Nr. 37/2011 vom 15.09.2011

Bis die Sprachspäne fliegen

Seit seiner Pensionierung vor drei Jahren führt der Philosoph Paul Good im Sarganserland ein ziemlich aussergewöhnliches Atelier. Gedacht wird dort auch über die Differenz, über Vielfalt und Widersprüche.

Von Jan Jirát (Text) und Ursula Häne (Foto)

«In Paris bin ich elastisch in der Seele geworden»: Paul Good versucht, in seinem Philosophie-Atelier erhellende Gedanken zu liefern.

Gleich hinter dem Bahnhof in Bad Ragaz steht ein Industrieareal mit flachen, lang gezogenen Gebäudekomplexen, wie sie im Mittelland und in den Voralpen zu Hunderten vorkommen. Matratzen, Waschmaschinen oder Sportausrüstungen stehen zum Verkauf, ein Grafikbetrieb, ein Reinigungsunternehmen und ein Architekturbüro sind eingemietet – es ist die übliche KMU-Mischung in solchen Arealen. Mit einer Ausnahme: dem Philosophie-Atelier von Paul Good.

Rund vier Tonnen Bücher stapeln sich in seinen zwei Büroräumen, geordnet in antike und moderne Philosophie mit Schwerpunkten zu Heraklit, Baruch de Spinoza, Friedrich Nietzsche und Gilles Deleuze, dann folgen die Nachschlagewerke und Kunstbücher, schliesslich die Populärliteratur. Im vorderen Raum sticht der massive, dunkle Holztisch hervor, im hinteren das Biedermeiersofa vor einem Fenster. An den Wänden hängen grossformatige Bilder von befreundeten KünstlerInnen, und in der Mitte des hinteren Raumes taumeln zerschlagene Blechkübel von der Decke – ein Kunstwerk des Schweizer Künstlers Roman Signer, der immer wieder im Atelier von Paul Good vorbeischaut.

«Ich finde, das französische Wort Atelier passt zu meiner Arbeit als Philosoph», sagt Good. «Es stammt vom spätlateinischen Begriff ‹astella› ab und bedeutet eigentlich einen Haufen von Holzspänen. Im übertragenen Sinne stelle ich auch Späne her, nur bestehen sie nicht aus Holz, sondern aus Sprache.» Diese sei sein wichtigstes Arbeitsmaterial, sagt der 68-Jährige, woraus er im besten Fall neue Beschreibungen oder erhellende Gedanken liefern könne. In seinem Atelier empfängt Good aber auch befreundete und interessierte Philosophinnen und Künstler, mit denen er sich austauscht oder denen er beratend zur Seite steht. Und zweimal jährlich organisiert der Philosoph Symposien, bei denen sich Persönlichkeiten aus Dichtung, Kunst, Philosophie und Wissenschaft mit dem Publikum über bestimmte philosophische Themen unterhalten.

Auf den Spuren der Denker

Als Paul Good 1942 in Mels SG geboren wurde, deutete nichts darauf hin, dass er einst zu einem Philosophen, einem Freund der Weisheit, werden würde. Er wuchs in einer katholischen Bauernfamilie mit fünfzehn Geschwistern auf und musste schon früh auf dem Hof mithelfen. Die Liebe zu den Bergen und den «Viechern» ist ihm bis heute geblieben von seiner Kindheit im Sarganserland. Als Jugendlicher meldete sich Good selbstständig bei einem Klostergymnasium an und besuchte nach der Matura ein Priesterseminar. «Ich war damals vom Wunsch beseelt, als Missionar in Afrika zu wirken», sagt Good und lacht: «Bis heute hab ich nie einen Fuss auf den Kontinent gesetzt. Es kam nämlich alles anders. Schuld daran war ein Buch.»

Es trug den Titel «Existenzphilosophie im geistigen Leben der Gegenwart», geschrieben hatte es der deutsche Philosoph Max Müller (1906–1994), der in den sechziger Jahren an der Ludwig-Maximilians-Universität in München arbeitete. Dort schrieb sich Paul Good umgehend nach der Lektüre ein. «Den allein selig machenden Anspruch des Christentums konnte ich je länger, desto weniger akzeptieren. Der Schritt nach München fiel mir nicht schwer», sagt Good, der die Jahre in der Missionsschule zwar als «Umweg» bezeichnet, diesen aber keineswegs bereut.

