Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Aus der Schöpfung gefallen

In seinem neuen Roman behandelt Lukas Bärfuss den Suizid seines Bruders sowie die zerstörerische Eroberung Australiens. Dabei paart sich Welthaltigkeit mit Zivilisationsmüdigkeit.

Von Stefan Howald

Illustration: Franziska Meyer

Jetzt also Australien. Knapp vor der Hälfte seines zweiten Romans «Koala» macht sich Lukas Bärfuss mit den LeserInnen auf die Überfahrt des ersten Sträflingstransports, der 1787/88 zur englischen Strafkolonie in Australien führte. Sprachgewaltig beschreibt er, wie der Kontinent durch die Weissen besiedelt wurde, samt der entsprechenden Folgen. Mit dem vorangegangenen Teil des Buchs ist das nur lose verbunden, aber es ist ein eminent welthaltiger Stoff.

Dass die Welt am Jurasüdfuss endet, gehört zu den weitgehend unzutreffenden Vorurteilen über die Schweizer Literatur. Seit längerem schon reisen angekränkelte Schweizer Figuren nach Ohio oder nach Schweden. Aber so richtig waren sie denn doch nicht den brennenden Weltproblemen auf der Spur. In seinem ersten Roman, «Hundert Tage» von 2008, unternahm Bärfuss gerade dies. Darin ging es um nichts weniger als den Völkermord in Ruanda im Jahr 1994.

Hoch wurde ihm angerechnet, wie er sich anhand der jüngeren politischen Vergangenheit in der Dritten Welt grundlegenden moralischen Fragen über das Böse gestellt hat. Der Roman wurde begeistert begrüsst, und Bärfuss wurde damit zu einem Schweizer Vorzeigeintellektuellen.

Das Intimste

«Koala», der neue Roman, beginnt nun allerdings mit dem scheinbar Intimsten, dem Selbstmord des Bruders des Ich-Erzählers. Das ist autobiografisch, und Bärfuss kann den Verstorbenen, von dem er sich entfremdet hatte, anrührend vergegenwärtigen. Darüber hinaus geht es um den Suizid als gesellschaftliches Phänomen. Der Bruder war lebensuntüchtig, wie es so heisst. Aber was bedeutet das? Es bedeutet, meint der Ich-Erzähler, sich der dominierenden Leistungsgesellschaft nicht auszuliefern oder sich bewusst von ihr abzuwenden. War dem Bruder in der Pfadi nicht der Koala als Totem zugewiesen worden, dieses faulste Tier der Erde, das sich aller menschlichen Funktionalität und Rationalität entzieht? Worauf der Roman noch einmal ansetzt und uns mitnimmt nach Australien in die Heimat eben dieses Koalas.

Bärfuss hat zahlreiche zeitgenössische Quellen ausgewertet und zeichnet ein düsteres Gemälde von der zerstörerischen Eroberung eines Kontinents. Die neuen Siedler, als Gefangene oder Gefängniswärter zusammengezwungen, erdulden unermessliche Strapazen in einem unwirtlichen Land. Seuchen dezimieren sie, durch Hinrichtungen soll die Disziplin aufrechterhalten werden, nicht nur der Kontakt mit den Eingeborenen ist oft genug gewalttätig, sondern auch das Verhältnis zur Natur, die allmählich unterworfen wird. Schliesslich taucht auch der Koala auf, der sich bislang in den dichten Wäldern verborgen halten konnte, woraufhin Bärfuss sein gesammeltes Wissen über die einmalige Kreatur loswerden kann.

Die Hölle

Geschrieben ist das mit ziemlichem Drive, in leicht altertümelndem Stil. Bärfuss rückt seine Geschichte freilich in eine bezeichnende Perspektive: die des Sündenfalls. Im Verlauf ihres Vorstosses treffen die Siedler zunächst auf eine «Hölle» für die Menschen, und dann machen sie den Koalas die Welt zur Hölle.

In die Hölle, in die genozidalen Schlächtereien in Ruanda, führte auch Bärfuss’ erster Roman. «Hundert Tage» begann als scharfe Satire und Kritik an der Schweizer Entwicklungspolitik und mündete dann im «Höllenspektakel», in der «Hölle, die über das Land hereingebrochen war». Das damalige Grauen, die selbstverständlichen Morde unter Nachbarn, der Zusammenbruch aller Moral in Ruanda sind kaum nachvollziehbar. Daran lässt auch Bärfuss keinen Zweifel, um dann doch eine Erklärung anzubieten: Im scheinbaren Chaos und in der Schwäche der ruandischen Gesellschaft seien in den hundert Tagen die immer schon vorhandenen Ordnungsstrukturen sowie Pflichterfüllung und Fleiss als Grundlagen des Genozids zum Durchbruch gekommen: Die «perfekte Hölle», so suggeriert der Autor, beruhe auf einer «perfekten Ordnung». Da die Schweiz das Regime in Ruanda lange unterstützt hat, zielt Bärfuss, nicht unberechtigt, damit auch auf Schweizer Sekundärtugenden. Aber es bleibt eine essenzialistische These, die sich über das historische Material und die vielfältigen benennbaren Schritte, die zum Massenmord führten, hinwegsetzt.

