Nr. 18/2012 vom 03.05.2012

Ohne Wohlstand, ohne Würde

Nach einem Jahr des Niedergangs haben viele GriechInnen den Mut verloren. Vom Urnengang am 6. Mai 2012 erwarten die Menschen wenig, während die ExtremistInnen die Strasse beherrschen. Ein Bericht aus einem Land am Rande des Zusammenbruchs.

Von Cedric Rehman, Athen

Am Ende der Athener Flaniermeile hocken schwarzgekleidete AnarchistInnen auf einem Haufen Pflastersteine. Sie werden sie nicht benutzen – es ist nur eine Drohung gegen die Luxusgeschäfte, denen die Kundschaft ohnehin davonläuft. Wenige Meter entfernt sitzen die letzten Bohemiens auf der Terrasse eines Cafés, schlürfen Frozen Yoghurts und starren auf ein mit Brettern vernageltes Modegeschäft. Zwischen den Autonomen schlängeln sich AthenerInnen durch. Sie staunen über Rabatte bis zu siebzig Prozent. Doch sie gehen auf Abstand zu den Auslagen, als wären diese verhext. Und bekreuzigen sich, bevor die EC-Karte im Schlitz des Geldautomaten verschwindet.

20 000 auf der Strasse

In einem anderen Stadtteil staunt die Autorin Eleni Nikolaidou darüber, dass ihr Geschichtsbuch ausgerechnet in der Krise reissenden Absatz findet. Und es erschreckt sie. Ihre «Rezepte des Hungers» über das darbende Athen im Zweiten Weltkrieg sollten nur in ganz kleiner Auflage erscheinen. Doch nun wollen immer mehr GriechInnen lesen, wie sich mithilfe von Auberginen und Reis ein Fleischersatz herstellen lässt. Nikolaidou sitzt in einem Sessel in ihrer Wohnung südlich des zentralen Syntagma-Platzes. Hierher würden sich die AnarchistInnen nicht trauen. Denn die StalinistInnen von der KKE, der niemals gewendeten griechischen Kommunistischen Partei, beherrschen die Strassen. Ein Wahlplakat der Konservativen oder der SozialdemokratInnen findet sich nirgendwo im beschaulichen Wohnviertel. «Wer so was aufhängt, muss damit rechnen, dass wir Tomaten nach ihm schmeissen», sagt Nikolaidou. Ihre Wohnung riecht nach alten Büchern und Zeitungen. Der Fernseher mit dem riesigen Bildschirm im Wohnzimmer wirkt wie ein Stilbruch. «Den wollte mein Mann 2009 haben, weil er Fussballfan ist», sagt die Schriftstellerin. Für sie ist der Fernseher zu einem Symbol geworden.

Über Jahrhunderte hätten die GriechInnen sich in ihrer Armut eingerichtet, sagt Nikolaidou. In den achtziger Jahren kamen mit dem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft bescheidener Wohlstand und westeuropäisches Konsumdenken. Dank des Euro wurden Kredite billig, und viele Menschen erlagen der rauschhaften Idee, dass es mit der neuen, stabilen Währung nur aufwärtsgehen könne. Die Schuldenkrise liess 2010 die Illusionen platzen. Ein Jahr später gab es Massenentlassungen und Lohnkürzungen bis zu 25 Prozent. «Jetzt sitzen wir vor unseren Flachbildfernsehern und denken darüber nach, wie sich Hunger anfühlt. Wir hatten das schon vergessen», sagt Nikolaidou.

Die Stadtverwaltung spricht davon, dass 20 000 der etwa 655 000 AthenerInnen auf der Strasse leben. So viele Armenküchen wie heute gab es seit dem Ende des Bürgerkriegs 1949 nicht mehr. Wer tagsüber im Stadtzentrum vom Omonia-Platz zum Parlament auf dem Syntagma-Platz spaziert, sieht viele Menschen in Mülleimern wühlen. Die Stufen der Banken gehören nicht mehr den Anzugträgern mit ihren Smartphones am Ohr. Dort sitzen nun vorwiegend Obdachlose herum – manchmal mit Markenturnschuhen oder Lederhandtaschen. Sie sehen aus, als hätten sie sich bloss kurzzeitig in die Armut verirrt. Für Nikolaidou ist dies der «tägliche Terror der schlechten Nachrichten». Die Autorin schaltet mittlerweile öfter das Handy aus. Durch eine SMS hatte sie vom Selbstmord eines Bekannten erfahren. «Kein Wunder, dass die Menschen mittlerweile alles für möglich halten. Deshalb kaufen sie ja auch mein Buch», sagt sie.

