Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Jassen (konservativ)

Stumpen und Geranien: Jassen ist ein Hort reaktionärer Gesinnung. Welch eine verpasste Chance für die Linken.

Von Susi Stühlinger

Neulich entfuhr es einem Gesinnungsgenossen entsetzt: «Was, du jasst? Das ist doch so was von peinlich-reaktionär-rechtsbürgerlich! Jassen, das machen die alten Chnuuschtis, die an den Stammtischen Villiger-Stumpen rauchen und über Ausländer fluchen. Jassen, dieser ultrakonservative Freizeitspass in Pseudo-Heimwehidylle, den das Schweizer Fernsehen mit dem unerträglichen Roman Kilchsperger und Geranien jeden TV-Samstag heraufbeschwört – dass du jasst, das find ich jetzt echt daneben.» – Nein, ist es nicht, möchte ich meinem Gesinnungsgenossen antworten.

Schon von seiner Konzeption her ist der Jass nichts, was man rechtsbürgerlichen Denkmustern zuordnen kann, denn: Rechtsbürgerliche Kreise wollen, dass die ohnehin schon Privilegierten weiter bevorzugt werden. Rechtsbürgerliche Kreise treiben politische Vorstösse voran, die denen geben wollen, die ohnehin schon haben. In rechtsbürgerlichen Kreisen soll oben bleiben, wer oben ist. Beim Jassen hingegen ist es möglich, dass der Bauer den König sticht und die Dame den Buben. Beim Jassen gibt es «Unenufe» genauso wie «Obenabe», und vier Sechsen zählen genauso einhundert Punkte wie vier Asse.

Ebenso wenig ist Jassen konservativ. Nur weil etwas eine lange Tradition hat, ist es noch lange nicht konservativ. Da schwadroniert die Linke immer davon, den Heimatbegriff anders besetzen zu müssen, eine linke Heimat zu definieren und die Heimat nicht den bösen Rechten zu überlassen. Ebenso wenig wie die Heimat will ich das Jassen den Rechten überlassen. Jassen ist übrigens auch nichts Urschweizerisches, im Gegenteil. Gemäss Überlieferung entstand der Jass im Orient und wurde im 14. Jahrhundert mutmasslich von den Sarazenen nach Europa getragen.

Vielleicht, lieber Gesinnungsgenosse, könnte man das Spielen an und für sich infrage stellen, weil es im Spiel immer GewinnerInnen und VerliererInnen gibt und das irgendwie nicht in eine sozialistische Konzeption passt, weil in unserer Idealvorstellung alle gewinnen und niemand verliert. Aber das find ich jetzt schon eher schwierig. Dann sind wir nämlich im diskursiven Kuddelmuddel angelangt, wo ich finde: Voilà, du glaubst ja auch nicht an Gott, sondern an die Evolution, und Evolution ist immer auch ein bisschen Wettbewerb, und Fussball sowieso.

Und dann sagst du, ich würde jetzt ein bisschen sozialdarwinistisch klingen. Und ich daraufhin wieder, dass Wettbewerb nichts Schlechtes sein muss. Und du wieder, ja, nicht müsste, aber in der Praxis meistens ist. Und ich wieder, dass Spiele, wenn überhaupt, höchstens eine Simulation von Realitäten sind. Und dann du wieder, dass die Bedingungen des Spiels immer die Realitäten abbilden, die nicht akzeptabel sind, und dass beim Jassen letzten Endes doch diejenigen gewinnen, welche die besseren Karten haben. Und dann haben wir uns in eine sehr anstrengende Diskussion verstrickt, die gar nichts mehr mit der Sache an sich zu tun hat.

Ich finde, man sollte gewisse Realitäten anerkennen: Ja, natürlich ist der «Samschtig-Jass» ein kulturpolitisches Verbrechen und Roman Kilchsperger mir auch nicht sonderlich sympathisch. Ja, Geranien sind hässlich. Ja, die Alten mit den Krummen, die über die Ausländer fluchen, jassen auch. Aber sie trinken auch Bier. Und das tust du, lieber Gesinnungsgenosse, doch ebenfalls, oder?

Ich weise dich weiter darauf hin, dass es mit einer Veranstaltung namens Rojinegro seit Jahren ein linksalternatives Soli-Jassturnier zugunsten von Zentralamerika gibt (geh doch mal hin) und dass auch verschiedene SP-Sektionen gelegentlich Jassturniere organisieren (obwohl dich das vielleicht nicht so zu beeindrucken vermag). Und dass es für Linke wesentlich bedenklichere Spiele gibt: kapitalistische (Monopoly), casinokapitalistische (Pokern), rassenhygienische (Tschau Sepp), imperialistische (Risiko; siehe aber auch das von Roberto Bolaño im Zitat links unten beschriebene Spiel). Und dass die WOZ auch schon WOZ-Jasskarten anfertigen liess und das wohl kaum täte, wenn sie Jassen für etwas Konservativ-Rechtsbürgerliches hielte.

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