Nr. 14/2012 vom 05.04.2012

Keine Empörung im Viertel, nicht einmal Verwunderung

Wie Massen der Hysterie erliegen und wo die Grenzen der Aufklärung liegen: Das behandelt der argentinische Autor Antonio Dal Masetto in einem Roman über drei Mädchen. Ein Buch für jugendliche LeserInnen wie auch für Erwachsene.

Von Valentin Schönherr

Kivalá und das Geheimnisvolle finden sich für drei Mädchen auf einem Baum. Foto: Ursula Häne

Wer schon ein paar Romane von Antonio Dal Masetto gelesen hat, kennt die unerhörte Vielfalt an Themen und Tönen, über die der Autor verfügt. Sei es die mörderische Jagd auf vier Bankräuber, die einem in «Noch eine Nacht» den Atem verschlägt, sei es die Existenzangst während der argentinischen Militärdiktatur, die er in «Unten sind ein paar Typen» nachfühlbar gemacht hat, seien es die Lebenserinnerungen einer Italienerin in «Als wäre alles erst gestern gewesen», mit denen er der Herkunft seiner eigenen Mutter auf den Grund gegangen ist − dies sind allesamt starke Texte, eindringlich und voller Überzeugungskraft.

Dal Masettos neuer Roman erzählt von drei elfjährigen Mädchen. Leti, Vale und Caro sind brave Kinder viel beschäftigter Eltern, sie sind gewitzt, mutig, aufmerksam und voller Anteilnahme für alles, was um sie herum geschieht. Und sie haben den Magnolienbaum in Letis Garten. Wenn sie dort oben ihren Geist Kivalá anrufen − dazu genügt eine einfache Formel − und wenn Kivalá durch ein Rascheln in den Zweigen oder einen Sonnenstrahl zeigt, dass er anwesend ist, kommen ihnen gute Ideen.

Eines Tages begegnen sie einer etwas merkwürdigen Frau, die ein paar Welpen mit sich herumträgt. Die Hunde seien ihre Familie, erklärt die Frau, aber sie könne nicht alle durchfüttern. Die Mädchen beschwatzen ihre Eltern, dass jede einen haben darf. Und die Frau schenkt sie ihnen − unter der Bedingung, dass sie kommen und die Hunde besuchen darf. Das passiert schon nach kurzer Zeit, aber anders als gedacht: Die Frau nimmt die Hunde einfach wieder mit und verschwindet spurlos. Für die Kinder bricht eine Welt zusammen, und sie setzen alles in Bewegung, um die Hunde zurückzubekommen.

Kivalá bleibt aus

Dal Masetto versteht es, sich in die Perspektive der Mädchen einzufühlen. Ohne zu bagatellisieren, ohne Besserwisserei nimmt er die Kinder ernst und zeigt sie als starke, wache Personen. Es ist also kein Witz (wenn auch mitunter komisch), dass ihre Aktionen allesamt schiefgehen. Zwei ältere Damen werden auf der Strasse umgeworfen, und als Leti, Vale und Caro herausgefunden zu haben glauben, wo die Hunde versteckt werden, befreien sie des Nachts lediglich ein paar Vögel und erschrecken die NachbarInnen.

Von da an nimmt alles eine unerwartete Wendung. Die Leute im Viertel, die sich die merkwürdigen Vorfälle nicht erklären können, schüren Gerüchte, und es geschehen Dinge, für die die drei Mädchen nicht mehr verantwortlich sind: Jede Nacht läuten die Glocken, Fratzen werden an die Haustüren gemalt, Monster gesichtet. Nun wollen die Mädchen selbst herausfinden, was hier vor sich geht – und entdecken Ungeheuerliches.

Nur so viel: Zwar finden die drei Mädchen einen cleveren Ausweg, und der Spuk nimmt ein Ende. Aber dann, als alles offen zutage liegt, geschieht − nichts. Keine Empörung im Viertel, nicht einmal Verwunderung. «Wie kann es sein, dass die Leute das hinnehmen und sich so schnell geschlagen geben und überhaupt nichts merken?», fragt Leti einmal. «Kann es vielleicht sein, dass keiner etwas sehen will?»

So löst sich Dal Masetto gegen Ende des Romans aus der urbanen Abenteuergeschichte und begleitet Leti, Caro und Vale in die erste grosse Ernüchterung ihres Lebens. Wie sind die Leute eigentlich? – Diese Frage wird sie nun umtreiben. Welche Abgründe lauern in der Welt der Erwachsenen? Und warum kommt Kivalá jetzt nicht mehr, wenn er auf dem Magnolienbaum herbeigerufen wird?

Gemeinsames Zentrum

Dieses flüssig erzählte, von Susanna Mende hervorragend übersetzte Buch ist für jugendliche LeserInnen geeignet, die auf Zauberstäbe und Anderswelten verzichten können. Die Spannung ergibt sich hier aus den dringlichen Begebenheiten der Wirklichkeit. Zugleich, und daher lohnt sich die Lektüre auch für Erwachsene, stellt Dal Masetto fundamentale Fragen nach den Grenzen der Aufklärung, nach den Fallstricken der Demokratie und wie eine Gemeinschaft der Hysterie verfallen kann.

So verschieden die Romane von Dal Masetto auch angelegt sein mögen: Sie haben ein gemeinsames Zentrum, und noch nie liess er es so klar erkennen wie in diesem Buch. Seine Heldinnen finden heraus, dass es in den Menschen ein «Bedürfnis» gibt, «sich irgendeiner Macht zu beugen, anwesend oder abwesend, sichtbar oder unsichtbar, wobei sie sich stets die Möglichkeit versagten, in Freiheit zu leben». Von hier aus erscheinen auch seine übrigen Romane in einem anderen, universellen Licht.

Dass Dal Masetto auf spektakuläre Erzählmittel und Thesen verzichtet, sollte ihm positiv ausgelegt werden. Wer Motive so präzise durchzuführen vermag, wer so viel Menschenkenntnis beweist und ohne stilistischen Extremismus das Publikum atemlos seinen Geschichten folgen lässt, muss als das bezeichnet werden, was er ist: ein grosser Gegenwartsautor.

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