Häusliche Gewalt : «Das Persönliche ist eben wirklich politisch»

Nr. 9 -

Vor 43 Jahren wurde in Zürich eines der ersten Frauenhäuser der Schweiz eröffnet. Mitgründerin Annemarie Leiser, die heutige Geschäftsführerin Susan A. Peter und Anthoula Kazantzidou vom früheren Frauenhaus Violetta blicken auf die Geschichte zurück, in der sich die Konfliktlinien der feministischen Bewegung widerspiegeln – und wagen einen Blick in die Zukunft.

«Die Vorstellung, dass gewaltbetroffene Frauen innerhalb von 35 Tagen ihr Leben neu organisieren können sollen, ist an sich schon stossend»: Annemarie Leiser, Anthoula Kazantzidou und Susan A. Peter.

WOZ: Die siebziger Jahre waren eine bewegte Zeit: Schweizweit gingen Frauen für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs auf die Strasse, in Zürich wurden der Frauenbuchladen und die Frauenbeiz Pudding Palace eröffnet. In diese Zeit fällt auch die Grundsteinlegung für das Frauenhaus Zürich. Annemarie Leiser, dass es diese Institution heute gibt, ist auf Ihre Initiative zurückzuführen. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Annemarie Leiser: Themen rund um den eigenen Körper waren damals sehr wichtig. Über allem stand der Slogan «Das Private ist politisch». Ich entdeckte im Frauenbuchladen Bücher von Frauenhäusern aus Berlin und Köln zum Thema Gewalt an Frauen – damals noch ein völliges Tabu in der Schweizer Gesellschaft. Das gab den eigentlichen Anstoss. Ich tauschte mich zuerst mit der kleinen Frauengruppe aus, in der ich damals aktiv war, dann gründeten wir eine Arbeitsgruppe, hängten einen Zettel ans grosse Brett im Frauenzentrum. Und es kamen zu unserem Erstaunen tatsächlich zwanzig Frauen zusammen. Die erste Zeit war recht chaotisch. Es gab unterschiedliche Tendenzen, auf der einen Seite die sogenannt «Radikalen», auf der anderen die «Realos».

Waren Sie ein Realo?
Leiser: Ja, ich wurde zu denen gezählt. Die Radikalen lachten, wenn wir Protokolle schrieben. Sie wollten lieber Plakataktionen machen und solche Sachen. Also trennten wir uns. Ich war dann noch bei ein, zwei solch nächtlichen Aktionen dabei. Aber bald gab es so viel Arbeit beim Aufbau des Frauenhausprojekts, dass ich keine Energie mehr dafür hatte.

Die Gruppe der Radikalen löste sich nach einiger Zeit auf. Die Realos wiederum gründeten einen Verein.
Leiser: Wir haben zunächst eine Umfrage gemacht bei Ärztinnen, Richtern, Pfarrern, Spitälern und so weiter, ob sie mit dem Thema Gewalt an Frauen zu tun haben. Die Rückmeldungen waren überwältigend. So viele Institutionen haben geschrieben, dass sie mit misshandelten Frauen konfrontiert waren und nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Weil wir Geld brauchten, wollten wir uns ein properes Image zulegen, haben einen Verein gegründet und schliesslich im Frauenzentrum eine Beratungsstelle eröffnet. Schon am ersten Nachmittag kam eine Frau zu uns, die ihre gepackten Koffer dabeihatte. Sie dachte, sie könne hier schlafen. Wir fanden dann zum Glück einen anderen Ort für sie. Aber uns war klar, dass wir ein Frauenhaus brauchten. Und dass wir uns dafür auch an bürgerliche Frauen richten mussten mit der Öffentlichkeitsarbeit.

Susan A. Peter: Das war wohl schon eine Irritation für euch, da ihr euch vorher in den autonomen Kreisen eigentlich immer gegen die bürgerlichen Frauen abgegrenzt habt.

Leiser: Das war tatsächlich ein Spagat. Wir waren klar verwurzelt in der autonomen, feministischen Frauenbewegung; andererseits wussten wir: Wenn wir wirklich ein Frauenhaus aufmachen wollen, können wir keine Insel sein. Es gab viele und lange Diskussionen, ob das ein Verrat an der Frauenbewegung sei.

