Nr. 04/2012 vom 26.01.2012

Hippe Albaner und das Patriarchat

Von Etrit Hasler

Es hat lange gedauert, bis sie überhaupt als eigenständige Bevölkerungsgruppe wahrgenommen wurden, doch nach den Schmähungen der letzten fünf Jahre könnte es plötzlich doch noch sein, dass die AlbanerInnen hip werden. Dokus wie «Die guten Albaner» des Schweizer Fernsehens und aufstrebende Promis wie Nati-Star Xherdan Shaqiri oder die überintegrierte Singdrossel Patrick Nuo tun ihr Bestes dazu.

Da ist es auch etwas verständlicher, wieso «Der Albaner» erst jetzt in den Schweizer Kinos anläuft, achtzehn Monate nach seinem Erscheinen – und das, obwohl die albanische Diaspora in der Schweiz zu den grössten EmigrantInnengemeinden Europas zählt. Leider gehört sie auch zu den am schlechtesten vernetzten, was sich unter anderem auch daran erkennen lässt, dass Filme mit AlbanerInnenbezug weder Schweizer noch albanisches Publikum in die Kinos ziehen – die einfühlsame Dokumentation «Azem» über Kickboxweltmeister Azem Maksutaj beispielsweise lief im letzten Jahr häufig in schlecht besuchten Kinosälen.

Auch «Der Albaner» erlitt bisher ein ähnliches Schicksal – obwohl das Debüt des deutschen Regisseurs Johannes Naber mit Preisen überhäuft wurde, darunter dem prestigeträchtigen Max-Ophüls-Preis für NachwuchsfilmerInnen. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn auch wenn der Film ein eindrückliches, wunderschön gefilmtes Lehrstück über Menschenhandel und patriarchale Traditionen ist, so vermittelt er vor allem ein Klischee: verlorene Bergregionen, in denen alte Clanmänner ihre Töchter verschachern wie Vieh und aus denen den Jungen höchstens die Flucht ins gelobte Europa bleibt.

Nun, das Bild mag auch stimmen – zumindest in den abgelegenen Bergregionen Albaniens, in denen der Film beginnt und auch sein tragisches Ende findet. Dass dies nur ein sehr selektiver Ausschnitt ist, der mit der Realität in Städten wie Tirana nichts zu tun hat, musste denn auch Regisseur Naber immer wieder betonen. Der Film ist trotzdem sehenswert. Auch wenn er mit dem neuen Bild der hippen AlbanerInnen rein gar nichts zu tun hat.


Ab 26. Januar in Deutschschweizer Kinos.

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