Nach zwei Jahren in der bayrischen Hauptstadt war es wiederum das Werk eines Philosophen, das Good an seine nächste Zwischenstation führte: Der Franzose Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) hatte den Grundbegriff «Leib» als Bezeichnung für den lebendigen und Sinn stiftenden Körper von Menschen und Tieren in der Philosophie verankert. Das Konzept der Leiblichkeit stiess bei Paul Good auf Begeisterung und ist bis heute ein Schwerpunkt seiner Arbeit geblieben. Also zog er nach Paris und ging an die Sorbonne, wo Merleau-Ponty einst gewirkt hatte, und erlebte dort das prägende Jahr 1968. «In Paris ist die Welt aufgegangen», sagt Good, «dort bin ich elastisch in der Seele geworden.»

Auch sein Abstecher in die kalifornische Universitätsstadt Berkeley in den siebziger Jahren war auf die Neugier zurückzuführen, die Good für die wichtigste Voraussetzung fürs Philosophieren hält. Diesmal betraf sie den österreichischen Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend (1924–1994) und den US-amerikanischen Sprachphilosophen John Searle (*1932), die damals in Berkeley unterrichteten. Mit der Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Kunstakademie in Düsseldorf im Jahr 1983 fanden die Wanderjahre Goods ein vorläufiges Ende – bevor er 2008 nach seiner Pensionierung ins Sarganserland zurückkehrte, dozierte er ein Vierteljahrhundert in der deutschen Kunst- und Modestadt.

«Differenz ist im Recht»

Dass sich Paul Good an der Kunstakademie so wohl fühlte, ist kein Zufall. Der Philosoph setzt sich bis heute intensiv mit den Künsten und dem Schreiben darüber auseinander. Dabei nähert er sich den Kunstwerken und Skulpturen, aber auch der Performance, dem Tanz und der Musik stark über die Kunstschaffenden selbst, über deren Denken, wie auch über den Leib, der nach Goods Verständnis in jedes Werk einfliesst.

Neben der Kunst und der Leiblichkeit gibt es einen dritten Schlüsselbegriff in Paul Goods Werk, das zahlreiche Bücher und unzählige Aufsätze umfasst – darunter Einführungen in die Werke von Maurice Merleau-Ponty oder des deutschen Philosophen und Soziologen Max Scheler (1874–1928), aber auch die Auseinandersetzung mit Roman Signers Werken. Es ist der Begriff der «Differenz» beziehungsweise das Differenzdenken, für das ihm Gilles Deleuze eine zentrale Stütze ist. Das Konzept dahinter anerkennt die Vielfalt der Kulturen und Traditionen und betont die Wichtigkeit der Unterschiede, der Widersprüche und der Komplexität. Das Differenzdenken ist insofern ein Gegenkonzept zu Immanuel Kants Einheitsbild des Denkens, das eine gemeinsame und logische Vernunft postuliert. «Differenz ist im Recht», sei für ihn persönlich ein Schlüsselsatz, sagt Good, der die Differenz als Wert gegen die Gleichmacherei und Gleichschaltung begreift – und damit auch als politisches Konzept.

Nietzsche, Rilke, digitale Welt

Goods Arbeit an und mit der Sprache und die Auseinandersetzung mit den Künsten manifestieren sich nicht nur in Büchern und Aufsätzen, sondern auch in den erwähnten Symposien. «Rilke in Ragaz» hiess die Veranstaltung im letzten Sommer, die sich mit dem deutschen Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926) auseinandersetzte, der sich in Bad Ragaz mehrmals zur Kur aufhielt. In diesem Sommer stand Friedrich Nietzsche im Fokus. Auch das nächste Symposium steht bereits fest, und während Rilke und Nietzsche in die Vergangenheit weisen, steht diesen November die unmittelbare Gegenwart zur Debatte: «Digitale Information und Bildung», so der Titel der zweitägigen Veranstaltung. Die zentralen Fragen lauten: «Wie lernen Kinder heute? Wie entsteht bei der heutigen Informationsflut Bildung? Welche empirischen Grundlagen des Gehirns generieren ein Gedicht/Kunst?»

Neben den vielen Büchern und Kunstwerken in seinem Philosophie-Atelier wünscht sich Paul Good in Zukunft noch mehr Menschen, die bei ihm vorbeikommen, um gemeinsam an der Sprache zu hobeln, bis die Späne fliegen und Sätze bleiben wie jener, den er mir zum Abschied mit auf den Weg gibt: «Die Menschheit verwohlstandet die Welt kaputt.»

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