Nr. 35/2008 vom 28.08.2008

Noch einmal davongekommen

Bekannt ist er vor allem als provokativer Regisseur des Churer Theaterensembles In Situ. Als Autor legt Wolfram Frank nun ein intensives Stück Literatur vor: den luziden Erfahrungsbericht einer existenziellen Krise.

Von Adrian Riklin

Der Mann macht es einem nicht leicht. «Beverin Ménilmontant Seewis» beginnt mit einer ausufernden Bildbeschreibung. Später stellt sich heraus, dass es sich um einen Ausschnitt aus einem Retabel des Malers Matthias Grünewald handelt. Jenem berühmten Isenheimer Altarbild aus dem frühen 16. Jahrhundert, dessen erste Schauseite die Kreuzigung Christi zeigt und dessen ursprünglicher Sinn darin bestand, heilende Wirkung auf Kranke auszuüben.

«Retabel» lautet denn auch der Untertitel des Buches. Frühzeitiger Hinweis auf die dreiteilige Dramaturgie eines existenziellen Vorgangs. Wolfram Frank, bislang vor allem als Theaterregisseur hervorgetreten, war nie ein Vertreter der leichten Muse. Sein Schaffen ist gekennzeichnet von obsessiver Ernsthaftigkeit, die regelmässig zu heftigen Auseinandersetzungen geführt hat. Vorläufiger Höhepunkt: ein Steinwurf auf Fensterscheiben des Polizei- und Justizdepartements des Kantons Graubünden im September 2006. Es war der Abend, als das Schweizer Stimmvolk dem neuen Asyl- und Ausländergesetz zustimmte. Folge davon waren unter anderem eine massive Kürzung kantonaler Unterstützungsgelder für Franks Churer Theaterensemble In Situ und ein heilloser Streit mit dem Theater Chur und weiteren Behörden (siehe WOZ Nrn. 39/07 und 4/08).

Die grosse Ernüchterung

In der Theaterbranche scheint Frank seinen Ruf weitgehend verspielt zu haben. Kommt davon, wenn man sich nicht an die Spielregeln hält, hört man es rauschen. Gemeint ist damit wohl vor allem jene Regel, die besagt: Bitte stören, lieber Künstler, aber nicht uns, die wir das gefällige Stören in unsere künstlerischen Betriebsleitlinien geschrieben haben. Und nur ja nicht die unmittelbare Umgebung, sondern jenes abstrakte Wesen namens Gesellschaft, das sich nicht wehren kann.

So konzentriert sich Frank nun auf die schriftstellerische Arbeit. Mit «Beverin Ménilmontant Seewis» reiht er sich in eine seltene literarische Gattung ein, zu der auch Fritz Zorns «Mars» gehört. Ausgangspunkt bildet ein Alkoholentzug in der Psychiatrischen Klinik Beverin, nachdem der Icherzähler sich seiner jämmerlichen Verfassung im Rahmen einer Einladung zum Jahreskongress des serbischen Schriftstellerverbandes «in einem für Belgrader Verhältnisse schon beinahe fürstlichen Hotelzimmer» schlagartig bewusst geworden war. Doch davor setzt er ebenjenen Beschreibungsversuch des Grünewald-Retabels, in dem er einen Mann entdeckt, von dem nicht klar ist, ob er noch lebt oder schon tot ist.

Ein Scheintoter? Kaum ist man als LeserIn aus dem Gestrüpp geflüchtet, öffnet sich das Tor ins Innere der zeitgenössischen Psychiatrie. Schon flattern einem Nietzsche, Kafka, Heidegger, Wittgenstein oder Benjamin um die Ohren, dass einem Sehen, Hören und auch das Lesen vergeht. Zunächst also Entkörperlichung, Vergeistigung. Wir befinden uns hiermit im ersten Bild von Franks real gewordenem Retabel. Dann erste Umrisse einer Realität. Der Blick des Mannes, der aus dem Rausch kam, wird nüchtern. Die Ernüchterung geht weiter im Text - bald schon bildet sich eine hochprozentige Nüchternheit, deren Objektiv so scharf auf ihre Umgebung eingestellt ist, dass das Geschehen wie gestochen aus dem Text hervortritt: der psychiatrische Apparat, blossgelegt in seiner Mechanik.

Betriebsstörungen

Es ist diese Dynamik von Rausch und Ernüchterung, die den Text so dringlich macht. Frank gelingen haarscharfe Analysen des klinischen Betriebs, filmreife Szenen («junge Drogensüchtige ziehen ein mit ihren Instrumenten, bunten Kleidern, barfuss, Rucksäcken, wie zu einem Festival, um meist nach einer Woche weiterzuziehen») und Porträtskizzen («H., der seine Cola-Flasche wie ein Beil, einen Degen mit sich trägt und auf den Tisch rammt wie eine Siegerfahne»).