Krisengebiet vor der Haustür

Eine halbe Stunde weiter südlich, im Hafen von Piräus, ist die Mittelschicht fast verschwunden. Die Pleite vieler Reedereien im letzten Jahr hat Europas grössten Passagierhafen in den Abgrund gerissen. Am Hang von Perama stehen die Eigenheime von mittelständischen UnternehmerInnen, die in Piräus ihr Geld verdienten. Weissgestrichene Fassaden glänzen in der Sonne, dahinter hat sich die Armut eingenistet. Die arbeitslosen WerftarbeiterInnen geben kein Geld mehr für Autos oder Fernseher aus. Die UnternehmerInnen haben zuerst ihre Betriebe und dann den Stolz verloren.

Ionnis Stavropoulis (Name geändert) sitzt im Behandlungszimmer der Polyklinik der Ärzte der Welt in Perama. Er wartet darauf, dass Elena Titkova ihm die Blutdruckmedikamente in die Hand drückt, die er nicht mehr bezahlen kann, weil ihn seine Krankenkasse hinausgeworfen hat. Titkova arbeitet als Freiwillige für die griechische Sektion der internationalen Ärzteorganisation, die traditionell in Krisengebieten wie Afghanistan oder dem Irak tätig ist. Die junge Ärztin wollte 2009 nach Uganda. Da verschob sich das Einsatzgebiet in Titkovas Heimatland. Zunächst eröffnete die Organisation eine Klinik für die Flüchtlinge ohne Papiere, die als Erste durch das soziale Netz fielen. Dann verliessen die Illegalen den Bezirk Piräus, weil es nicht einmal mehr Jobs für SchwarzarbeiterInnen gab. Stattdessen klopften die WerftarbeiterInnen, später die wohlhabenderen NachbarInnen an die Tür der Klinik. «Ärzte schliessen Wetten ab, wann die Tuberkulose kommt und wann die ersten Menschen in der Metro vor Hunger umfallen», sagt Titkova. Die Schlange der PatientInnen ist einen halben Block lang. «Ich wünschte, ich könnte mir über Politik Gedanken machen, aber ich habe einfach keine Zeit», sagt Elena Titkova.

Patient Ionnis Stavropoulis spricht leise, als würde er Geheimnisse erzählen. «So weit ist es mit uns gekommen», sagt der 53-Jährige. 2009 brauchte er einen Herzbypass. «Danach konnte ich nur noch mit halber Kraft arbeiten.» Stavropoulis war Autohändler, er gehörte zu den Ersten, die pleitegingen und 2011 dann ganz ohne Ersparnisse dastanden. Am 6. Mai wird er sein Kreuzchen nicht mehr bei den Konservativen machen. «Ich werde meine Fehler aus der Vergangenheit korrigieren», sagt er.

Im Zentrum Athens verdient Christos Kostopoulos in einer Kaffeebar monatlich 650 Euro netto. Der Soziologe hat nach seinem Examen viele Bewerbungen geschrieben. Es gab keine Stellen in seinem Fach, und so landete der 26-Jährige hinter dem Tresen. Kostopoulos hat die Kapuze seines blauen Jogginganzugs tief ins Gesicht gezogen. Er will nicht erkannt werden in seinem Quartier mitten in der Innenstadt. Früher war es ruhig, mit vielen RentnerInnen, einigen Studierenden und wenigen Flüchtlingen auf der Durchreise nach Westeuropa. Nach der Jahrtausendwende blieben die Illegalen hier, weil andere europäische Staaten sie nicht mehr ins Land liessen.

Faschistische Hetze

Die Krise hat zu einem Überlebenskampf zwischen den RentnerInnen und ihren ausländischen NachbarInnen geführt, die mittlerweile in denselben Mülleimern nach Essen wühlen. Im Oktober 2010 explodierten die Spannungen, als Einheimische die neofaschistische Goldene Morgendämmerung nach dem Raubmord an einem Rentner zu Hilfe riefen. Es folgte eine Hatz auf AusländerInnen, die nicht mehr aufgehört hat. Die Neonazis hoffen, dass bei den Wahlen im Klima des Fremdenhasses und der antieuropäischen Reflexe für sie tatsächlich der Morgen dämmert. Bisher lagen ihre Wahlerfolge im Promillebereich, nun sagen Umfragen einen Sprung über die Dreiprozenthürde voraus. «Ich erwarte mir keine Besserung meiner Lage, aber jeder, der bei der Wahl zu Hause bleibt, macht es den Faschisten leichter, ins Parlament zu kommen», sagt Kostopoulos.

Die Polizei lässt die FaschistInnen gewähren. Zwei AfrikanerInnen schieben hastig eine Schubkarre mit Trödel an einer Gruppe Skins vorbei. Die erheben sich von der Plastikbank, eine Bierflasche fliegt. Auf der anderen Strassenseite spuckt eine blonde Frau auf den Boden und keift den Schwarzen hinterher. Kostopoulos biegt schnell in eine Gasse ab. Er ist es mittlerweile gewohnt, in seinem Quartier Schleichwege zu nehmen. Denn für die Rechten ist jeder ehemalige Student ein Linker. Trotzdem ist er froh über seine Wohnung in diesem Viertel. «Ich zahle 150 Euro Miete für zwölf Quadratmeter.»

