Nr. 16/2012 vom 19.04.2012

Eine Bergung als Wiedergutmachung

Im Februar 2008 prügelten in Locarno drei Jugendliche den 22-jährigen Damiano Tamagni zu Tode. Ein Jahr später wurde aus dem Lago Maggiore das Wrack eines Bugattis geborgen, dessen Verkaufserlös den Grundstock einer Stiftung gegen Jugendgewalt bildete. Diese beiden Vorfälle inspirierten die bekannte deutsche Dramatikerin Dea Loher zu ihrem ersten Roman.

Von der Gewalttat berichtet sie distanziert auf der Basis der Verhörprotokolle, ohne die drei Täter zu Romanfiguren zu machen. Der Held von «Bugatti taucht auf» ist jener Besitzer einer Firma für Unterwasserbergungen, der viel Geld und seine ganze Energie in die Bergung steckte, um diese Tat dem Mordopfer zu widmen. «Ein ertränktes, versenktes Auto für einen erschlagenen, zu Tode getretenen Jungen», erklärt Jordi – so sein Name im Roman – den TaucherfreundInnen. Diese sind skeptisch, denn ausser der Nabe eines Rades ist auf dem Grund nichts zu sehen.

Während Jordis Kräne auf dem Seegrund arbeiten, recherchiert er die spannende Geschichte des Oldtimers und taucht zugleich in die eigene Vergangenheit ein. Dabei wird ihm bewusst, wie fremdbestimmt sein Leben verlief, wie wenig es mit seinen ursprünglichen Wünschen zu tun hatte. So wurde er zunehmend zum Eigenbrötler und floh jeden Winter aus Ascona («ein verschlafenes und irgendwie treuherziges Nest») nach Südamerika, auf der Suche nach einem Ersatzleben.

«Bugatti taucht auf» ist ein vielschichtiger und sprachlich brillanter Roman, spannend und tiefschürfend zugleich, manchmal irritierend, oft amüsant. Im Grunde handelt er von der 
Frage, wie man mit Verlusten umgeht. Jordis Vorhaben, das Autowrack aus dem See heraufzuholen, erscheint wie der Versuch einer Wiederbelebung: wie eine Aktion gegen die eigene Hilflosigkeit angesichts eines ungerechten Todes. Aber auch wie eine Aktion gegen eine als sinnlos erlebte Existenz, denn der Verlust von Lebensträumen kann ebenfalls tiefe Wunden schlagen.
Eva Pfister

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