Als das Frauenhaus dann eröffnet war, basierte es auf dem Ideal einer Wohngemeinschaft, wonach es keinen Unterschied geben sollte zwischen Mitarbeiterinnen und Frauen, die Schutz suchten. Man brauchte keine Ausbildung in sozialer Arbeit, sondern es reichte, bekennende Feministin zu sein, um dort zu arbeiten. Sie haben auch gehofft, die gewaltbetroffenen Frauen für den Feminismus begeistern zu können.
Leiser: Wir dachten, wenn die Frauen erst mal im Frauenhaus sind, haben wir Zeit für Diskussionen, und die finden den Feminismus dann auch gut und wichtig. Die Realität war dann eine andere.

Susan Peter, Sie sind in den achtziger Jahren als Praktikantin ins Frauenhaus Zürich gekommen. Was haben Sie da für einen Ort angetroffen?
Peter: Ich erinnere mich noch genau an den Aushang an der Schule für Soziale Arbeit. Ich bewegte mich damals in der autonomen Frauenszene und dachte: «Frauenhaus, das klingt nach Frauen. Das ist sicher ein gutes Praktikum.» Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete, denn ich hatte vorher noch nie etwas mit dem Thema Gewalt an Frauen zu tun gehabt. Ich traf auf eine spannende Gruppe, es hatte schon einige Wechsel gegeben im Team. Frauen, die nach den Gründerinnen einen anderen Groove reinbrachten. Bei den Vollversammlungen im oberen Stock des Frauenzentrums an der Mattengasse gab es hitzige Diskussionen um die Lohnentwicklung. Damals gab es noch keine Betriebsleitung oder eine Geschäftsstelle, und alle redeten mit. Es ging stark um die Frage, was unsere Arbeit wert ist. Einige sagten: Politarbeit ist so wichtig, es kommt nicht darauf an, was ich bekomme. Aber wer kann es sich schon leisten, gratis zu arbeiten?

Anthoula Kazantzidou, waren Sie in jener Zeit auch schon im Umfeld des Frauenhauses unterwegs?
Anthoula Kazantzidou: Nein, nicht direkt. Ich hatte in den frühen achtziger Jahren im «Tages-Anzeiger» gelesen, dass ein Frauenhaus in Zürich existierte. Zur gleichen Zeit war eine schwangere Arbeitskollegin von mir von häuslicher Gewalt betroffen. Ich konnte sie dazu bewegen, sich beim Frauenhaus zu melden. Sie liess sich dort beraten, wohnte dann aber bei meinen Eltern, bis sie eine andere Lösung fand. Ich befasste mich auch mit dem Thema Gewalt, aber auf einer ganz anderen Ebene. Ich war bei der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit dabei. Erst 2001 stiess ich zum Frauenhaus Violetta dazu, das von Migrantinnen für Migrantinnen gegründet und geführt wurde.

Es ist spannend, dass sich die Konflikte innerhalb der feministischen Bewegung auch in der Geschichte des Zürcher Frauenhauses widerspiegeln: zuerst die Gründerinnen, die sich von der bürgerlichen Frauenbewegung abgrenzten; dann die Diskussionen um den Wert der geleisteten Arbeit; und Ende der Achtziger stellten Migrantinnen den Universalismus weisser Feministinnen infrage. Ist das Frauenhaus Violetta auch daraus entstanden?
Kazantzidou: Nein, nicht direkt. Das Frauenhaus Violetta ist Mitte der neunziger Jahre aus der städtischen Beratungsstelle für Migrantinnen Infodona heraus entstanden. Man sah, dass die Probleme von Migrantinnen, die häusliche Gewalt erfahren, anders und vielfältiger sind als jene von Schweizerinnen. Die damalige Stadträtin Emilie Lieberherr war sehr offen und hat die Eröffnung eines zweiten Frauenhauses ermöglicht. Es lag dann irgendwo in Bülach, wo man nur mit dem Taxi hinkam. Die Mitarbeiterinnen mussten das Haus erst neu streichen und Vorhänge nähen. Das waren engagierte Frauen, die vorher auf freiwilliger Basis Beratungsstellen für Migrantinnen aufgebaut hatten.

