Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Eine Schweigeminute für die Qualität

Etrit Hasler über die Uefa-Zensur der Fernsehbilder

Von Etrit Hasler

Die Fussballeuropameisterschaft ist noch keine Woche alt, und sie hat bereits ihr erstes Opfer gefordert – nein, (noch) kein Menschenleben, sondern die journalistische Qualität. Was vor und nach dem Spiel zwischen Russland und England in Marseille geschah, war grässlich, keine Frage. Aber ganz so einseitig, wie in den letzten Tagen darüber berichtet wurde, kann das gar nicht gewesen sein (vgl. «Feld-Wald-Wiese am Alten Hafen») – jedenfalls bekomme ich angesichts der Berichte je länger, je mehr den Eindruck, da seien die wilden Horden aus dem Osten über ein paar harmlose englische Gentlemen hergefallen. Dass ein paar dieser «harmlosen englischen Gentlemen» vor dem Spiel einen jungen Mann im Rollstuhl in die Höhe gehoben und dabei in Pervertierung des FC-Liverpool-Chant «You’ll never walk again» skandiert hatten, passt da wohl nicht ins Bild. Kein Wunder also, hat man ausser in ein paar englischen Medien (denen ihre eigenen Fans auf den Sack gehen) so gut wie nichts davon gehört.

Dass die Uefa als Veranstalterin von solchen Dingen nichts wissen will, ist klar. Sie scheut jegliche Bilder, die nicht in einen Werbeprospekt für dieses «Fest des Fussballs» passen würden (vgl. Interview: «Die Uefa ist schlimmer als die Fifa?»). Also achtet sie auch peinlichst genau darauf, die Deutungsmacht über diese Bilder zu behalten. So werden die Fernsehbilder aus den Stadien von der Uefa selber produziert, mit klaren Vorgaben, alles sofort wegzuschneiden, was mit Gewalt, Pyros, Flitzern oder politischen Protestaktionen zu tun hat. Die Dutzenden von Fernsehstationen, welche «live» vor Ort berichten, dürfen diese Bilder gerade einmal noch mit einem eigenen Audiokommentar versehen – ein Privileg, für das diese Fernsehstationen (viele davon öffentlich-rechtliche) Millionenbeträge hinblättern. Kein Wunder also, reicht dann das Geld nicht mehr aus, um ein paar eigene Kameras mitzunehmen.

Nach den Ausschreitungen im Stadion nach dem England-Russland-Spiel hat sich nun immerhin das deutsche Fernsehen beschwert – so konnte man zwar in den Bildern den englischen Torhüter sehen, wie er seinen Fans zurief, sie sollten sich in Sicherheit bringen, den Rest musste man sich vorstellen beziehungsweise konnte man vom ZDF-Kommentator hören, der für das Publikum die Szenen zu beschreiben begann, die den ZuschauerInnen vorenthalten wurden. Etwas weniger relevant, aber genauso komisch war das Verschwinden des kroatischen Fans, der die Abschrankungen überwunden hatte und mit dem Torschützen Luka Modric den Siegestreffer gegen die Türkei feierte – in den von der Uefa produzierten Replays wurde der Schnitt dort angesetzt, wo er gerade ins Bild gekommen wäre.

Die Beweggründe sind klar – im Falle des Flitzers (wie auch bei Politaktionen à la Greenpeace) will man Nachahmungstäter nicht ermuntern. Und zur Gewalt sagt die Uefa kühl: «Wir wollen nicht, dass Szenen von Gewalt im Fernsehen zu sehen sind.» Das kann man durchaus so sehen. Nur: Das ist Zensur. Nicht in dem Sinne, dass hier eine Meinung unterdrückt wird, die ein Recht darauf hat, sich auszudrücken. Aber wer verschweigt, dass hier Gewalt stattfindet, macht sich zum Gehilfen eines Fussballverbands, der sich seine eigene Welt ganz getreu dem guten alten Motto von Pippi Langstrumpf macht: «wiedewiedewie sie mir gefällt». Wenn es keine Bilder von Gewalt gibt, wer will dann behaupten, es hätte welche gegeben?

Dass das Schweizer Fernsehen nicht in die Beschwerde von ARD und ZDF einstimmte, erstaunt mich wenig. Im Studio wiederholte Matthias Hüppi zur Nachricht von den Ausschreitungen den Satz, den er immer sagt, wenn es um Gewalt geht: «Das sind Bilder, die keiner sehen will.» Wie gesagt, das kann man so sehen. Qualitätsjournalismus ist aber ein bisschen mehr, als die Hände vor die Augen zu halten, die Finger in die Ohren zu stecken und so lange laut «lalalalala» vor sich hin zu brüllen, bis alles vorbei ist.

Etrit Hasler wünscht dem SRF viel Glück in der nächsten Debatte über den Service public, insbesondere dann, wenn es um die Übertragung von Fussballturnieren unter diesem Titel geht.

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