Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

Wo stossen Sie an die Grenzen Ihrer Toleranz?

Dore Heim setzt beim Thema «Zwangsheirat» eher auf Beratung als auf Paragrafen. Ein Gespräch über Kopftücher, kulturelle Identitäten und familiäre Zwänge, denen Jugendliche mit Migrationshintergrund ausgesetzt sind.

Von Lotta Suter (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Dore Heim im Zürcher Stadthaus: «Wo man mit patriarchalen Bräuchen konfrontiert ist, wird die Rechtfertigung mit kultureller Identität heikel.»

WOZ: Dore Heim, hätte eine Frau mit Kopftuch Platz in der Fachstelle für Gleichstellung?
Dore Heim: Wir hatten eine Frau mit Kopftuch in der städtischen Gleichstellungskommission, deren Mitarbeit ich ganz toll fand. Ich würde eine Anstellung nicht am Kopftuch festmachen, sondern an der Einstellung und der Haltung der betreffenden Frau.

Würden Sie auch eine Burkaträgerin oder eine Klosterfrau akzeptieren?
Die Burka, insbesondere der dazugehörende Gesichtsschleier, ist etwas ganz anderes als ein Kopftuch oder der Habit einer Klosterfrau. Für mich braucht es ein Gesicht, damit ich eine Beziehung aufbauen kann. Alles, was dermassen verhüllt, dass das Gesicht nicht mehr kenntlich ist, wäre für mich im Arbeitsprozess undenkbar.

Ich würde auch einen Lehrer oder eine Lehrerin verstehen, die nicht akzeptieren können, dass ein Mädchen mit Gesichtsschleier in die Schule kommt. Doch ein schweizweites Burkaverbot wäre lächerlich.

Wo stossen Sie als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Zürich an die Grenzen Ihrer eigenen kulturellen Toleranz?
Dort, wo man mit patriarchalen Bräuchen konfrontiert ist. Da wird die Rechtfertigung mit kultureller Identität heikel. Verschiedene Parteien meinen damit ganz Unterschiedliches.

Nehmen wir zum Beispiel das Thema «Zwangsverheiratung»: Unsere Fachstelle hat untersucht, warum die Eltern ihre Kinder in arrangierte Ehen drängen und mit welchen Strategien die Jugendlichen den Forderungen ausweichen oder sich dem Druck beugen. Da wurden zwischen Mädchen und Buben sehr grosse Unterschiede festgestellt. Das Geschlecht beeinflusst die Chancen, sich aus den familiären Zwängen freistrampeln zu können. Was das angeht, sind die Mädchen klar benachteiligt. An dieser Schnittstelle setzt die Gleichstellungsarbeit an.

Was halten Sie von der vorgesehenen Verschärfung des Strafrechts bezüglich Zwangsheiraten?
Die neuen Gesetzesparagrafen und Gefängnisstrafen können Zwangsheiraten nicht verhindern. Unter Umständen erhöhen sie sogar den Druck auf die jungen Männer und Frauen. Es ist nicht zu erwarten, dass Väter, die ihre Töchter mit einer erzwungenen Ehe disziplinieren wollen, aus Angst vor den gesetzlichen Neuerungen ihr Vorhaben aufgeben.

Sie würden also eher bei der Beratung ansetzen?
Die Mediation zwischen den Eltern, den Verwandten und den Jugendlichen ist das Wichtigste überhaupt. Die Jungen sind meist ökonomisch und auch emotional von ihrem Zuhause abhängig. Das Risiko, sämtliche Familienbindungen zu verlieren, ist für die betroffenen Mädchen und Jungen traumatisch. Unsere Fachstelle versucht, mögliche Ansprechpersonen in Schule und Berufslehre entsprechend weiterzubilden. Bei drohender Zwangsheirat darf man nicht einfach dreinfahren, sondern muss vorsichtig agieren und so lange wie möglich auf Schlichtung, Vermittlung und Einsicht setzen.

Erleben Sie auch, dass Sie von Frauen aus anderen Kulturen bezüglich Gleichstellung noch etwas dazulernen können?
Ja, durchaus. Hier in Zürich gibt es zum Beispiel ein Brückenangebot, das Jugendliche ohne Schweizer Schulbildung auf die Berufslehre vorbereitet. In diesem Jahreskurs sind immer auch Asiatinnen. Und diese jungen Frauen wählen auffallend oft sogenannte MINT-Berufe: Jobs in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Im Vergleich dazu folgt die Berufswahl der schweizerisch sozialisierten Mädchen und Buben hartnäckig den traditionellen Geschlechterstereotypen.

Ganz allgemein kann man sagen, dass die meisten Frauen, die heute zum Arbeiten in die Schweiz kommen, sehr gut qualifiziert sind. Diese Migrantinnen sind selbstbewusst und brauchen unsere Fachstelle gar nicht, um ihren Platz in dieser Gesellschaft zu finden.

Braucht die Fachstelle für Gleichstellung denn noch einen eigenen Bereich «Migration»?
Darüber wird zurzeit diskutiert. Das Thema «Migration» ist eigentlich eher eine Querschnittaufgabe. Überall, wo wir tätig sind, müssen wir auch schauen, ob und wie das Männer oder Frauen mit Migrationshintergrund speziell betrifft. Aber bei diesem breiten Vorgehen besteht immer auch die Gefahr, dass das Thema verwässert wird oder ganz vergessen geht. Für die Fachstelle selber ist es deshalb besonders wichtig, dass KollegInnen mit Migrationshintergrund bei der Gleichstellungsarbeit mitmachen.

Das Miteinander der Kulturen müsste doch irgendwann selbstverständlich werden. Bewegen wir uns in diese Richtung?
Eigentlich müsste es tatsächlich schon längst so weit sein. Aber das Thema der «Fremden» wird in der Schweiz immer wieder als Katalysator benutzt und politisch hochgekocht.

Ich erlebe, dass Menschen mit ausländischem Aussehen und fremd klingendem Namen sogar wenn sie in der Schweiz geboren sind ihre Anwesenheit immer wieder rechtfertigen müssen.

Dore Heim (53) arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Zürich auch mit Frauen 
aus anderen Kulturen. Drei der neun MitarbeiterInnen ihres Büros haben selber 
einen Migrationshintergrund.

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