Nr. 04/2012 vom 26.01.2012

Im entwichenen Raum

Von Esther Krättli

Wolfram Frank, Regisseur der Churer Kulturwerkstatt In Situ, legt mit «Der Name des Sterns aber ist Wermut» 49 Gedichte vor. Das letzte ist mit «Brief an einen Engel» betitelt, die übrigen tragen keinen Titel. Alles ist in Kleinschreibung, auch die Orts- und Personennamen, auf die die Texte anspielen: Jericho und Lot, Hölderlin, Celan und Auschwitz, Grünewald und Mantegna – ein Pandämonium aus der Kulturgeschichte.

Die tragischen Gestalten von Lot über Friedrich Nietzsche bis Paul Celan sind nicht Vorwand zur Ausbreitung von Bücherwissen, sondern blitzen an Knotenpunkten der kryptischen Rede durch blosse Namensnennung auf – Leuchttürme, deren Licht sich bald im Dunkel raumloser Nächte verliert. Spätestens seit Georg Trakl droht dem Ich der Verlust des geordneten Raumkontinuums, und bereits Rainer Maria Rilke schrie seine Verlorenheit in einen leeren Raum. Frank knüpft an diese «Grossen» an, oft ungehalten und klassenkämpferisch, aber auch empathisch und voller Pietät, wenn der Hase, der geschlachtet werden soll, das mitleidende Ich «ansah / als töte man nicht bloss ihn / sondern die ganze welt / die jetzt in seinen augen versank».

Dem rilkeschen «Wer, wenn ich schriee, hörte mich in der Engel Scharen?» hält Frank mit «Brief an einen Engel» ein Du entgegen, dem «der raum und die geleerte zeit» folgt. Dieses Du weicht gelegentlich vor einem schöpferischen Es in den Hintergrund, das als «hauch von ewigkeit (…) diesen entwichenen raum schuf». Wenn am Schluss des längsten Gedichts zu lesen ist «denn für dich sind nähe und ferne das gleiche / du warst es / – hierhier –» zeigt sich, dass das lyrische Ich im Begriff ist, seine Verortung in diesem neuen Überraum zu finden.

Möglicherweise verhüllen die Gedichte ein polemisches Credo engagierter Zeitgenossenschaft. Vielleicht dieses: Warum lassen wir zu, dass der öffentlich relevante Diskurs durch fortwährendes Infotainment übertönt wird? Welche Schamgrenzen hindern uns daran, etwas ändern zu wollen?

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