Das wirft die Frage auf, wer in diesem Roman spricht. Der Entwicklungshelfer David Hohl, der die Geschichte einem ungenannten Freund aus der Ich-Perspektive erzählt, mag häufig in Rollenprosa sprechen. Aber Hohl bleibt, mangels einer widersprechenden Stimme, der einzige Erklärer der Vorgänge. Dabei fällt auf, wie häufig religiöse Motive aufgerufen werden: Falschheit, Betrug und Täuschung, mittels derer sich das Menschengeschlecht über die Natur erhob, dazu Schuld, Gerechtigkeit und Erlösung.

Tatsächlich schreibt Bärfuss in beiden Romanen opulent-sprachgewaltige Thesenliteratur. In «Koala» wird die Gesellschaftskritik noch ein wenig grundsätzlicher und die Geschichtsphilosophie noch etwas metaphysischer.

Denn hier geht es um den Ehrgeiz als Kardinalsünde. Oder noch ursprünglicher um die Angst, die allein der Mensch in die Welt gebracht habe. Als Medizin dagegen seien der Fleiss und der Ehrgeiz entwickelt worden, die Welt zum seelenlosen Arbeitsplatz eingerichtet und die Faulheit daraus vertrieben. Aus der Perspektive linker Gesellschaftskritik könnte man das die Dialektik der Aufklärung nennen, aber für den Ich-Erzähler wird es zu einer biblischen Geschichte: «Und so lebten wir, so lebte ich. Ausserhalb der Schöpfung.» Womit Bärfuss schliesslich zum Thema Selbstmord zurückkehrt. «Das war, was man meinem Bruder und keinem Selbstmörder verzieh: Sie hatten endgültig und ohne Widerruf die Arbeit verweigert.» Dagegen lässt Bärfuss den Ich-Erzähler eine «andere Möglichkeit der Existenz» erzählen, die dann womöglich glaubt, auf dem Hintergrund eines Lobs der Faulheit ohne jegliche zivilisatorische Arbeit auskommen zu können.

Noch ein wenig Barbarei

Auch «Frühling der Barbaren», der Erstling von Jonas Lüscher, die Schweizer Literatursensation des vergangenen Jahres, weist eine ähnliche Rahmenhandlung auf: Ein einem Inferno Entronnener erzählt seine Geschichte einem Besucher. Lüscher nutzt allerdings die zweite Stimme inhaltlich und formal als fragende Instanz. Hier sind die prätentiösen, gelegentlich leicht rassistischen Bemerkungen des Erzählers zweifellos als Rollenprosa erkennbar.

Ähnlich wie Bärfuss will Lüscher ebenfalls ganz grundsätzlich über die Barbarei verhandeln. Auch er führt BesucherInnen aus dem Westen in die Dritte Welt, nach Tunesien in ein Luxusresort, wo ihre Arroganz auf der apokalyptischen Entwicklung der Finanzmärkte aufläuft. Denn nachdem das britische Pfund abgestürzt und England bankrottgegangen ist, werden alle Geldbeziehungen durchs nackte Überleben abgelöst. Diese letzten dreissig Seiten, in denen der Zusammenbruch des Ferienresorts geschildert wird, sind eine beeindruckende Parforceleistung. Aber darunter versteckt sich die dürre These vom dünnen Firnis, mit dem angeblich die Zivilisation die Natur nur notdürftig bedeckt.

In Porträts und Rezensionen ist wiederholt verhandelt worden, dass Lüscher in Philosophie promoviert hat und bei der Beschreibung von «sozialer Komplexität vor dem Hintergrund von Richard Rortys Neo-Pragmatismus» die «narrative Beschreibung als autoritatives Wissen» wieder in ihr Recht einsetzen will. Dieser Anspruch führt in seiner eigenen Novelle zu fragwürdigen Resultaten. Überhaupt kann die bei Bärfuss wie Lüscher sichtbar werdende Zivilisationsmüdigkeit die weiterhin notwendige Arbeit mit Gesellschaft und Natur nicht ersetzen.

Lukas Bärfuss erhält den Solothurner Literaturpreis 2014 und liest am Freitag, 30. Mai 2014, um 10 Uhr in Solothurn.

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