Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Weltuntergang (vorhersagbar)

Obwohl schon oft beschworen, ist das Ende der Welt noch nie eingetreten. Dennoch gibt es viele Gründe, sich darüber Sorgen zu machen.

Von Sonja Wenger

Anfang Dezember gab die BBC Entwarnung: Das Ende des laufenden Mayakalenders Ende 2012 bedeute keineswegs auch das Ende der Welt. Laut ExpertInnen handle es sich vielmehr um den Beginn eines neuen Kalenderzyklus.

Die Beschwichtigung hat gute Gründe. Viele Menschen, zumindest in der westlich geprägten Welt, scheinen die seit rund fünfzig Jahren gepflegte pseudowissenschaftliche These, dass mit dem Ende des 13. Zyklus des Mayakalenders am 21. Dezember 2012 die Welt untergehe, für möglich zu halten. Immer wieder begehen Menschen aus Angst davor Suizid oder verkaufen in Panik ihre gesamte Habe. Andere verfallen dem Fatalismus – mit fatalen Folgen: Solchermassen dem Schicksal ergeben, hört man auf, für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

Religionen und Sekten profitieren von diesen Ängsten genauso wie Autorinnen, Webforenbetreiber oder falsche ProphetInnen. Ginge es nach ihnen, wäre die Welt schon längst untergegangen – mit Ausnahme ihrer Anhängerschaft, die von Gott oder Ausserirdischen auserwählt und gerettet wird. Das Weblexikon Wikipedia listet für die Zeit seit 634 vor Christus über 150 verbürgte Daten auf, an denen die Welt zum Ende hätte kommen sollen. Am häufigsten genannte Auslöser sind die Rückkehr von Jesus Christus oder des Antichristen. Andere beziehen sich auf Berechnungen (wie den Mayakalender) oder Zahlenspiele, wobei von speziellen Jahreszahlen wie 1000, 1666 oder 2000 eine besondere Anziehung auszugehen scheint.

Viele dieser WeltuntergangsprophetInnen profitieren von realen oder heraufbeschworenen Katastrophenszenarien: Schwere Erdbeben und Überschwemmungen, Pest und Kriege bis hin zum möglichen Atomkrieg oder dem «Jahr-2000-Problem» haben Menschen dazu verleitet, darin göttliche Strafen oder Vorboten einer Apokalypse zu sehen.

Eine besondere Bedeutung kommt Gefahren aus dem Weltall zu: Von Kometen, die die Welt vernichten, bis hin zu galaktischen Ereignissen wie einer Supernova oder schwarzen Löchern ist oft die Rede. Abhilfe durch Aufklärung versucht seit Jahren die US-Raumfahrtbehörde Nasa zu schaffen. Auf ihrer Website «Frage einen Astrobiologen» beantworten WissenschaftlerInnen Fragen besorgter BürgerInnen zu einem möglichen Weltuntergang – ausgelöst etwa durch einen Planeten namens Nibiru, der sich auf Kollisionskurs mit der Erde befinde, durch einen geomagnetischen Sturm wegen Sonneneruptionen oder, wieder zurück auf der Erde, durch eine «plötzliche Verschiebung der Erdkruste um 180 Grad».

Dass solche Bemühungen oft durch die Sensationslust der Unterhaltungsindustrie torpediert werden, zeigte sich 2009, als zum Kinostart des Katastrophenfilms «2012» von Roland Emmerich auch die Weltuntergangsspekulationen überbordeten. Im Film wird gezeigt, wie die Menschheit beinahe total vernichtet wird, und die Vermarktungskampagne nährte gezielt diffuse Ängste, indem sie etwa eine pseudowissenschaftliche Website des «Instituts für den Fortbestand der Menschheit» lancierte.

Es liegt in der Natur der Kultur, dass sie sich durch reale Katastrophen inspirieren lässt und die Möglichkeit bietet, deren oft traumatische Wirkung auf eine Gesellschaft zu verarbeiten. So veranstaltet das Aargauer Literaturhaus in den nächsten Monaten eine Lesereihe zum Thema «Weltuntergang». Zur Ehrenrettung der Kultur muss gesagt sein, dass sie in Sachen Weltuntergangsfantasien die verantwortungsvolle Rolle des Dokumentierens ebenso pflegt, wie sie den Bedarf nach Unterhaltung bedient. Doch im Gegensatz zu den apokalyptischen Prophezeiungen kommt sie kaum je ohne das Element der Hoffnung aus.

Das ist umso bedeutungsvoller, als die politischen, wirtschaftlichen und klimatischen Entwicklungen genug Potenzial zu echter Besorgnis um die Zukunft des Planeten in sich tragen. Vor wenigen Tagen hat ein Gremium von WissenschaftlerInnen wegen der aktuellen Atompolitik vieler Staaten und der absehbaren Folgen des Klimawandels die Zeiger einer 1947 eingeführten «Weltuntergangsuhr» um eine Minute vorgestellt: auf fünf vor zwölf.

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