Doch bleibt es nicht bei der Beschreibung. Frank stört. Diesmal nicht den Kultur-, sondern den medizinischen Betrieb. Behelligt die ÄrztInnen mit philosophischen Fragen. Hinterfragt ihre Sprache, jenes in sich geschlossene Vokabular, das für alles ein Wort, eine Diagnose, ein Urteil aus der Schublade zieht. Auf die obligate Frage: «Was will ich erreichen in dieser Therapie?», die in den Zimmern mit «Merk-Hilfs-Blättern» aufliegt, schreibt der Patient: «So unschuldig, ‹sachlich› dieser Satz, so anteilnehmend sogar er auf mich zukommt, so viele Voraus-Setzungen enthält er doch. Zuletzt repräsentiert er all dies Denken, Sprechen, von dem ich mich getrennt fühle, das mir fremd geworden ist.» Er zitiert Konrad Bayer: «Es gibt nichts zu erreichen ausser dem Tod.»

Die Gefahr, egozentrifugal durchzudrehen, umgeht Frank souverän. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass hier einer etwas herausfinden will, das über ihn hinausgeht. Der entscheidende Unterschied zu vielen autobiografischen Leidensbekenntnissen besteht darin, dass Frank sich selbst immer wieder von aussen betrachtet, aus dem Ich ein Er macht, mit derselben Gnadenlosigkeit, mit der er die anderen unter die Lupe nimmt: Als habe er sich als Versuchskaninchen in ein fatales Experiment verkrochen. Hier wird nicht über Krankheit habilitiert; da begibt sich einer in die Krankheit, um etwas in Erfahrung zu bringen: über «Krankheit an sich».

Verschiebungen

«Man sagt leicht, man solle sich der Krankheit stellen! (...) Nun mobilisiert auch die Krankheit, formiert ihre Truppen neu, ruft all ihre Reservisten zusammen, ersinnt listige Hinterhalte. Man hat sie ja durch diese Kriegserklärung gleichsam anerkannt, nun will sie natürlich kämpfen ... So entstehen Bürgerkriege.»

Frank gibt sich also hinein in die Scheisse, mitsamt dem Körper - und ist gleichzeitig Beobachter. Der Autor, der mit gezücktem Notizblock durch das Feuer geht. Ein «Scheintoter», der sich unsichtbar macht und so einen unbefangenen Blick gewinnt. Szenografisch beschreibt er die Architektur, die Körper, die Sprache dieser Körper in dieser Architektur.

So auch während seiner Reisen entlang der Wirkungsgeschichte des besagten Isenheimer Altarbilds von Grünewald. War es zunächst die Schilderung des Psychiatriealltags, aus der er eine Kritik der zeitgenössischen Organisation und Verwaltung menschlicher Körper entwickelt, gelingt ihm in der Beschreibung der Ausstellungspraxis des Grünewald-Retabels im Museum in Colmar eine bildhafte Kritik des Kulturbetriebs.

Das Werk, das für Kranke gemalt wurde, auf dass sie in Anbetracht desselben geheilt würden, ist zum bildungsbürgerlichen Studienobjekt verkommen. Frank beschreibt diese kulturgeschichtliche Verschiebung minutiös und mit szenischem Sinn für kafkaeske Situationskomik: «In der Mitte des Raumes ein Wächterhäuschen, das unweigerlich an eine Zoll- oder Grenzstation, einen Wachposten erinnert. (...) Die Bildbeschauer tragen Hörgeräte, die man im Eingangsbereich in mehreren Sprachen leihen kann, dann die Nummer des Bildes eingibt, die einem also den Blick abnehmen. (...) Aus diesen Kopfhörern dringen beruhigende Stimmen, deren Kehlen frisch gespült erscheinen, bzw. im Tonstudio gleichsam mit Lametta oder mana versehen wurden (...) Die Sprecher versuchen so eindringlich, bildhaft wie möglich zu erzählen.»

Am Ende, nachdem man den Autor auch auf seinen Streifzügen durch das Pariser Quartier Ménilmontant, durch die labyrinthischen Wege des Pariser Lachaise-Friedhofs mit seinen verstorbenen Weltberühmtheiten begleitet (sozusagen das zweite real gewordene Bild des Wandelaltars) und ihn im Rehabilitationszentrum Seewis besucht hat (die Auferstehung in Form von Re-Habilitation?), klappt man das Buch, das in seiner Aufmachung so nüchtern daherkommt, als handle es sich um eine fachmedizinische Habilitation, zu. Man ist noch einmal davongekommen.

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