Es gab einen Konflikt mit den Betreiberinnen des ersten Frauenhauses. Wieso das?
Kazantzidou: Es war ein grosser Streitpunkt, dass es jetzt ein neues Frauenhaus gab. Auch als ich im Jahr 2001 zu Violetta stiess, habe ich noch viel Skepsis von anderen Frauenhäusern und -beratungsstellen gespürt. Vor allem von Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Zürich und auch aus dessen Umfeld. Ich habe das lange nicht verstanden, bis mir eine Mitarbeiterin des Frauenhauses Zürich sagte: «Weisst du, wir sind ja auch Menschen.» Da habe ich begriffen, dass sie sich ausgeschlossen und auch bedroht fühlten, weil das Violetta explizit ein Projekt von Migrantinnen für Migrantinnen war. Das hat sie anscheinend zutiefst im Menschsein getroffen. Das hat mich überrascht.

Susan Peter, wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Peter: Ich arbeitete damals im Team des Frauenhauses. Es gab sehr heftige Diskussionen dank Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund. Benam Ates war eine sehr prägende Figur. Wir haben in Zürich den Internationalen Frauenhauskongress organisiert und Kolleginnen aus Österreich, Deutschland und den Niederlanden eingeladen. An diesem Kongress brachte Benam den Aspekt ein, dass die Situation von Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund nicht dieselbe ist wie diejenige von uns Schweizerinnen. Dann hat es «geklöpft», weil deutlich wurde, dass wir weissen Mittelschichtsfrauen unseren eigenen Rassismus nicht reflektiert hatten. Es führte auch bei uns im Frauenhaus Zürich zu intensiven Diskussionen, in deren Folge schliesslich eine Migrantinnenquote von fünfzig Prozent im Team eingeführt wurde.

Und warum hat die Gründung des Frauenhauses Violetta für Irritationen gesorgt?
Peter: Zu jener Zeit war ich im Vereinsvorstand des Frauenhauses. Wir waren sauer, weil wir nicht vorgängig informiert worden waren, um eine gute Grundlage für die Zusammenarbeit zu schaffen. Hinzu kam, dass eine unserer ehemaligen Nachtmitarbeiterinnen unser Konzept mitnahm und ins Violetta einfliessen liess. Dass es mehr Plätze gab, haben wir sehr befürwortet. Aber das «Wie» von staatlicher Seite hat uns gestört. Wir fanden, die Migrantinnen liessen sich instrumentalisieren.

Kazantzidou: Das Frauenhaus Violetta war sehr wichtig, weil sich Migrantinnen endlich ermächtigt sahen, selbstbestimmt für sich zu sprechen, und auch, weil die im Ausland erworbenen Fachkenntnisse von Migrantinnen in der Schweiz einfach nicht anerkannt und extrem infrage gestellt wurden. Ich kann mich nicht erinnern, dass in irgendeiner Beratungsstelle eine Frau mit einem ausländischen Diplom gearbeitet hat. Im Violetta haben wir nicht auf einen Schweizer Abschluss geachtet. Wichtig waren der Migrationshintergrund und die Ausbildung. Wir waren alles Fachfrauen, aber wir mussten uns nach aussen hin extrem beweisen.

Im Rahmen des New Public Management wurde das Frauenhaus Violetta Anfang der nuller Jahre von der Stadt erst an die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi ausgelagert und ging dann schliesslich zur Stiftung Frauenhaus Zürich über. Konnten die Ressentiments überwunden werden, als beide Frauenhäuser unter einem Dach waren?
Kazantzidou: Das Frauenhaus Zürich hatte ja aufgrund einer internen Krise während ein paar Monaten geschlossen und ist Anfang 2005, als das Violetta dazukam, mit einem neuen Team wieder gestartet. Wir vom Violetta hatten schon ein etabliertes Team, eine eigene Betriebskultur, und wir fühlten uns sicher in unserer Arbeit, während die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Zürich sich erst einarbeiten mussten. Wir waren in erster Linie erleichtert, dass wir eine neue Trägerschaft gefunden hatten und das Violetta weiter bestehen konnte. Ein gewisses Misstrauen war schon noch da, das hat sich in der Zusammenarbeit dann aber aufgelöst.

