Nr. 06/2012 vom 09.02.2012

Wege zu einer neuen gesamtwirtschaftlichen Ordnung

Kann die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich eine Volkswirtschaft zerstören? Ist also Ungerechtigkeit nicht nur ein moralisch-ethisches, sondern ein handfest volkswirtschaftliches Problem? Gustav Horn sieht das so.

Der renommierte Volkswirtschaftler Horn geht davon aus, dass die Finanzmarktkrise noch lange nicht gebannt ist, weil ihre Hauptursache noch nicht beseitigt wurde: die zunehmende Ungleichheit. Die Politik habe die Lehren aus dem Debakel nur kurz debattiert und dann vergessen, schreibt Horn. Sein entscheidender Befund: «Deutschland hat sich auf den Weg zu einem plutokratischen System begeben, einem System also, das der Herrschaft des Reichtums unterliegt.»

Entscheidend dazu beigetragen habe die vor allem aufgrund politischer Entscheidungen zunehmend mächtiger und grösser gewordene Finanzindustrie, die die Geldströme nach ihren eigenen Normen und Werten dirigiere – eine Finanzindustrie, an deren Spitze eine weltweit agierende Elite stehe, die sich selbst mit ihren Werten und Normen «ausserhalb der bestehenden Gesellschaften» bewege.

Gustav Horn erläutert ausführlich, wie ab den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts nach und nach die Verhältnisse von heute geschaffen wurden und wie die deutsche Politik Teile ihrer Macht zu den Finanzmärkten verschob. Intensiv beschäftigt er sich mit der Frage, wie die deutsche Agenda- und Steuerpolitik unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder (1998–2005) den Arbeitsmarkt und die Verteilung von Einkommen und Vermögen grundlegend veränderte. Der Autor rekonstruiert im Detail die Entwicklung der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise und kommt zum Schluss, dass ein Moment erreicht sei, der den Aufbau «einer neuen gesamtwirtschaftlichen Ordnung» erfordere.

Es gibt AutorInnen, deren Bücher enden mit solchen oder ähnlichen Appellen. Nicht so bei Gustav Horn, der auf gut sechzig Seiten Alternativen skizziert.

Manche LeserInnen mögen die Lektüre dieses faktenreichen Buchs, das auch Ausflüge in die Theorie unternimmt, als anstrengend empfinden: Horn argumentiert sehr gründlich und detailliert. Auch wenn er – zumeist – recht verständlich schreibt und immer wieder seine vielschichtigen Erkenntnisse zusammenfasst: Man muss sich schon auf das Buch einlassen, sich konzentrieren, sich hinsetzen bei einem Glas Wein – viel mehr darf es dann allerdings nicht sein.

Gustav Horn ist einer der wenigen profilierten Volkswirte in Deutschland, die eine grundsätzlich kritische Position vertreten; er ist Leiter des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Es ist für die öffentliche Debatte hilfreich, dass ein Fachmann wie er kompetent die Ereignisse analysiert und deutet, Thesen darlegt und begründet. Wolfgang Storz

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