alle.

Frauenhaus-Mitarbeiterin Yasmin Gutiérrez hat Frauen, die das Haus inzwischen verlassen konnten, zu Hause besucht, ihre Rezepte gesammelt und sie beim Kochen fotografiert. Die Bilder zeigen die grosse Konzentration, mit der sie am Werk sind – obwohl (oder gerade weil?) wir nur die Hände sehen.

Kurze Texte geben Einblick in die Geschichten der Frauen. Da ist Arda aus dem Kosovo, die von ihrem Mann praktisch in der Wohnung eingesperrt wurde – und jetzt auch noch als illegale Einwanderin gilt, weil er sie nie bei der Gemeinde angemeldet hat. Mut macht der Weg von Cristal aus der Dominikanischen Republik: Sie kann als Tagesmutter jetzt selber für sich und ihr Kind aufkommen. Die meisten Frauen haben sich von ihren gewalttätigen Partnern getrennt und schlagen sich als Alleinerziehende durch. «Ruhig, ohne Gewalt in einer Wohnung leben, während meine Kinder zur Schule gehen» – so formuliert Felicia aus Angola ihre bescheidenen Wünsche.

Dass der Anteil der Migrantinnen im Frauenhaus hoch sei, bedeute nicht, dass ausländische Männer gewalttätiger seien, so Kathrin Reichenbach von der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern im Vorwort: Sie sind oft schlechter vernetzt und haben weniger Geld als Schweizerinnen – und damit weniger Möglichkeiten, im Notfall bei Freundinnen oder im Hotel unterzukommen.

Und die Rezepte? Für Vegetarierinnen und Vollwertköche ist das Buch nicht sehr geeignet: Es gibt hier viel Fleisch und viel Frittiertes. Aber das chinesische Gericht mit Bambus und Seetang macht neugierig. Der chilenische Gemüse-Kartoffel-Eintopf liesse sich auch ohne Hackfleisch kochen. Und mit den Karottenkugeln, einem schnellen, aber raffinierten Dessert aus Syrien, werden wohl alle glücklich.

Bettina Dyttrich

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