Annemarie Leiser, Sie haben 1990 aufgehört, im Frauenhaus zu arbeiten. Haben Sie diesen Konflikt von aussen mitbekommen?
Leiser: Ja, eine enge Freundin arbeitete noch dort. Als ich hörte, dass ein neues Frauenhaus aufgehen sollte, dachte ich: Da will die Frau Lieberherr wieder etwas aus dem Boden stampfen und für sich beanspruchen. Wir hatten Ende der siebziger Jahre zwiespältige Erfahrungen mit ihr gemacht; sie versuchte damals, das Thema Gewalt an Frauen für sich zu pachten. Später habe ich gemerkt, dass es diesmal nicht so war. Es ist doch interessant: Erst mussten Frauen das Thema der häuslichen Gewalt aufbringen, die Männer machten das nicht. Dann haben die Migrantinnen es nochmals anders auf den Plan gebracht, auf eine Weise, wie es weisse Schweizerinnen nicht konnten.

Peter: In späteren Diskussionen im Frauenhaus ging es dann auch nicht mehr um die geografische Herkunft, sondern um Schicht und soziale Zugehörigkeit. Eine Schweizerin und eine Migrantin können einander je nachdem viel vertrauter sein als zwei Schweizerinnen, weil sie ähnlich aufgewachsen sind.

Gibt es heute noch eine Migrantinnenquote für Mitarbeiterinnen im Frauenhaus?
Peter: Seit der Zusammenlegung der beiden Häuser war uns die Wichtigkeit des Themas Migration sowohl auf Mitarbeiterinnen- als auch auf Klientinnenseite sehr bewusst. Wenn wir heute eine Stelle ausschreiben, ist es selbstverständlich, dass wir erst einmal schauen, welche Ressourcen im Team fehlen: vom fachlichen Hintergrund, von der Sprache oder vom Alter her … Wir sind da vom Fokus auf die Nationalität weggekommen. Dennoch hatten wir in den letzten Jahren immer mindestens fünfzig Prozent Migrantinnen im Team.

Frau Kazantzidou, als klar war, dass das Frauenhaus Violetta und das Frauenhaus Zürich an einem Standort fusionieren würden, haben Sie gekündigt. Warum?
Kazantzidou: Ich war immer der Meinung, dass es zwei Frauenhäuser an zwei Standorten braucht, um den Schutz der Frauen zu gewährleisten. Wenn eine Frau in einem Haus gefährdet ist, weil zum Beispiel der Partner die Adresse herausgefunden hat, dann kann man sie im anderen unterbringen. Zudem war vielen nicht klar, welche Bedeutung das Frauenhaus Violetta für die Migrantinnen hatte. Viele Mitarbeiterinnen fanden erst über ihre Arbeit im Violetta später eine andere Stelle. Dass Migrantinnen hier ihr Fachwissen beweisen konnten, war sehr wichtig und einzigartig. Ich wollte nicht die sein, die die Türen des Violetta schloss. Meiner Meinung nach fehlt diese Institution bis heute noch immer in der Zürcher Soziallandschaft.

Migrantinnen, die Opfer von häuslicher Gewalt werden, sind mit anderen Problemen konfrontiert als Schweizerinnen. Was hat sich diesbezüglich in den 43 Jahren seit der Gründung des Frauenhauses getan?
Leiser: Es hat sich viel zu wenig bewegt. Eine Frau kann heute in Zürich 35 Tage im Frauenhaus bleiben, das bezahlt die Opferhilfe. Nachher steht sie vor der Frage: Gehe ich zum Sozialamt mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt, oder kehre ich zum Partner zurück? Migrantinnen sind, wenn es um das Aufenthaltsrecht geht, immer noch völlig abhängig von ihren Ehemännern.

