Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

Die Lieder, die sie nicht singen

Pedro Lenz über mangelnden kreativen Ehrgeiz der Fans in der Schweiz.

Die Fussballzeitschrift «11 Freunde» hat in diesem Monat eine Sondernummer zur Geschichte der Fussballfans herausgegeben. Selbstverständlich steht in besagter Sondernummer auch einiges über Fangesang. Fast gleichzeitig lesen wir im «Spiegel», ein fussballverrückter Engländer habe in 28 Ländern auf 4 Kontinenten an über 700 Spielen Fangesänge gesammelt. Zusammengekommen sei dabei eine Sammlung von über 20 000 Fussballliedern.

Dem «Spiegel»-Artikel ist nicht zu entnehmen, ob der Sammler auch in der Schweiz gesammelt hat. Es ist kaum anzunehmen. Fussballliedersammeln in der Schweiz wäre ungefähr so sinnvoll wie das Sammeln von Skistocktellern in der Wüste Gobi. Woran das liegt, wäre herauszufinden. Vielleicht sind die Fans der heimischen Super League im Durchschnitt nicht musikalisch genug. Möglicherweise mangelt es am kreativen Ehrgeiz oder an gesanglicher Tradition. Eventuell sind jedoch die wenigen vorhandenen Lieder auch schlicht zu soldatisch, als dass sie von Fremden als Fangesänge wahrgenommen werden könnten. Die gebrüllte Aufforderung an die eigenen Fans, sofort aufzustehen, um dadurch die eigene Abstammung nachzuweisen («Steht auuuf, wenn ihr Zürcher seid!»), kann ja nur schwer als Lied bezeichnet werden.

Ähnlich verhält es sich mit der in Bern traurigerweise oft gehörten Kurzhymne auf Kampf und Sieg, «Vorwärts YB, kämpfen und siegen!», oder der ständig wiederholten Beteuerung, wer nicht aufspringe, könne unmöglich die gleiche völkische Zugehörigkeit haben wie diejenigen, die sich gerade durch sinnentleertes Rumhüpfen ihrer rassisch-regionalen Identität versichern («Wär nid gumpet isch kee Baasler!»). Kurz gesagt, die Liedertradition in Schweizer Fussballstadien ist eine schwer verdauliche Mischung aus Banalität und leicht angebräuntem Schwachsinn.

Es bleibt unklar, weshalb die vielen Fans im hiesigen Fussball, die ja sonst in manchen Bereichen wie etwa dem Aushecken schöner Choreografien oder dem kreativen Umgang mit Staatssicherheitsorganen recht gut unterwegs sind, ausgerechnet beim Liedgut derart fantasielos bleiben.

Fachleute der Musikwissenschaft könnten zu bedenken geben, dass in der Deutschschweiz ohnehin wenig gesungen wird, während Gesang im Alltag und in den Familien beispielsweise in Grossbritannien oder Italien weitverbreitet ist. Doch selbst wenn es so wäre, spräche ja nichts dagegen, dass die Freundinnen und Freunde des Fussballsports in diesem Land ein paar liebliche Lieder erfinden. Es müsste ja nicht von Anfang an ein Weltklassiker wie das berühmte «You’ll never walk alone» des FC Liverpool sein. Vermutlich würde es schon helfen, wenn ein einfacher, aber gepflegter Text unter eine bereits bekannte Melodie gelegt werden könnte. Für den Anfang, also bis die bisher so schweigsame, doch zweifellos vorhandene Schar von Fussballdichterinnen und Fussballdichtern sich endlich an die Arbeit macht, empfehle ich behelfsmässig folgende Verse, die sich nicht auf einen bestimmten Club, sondern auf die gesamte Neunerliga beziehen: «Super League – Super League – Super League / ganz egal ob Unentschieden oder Sieg / Super League – Super League – Super League / immer Frieden, immer Freude, niemals Krieg / ein paar Teams die spielen wirklich heute noch / alle andern sind versenkt im Schuldenloch / doch so lang wie zwei Equipen oder mehr / überleben freuen wir uns alle sehr / Super League – Super League – Super League / flieg zum Himmel, flieg zur Hölle, aber flieg!»

Wie die einzelnen Fangemeinschaften den Song musikalisch begleiten wollen, soll selbstverständlich ihnen überlassen bleiben. Und denen, die den Vorschlag ablehnen, rufe ich in Abwandlung des unsäglichen «Steht auf …»-Songs munter zu: «Schreibts auuuf, wenn ihr besser seid! Schreibts auuuf, wenn ihr besser seid.»

Pedro Lenz, 47, ist Schriftsteller und lebt 
in Olten. Seine beste Zeugnisnote im Singen war eine aufgerundete 4.

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