Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

«Auf dem Tisch müssen sie verrecken!»

Warum soll der Schweizer Nationalsport nicht olympisch werden? Regelmässige Wettkämpfe sind jedenfalls empfehlenswert. Darum: Fernseher abstellen, Jasskarten austeilen, Psychologie hervorholen! Und dann richtig aufschreiben.

Von Roman Schürmann

Kürzlich an einem interkantonalen Schieberjassturnier in Luzern: Wir spielen im Halbfinal, es ist furchtbar knapp, es geht um jeden einzelnen Punkt. Schliesslich werden die Karten das letzte Mal gemischt und abgehoben, beide Teams wissen genau, was ihnen zum Sieg und also zum Finaleinzug fehlt. Es läuft gut, zwei Stiche stehen noch aus – welche Karte soll ich spielen?

In meiner Hand halte ich noch den Schiltenkönig (Wert: vier Punkte) und das Schiltenbanner (zehn Punkte). Die Gegnerin zu meiner Rechten, da bin ich mir ziemlich sicher, hat noch einen – den letzten – Trumpf und eine Schilte, ich glaube ein Brettchen (also tiefer als mein Banner). Das Schiltenass ist schon gegangen. Spiele ich den König und wird er abgestochen, bringe ich vielleicht das Banner heim und mache den letzten Stich (und die damit verbundenen fünf Extrapunkte). Oder soll ich doch das Banner bringen, um entweder die zehn Punkte oder, falls meine Gegnerin sticht, wenigstens die fünf Bonuspunkte zu holen? Aber hat sie wirklich noch eine kleine Schilte?

Ein Profi muss das wissen. Sie lässt sich von meinem König nicht beeindrucken und wartet das feissere Banner ab. Wir spielen bloss um den dritten Platz.

Wo wird der Teppich aufgelegt?

Meist wird aber im gemütlichen Rahmen gejasst. «Gemütlich» ist dabei nicht immer ganz ernst gemeint – es gibt zwar diejenigen, die einen Jassabend vor allem als sozialen Anlass verstehen, und das ist ja auch in Ordnung. Jasstechnisch interessanter sind natürlich die Begegnungen, bei denen das Spiel wirklich im Zentrum steht. Robert Walser schreibt in seinem «Gehülfen»: «In der Tat ging es beim Jass unter Berufsjassern eben viel ernsthafter und männlich zu, vor allem viel schweigsamer, und Tobler [der Chef des Gehülfen] hatte nachgerade diese häusliche, plaudernde, unschuldige Jasserei ziemlich verachten gelernt.»

Treffen Jassasse aufeinander, beginnt das Spiel, lange bevor die erste Karte auf dem Tisch liegt. Wo wird der Jassteppich aufgelegt? In einer Beiz, wo nicht geraucht werden darf? Beim Kollegen, wo es diesen feinen Schnaps gibt? Und wird mit welschen oder Deutschschweizer Karten aufgetrumpft? Nach der Zulosung der Partnerin ist es entscheidend, die je persönlichen Taktiken und Strategien in der gebotenen Kürze auszutauschen und abzugleichen. Wehe, sie zieht an, während ich glaube, sie verwerfe!

Der Rest ist dann aber auch nicht nur Technik. Tatsächlich wird nicht viel geredet, aber ganz schweigsam ist auch nicht gut: Im richtigen Moment den richtigen Spruch fallen zu lassen, kann den Abend in die richtige Richtung lenken. «Auf dem Tisch müssen sie verrecken!» begleitet das Ass, das ziemlich sicher mit einem Trumpf abgestochen werden wird; aber wer ist sicher, dass das keine Falle ist? Verpönt sind dagegen Bemerkungen, die zu viel verraten (auch wenn alle am Tisch über die Sachlage Bescheid wissen): «Gestochen Bock!» – dass also der Stechende noch über einen weiteren sicheren Stich verfügt – geht erst bei der vorletzten ausgespielten Karte. Und komplett geächtet ist natürlich jede Kommunikation zwischen PartnerInnen, die nicht auf legalem Weg erfolgt – etwa wenn der eine «gschobe» sagt statt «ich schiebe», um dem andern damit eine geheime Information über sein Blatt zu übermitteln; von sich berührenden Füssen unter dem Tisch gar nicht zu reden.

Vogelfutter auf dem Schiefer

Nicht zu vermeiden sind die psychologischen Spielereien; es wäre auch schade, sie sind es, die dem Spiel die Würze verleihen. Etwa wenn ich zwar nur noch eine Karte der ausgespielten Farbe in der Hand halte, aber dennoch mit Ausspielen zuwarte, als ob ich mich zwischen (mindestens) zwei Optionen entscheiden müsste. Oder wenn ich mein Trumpfbanner opfere (und dabei enttäuscht seufze), wie wenn ich es «blutt» hätte, obwohl ich noch einen weiteren kleinen Trumpf habe (genau: ein Brettchen). Eine gute Schulung für PolitikerInnen also – kein Wunder, ist Jassen eines der wichtigsten Freizeitvergnügen von Schweizer ParlamentarierInnen. Zu den einseitig auf messbare Leistungen ausgerichteten olympischen Sportarten wäre das eine gute Ergänzung, und es wäre ein gewichtigerer Beitrag der Schweiz zur internationalen Staatengemeinschaft als irgendwelche Steueroptimierungsprogramme oder Handgranaten für die Vereinigten Arabischen Emirate.

Vor allem bei ausgeglichenem Spielverlauf ist auch dem Zählen grosse Beachtung zu schenken. Der Ehrenkodex sollte garantieren, dass niemand absichtlich falsch addiert und zu viele Striche auf die Schiefertafel schreibt. Aber Kopfrechnen ist nicht jedermanns Steckenpferd, zudem oft Glückssache. Nicht verboten ist es, im gegebenen Moment mit der Kreide ein wenig Vogelfutter auf die Tafel zu tüpfeln, um ein paar V (gleich Vögeli-F gleich 500 Punkte) anzulocken. Es soll schon funktioniert haben.

Die Punkteverteilung läutet dann den wichtigsten Teil jeder Jassrunde ein: die Nachbesprechung oder, moderner, das Debriefing. Was hätte nicht alles anders und besser laufen können! Und dabei zeigen sich Temperamente und Charaktere wie sonst nie.

Unbarmherzig und knurrend mäkelt der eine – sonst ein Ausbund an Freundlichkeit – an meiner Spielweise herum, während eine andere mit didaktisch wertvoller Sanftheit meine Spielanlage zu verbessern trachtet, was allerdings auch nicht immer den gewünschten Effekt hat. Verschüchtert mache ich in der nächsten Runde grad noch dümmere Fehler als vorher. Und dann kann der andere laut und rot werden und die Karten hinwerfen. Da zeigt sich dann erst der wahre olympische Durchhaltewillen.

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