Kazantzidou: Es hat sogar Verschärfungen gegeben. Mit der Änderung des Ausländergesetzes von 2019 können nun auch Frauen mit Niederlassungsbewilligung C ihren Aufenthalt verlieren, wenn sie Sozialhilfe beziehen.

Peter: Es gibt zwar ein Bundesgerichtsurteil, das die Ausweisung einer Frau, die häusliche Gewalt erfahren und nachher Sozialhilfe bezogen hat, aufgehoben hat. Aber die Frauen, die zu uns kommen, lassen sich nicht von einem Bundesgerichtsurteil beruhigen. Und die Vorstellung, dass gewaltbetroffene Frauen innerhalb von 35 Tagen ihr Leben neu organisieren können sollen, ist an sich schon stossend.

Was müsste sich verändern?
Leiser: Es sollte wieder viel mehr im Vordergrund stehen, dass das Persönliche eben wirklich politisch ist. Gerade auch beim Thema Femizid. Es wird so getan, als wären das Einzelfälle und als trügen die Frauen möglicherweise sogar noch eine Mitschuld. Die Gesellschaft muss sich bewusst werden, dass es sich dabei um strukturelle Gewalt handelt. Eine schweizweite Datenerhebung zu häuslicher Gewalt und Femizid wäre zum Beispiel enorm wichtig.

Peter: Es fehlt immer noch an einer gesamtschweizerischen Strategie gegen häusliche Gewalt. Heute ist es quasi «Glückssache», in welchem Kanton beziehungsweise in welcher Gemeinde eine gewaltbetroffene Frau welche fachliche gute Unterstützung bekommt. Es braucht einen politisch definierten und überprüfbaren Massnahmenplan.

Vor fast vier Jahren ist in der Schweiz die Istanbul-Konvention zu Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Kraft getreten, die eigentlich schon konkrete Ziele setzt.
Peter: Ja, aber dieser politische Prozess der Umsetzung in den Kantonen muss erst noch passieren. Wir müssen auf allen Ebenen der Gesellschaft ansetzen und lernen, dieses vermeintlich private Problem anzugehen. Schon im Kindergarten kommt ein Verkehrspolizist und erklärt den Kindern: «Luege, lose, laufe.» Überall stehen riesige Plakate: «Achtung, Kindergärtler!» Warum wird dieser Ansatz der Prävention nicht auch im Kontext von häuslicher Gewalt praktiziert?

Warum nicht?
Peter: Weil das Thema eben immer noch stillgeschwiegen wird und geschlechterspezifisch umstritten ist. Alle wissen, dass es Gewalt gegen Frauen und Kinder gibt, und doch ist das Thema in unserer Gesellschaft anscheinend nicht wichtig genug, um dafür zu sorgen, dass wir darüber sprechen lernen.

Kazantzidou: Die patriarchalen Strukturen in der Schweiz sind sehr versteckt. Dadurch, dass viele Frauen in den letzten dreissig Jahren ihren Platz in der Gesellschaft eingenommen haben, gehen viele davon aus, dass es diese Strukturen nicht mehr gibt. Und wenn man doch einmal von ihnen spricht, schiebt man sie in den Kontext von Migration und Islam ab.

Wie sähe denn das ideale Frauenhaus der Zukunft aus?
Leiser: Spontan würde ich sagen, dass es subventioniert sein muss. Die Frauen sollen länger bleiben können. Es sollte verschiedene Formen geben, zum Beispiel von Migrantinnen für Migrantinnen, Wohngemeinschaften und Studios, denn nicht jede Frau fühlt sich in einem Grosshaushalt wohl. Es braucht Wohnungen für die Nachbegleitung. Und natürlich braucht es auch gute Arbeitsbedingungen.

Kazantzidou: Die Gesetzgebung bezüglich Migrantinnen müsste dringend verbessert werden, sodass sie keine Angst mehr um ihren Aufenthaltsstatus haben müssen, wenn sie Schutz suchen und brauchen.

Peter: Idealerweise bräuchte es gar kein Frauenhaus mehr. Leider sind wir noch lange nicht dort.