Angepasste Preise

Eine Packung Nudeln kostet 80 Cent, ein Kilo Trauben 2,50 Euro. Einen Espresso gibt es in der Athener Innenstadt schon für 1,50 Euro. Langsam passt die Gastronomie ihre Preise den veränderten Realitäten an. «So wie die Umsätze aussehen, werde ich meinen Job verlieren», sagt Kostopoulos. Das Tempo der Krise lässt dem jungen Akademiker keine Zeit, irgendetwas für sicher zu halten. In nur zwei Jahren wurde das Land, in dem er aufgewachsen ist, auf den Kopf gestellt. Er kann sich erinnern, wie er und seine Freunde mit 15 Euro aus dem Haus gingen, um nach der Vorlesung ein paar Bier zu trinken. Sie sprachen über das Reisen oder ein Auslandssemester. Heute diskutieren sie über das Auswandern.

Die guten Zeiten sind erst drei Jahre her und doch eine Ewigkeit. Die Unsicherheit raubt der Jugend den Glauben an ein Leben, das aus etwas anderem besteht als weiteren Einschnitten. Kostopoulos hält es für realistischer, dass er sich eines Tages auf dem Land von ein paar Tomaten und Oliven selbst versorgt, als dass er in Athen einer Arbeit jenseits des Niedriglohnsektors nachgeht. Schon jetzt fliehen viele seiner ehemaligen KommilitonInnen aus der Stadt und versuchen sich jenseits der zusammengebrochenen Wirtschaft an neuen Lebensformen auf dem Land. Eine Heirat oder Kinder, das sieht Christos Kostopoulos in seiner Zukunft nicht mehr. «Meine Freundin und ich werden neue Wege finden, um miteinander zu leben», sagt er.

Parlamentswahlen vom 6. Mai

Demokratie unter dem Rettungsschirm

Am 6. Mai finden in Griechenland vorgezogene Parlamentswahlen statt. Zugelassen wurden 32 Parteien – so viele wie noch nie seit dem Ende der Militärdiktatur 1974. Von Oktober 2009 bis November 2011 regierte die sozialdemokratische Partei Pasok unter Ministerpräsident Georgios Papandreou. Sie löste damals die liberal-konservative Partei ND ab. Papandreous Regierung war mit einem zuvor verschleierten hohen Haushaltsdefizit konfrontiert, das die von der Europäischen Union (EU) festgelegte Grenze deutlich überschritt.

Im Frühjahr 2010 beschlossen die EU und der Internationale Währungsfonds, Griechenland finanzielle Unterstützung zu gewähren, aber den griechischen Staatshaushalt direkt zu kontrollieren. Im Gegenzug zu diesem «Rettungspaket» verpflichtete sich die griechische Regierung zu Kürzungen im öffentlichen Dienst und bei den Renten sowie zu einer Erhöhung der Mehrwertsteuer. Ein zweites Rettungspaket wurde im Mai 2010 festgelegt. Nach anfänglicher Ablehnung des griechischen Parlaments wurde es schliesslich angenommen. Im Laufe des Jahres 2010 verschärften sich aufgrund der Haushaltskürzungen die wirtschaftliche Rezession und private Insolvenzen. Die Oppositionsparteien und die Bevölkerung reagierten darauf mit kontinuierlichen Demonstrationen und Streiks.

Griechenland erhielt im Juni 2011 ein drittes Rettungspaket. Im November 2011 kündigte Ministerpräsident Papandreou im Parlament eine Volksabstimmung über weitere Sparmassnahmen an, zog den Antrag aber zurück, nachdem die internationalen Hilfszahlungen kurzfristig eingestellt wurden. Angesichts des internationalen und innenpolitischen Drucks trat Papandreou am 9. November zurück. Unter Führung des parteilosen Wirtschaftswissenschaftlers und früheren Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank, Loukas Papademos, wurde eine Übergangsregierung gebildet, in der Mitglieder von Pasok, ND und der rechtsextremen Orthodoxen Zusammenkunft (Laos) Ministerposten übernahmen. Im März 2012 wurde schliesslich die Hälfte der griechischen Schulden von etwa 200 Milliarden Euro erlassen.

Laut Meinungsumfragen sind im neuen Parlament womöglich zehn Parteien vertreten, die überwiegend nicht koalieren wollen. Wenngleich die Zustimmung für ND und Pasok gesunken ist, lägen sie knapp vor dem linksradikalen Bündnis Syriza, der kommunistischen Partei KKE und der demokratischen Linken Dimar.
Alice Rombach

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