Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Traumartiges Kammerspiel

Die drei jungen Frauen sitzen eng nebeneinander auf dem Sofa. Schweigend hören sie ein Lied von Bridget St. John, beim Refrain beginnt Marina leise mitzusingen: «And there’s no need for you to cry because I’m back today, I’m back to stay in your arms» («Du brauchst nicht zu weinen, denn ich komme heute zurück, ich komme zurück, um in deinen Armen zu bleiben»). Ihre Augen werden glasig. Die Kamera ruht auf den drei Frauen, nähert sich ihnen langsam an und schaut ihnen geduldig zu, wie sie vereint sind in ihrem Schmerz, ihrer Einsamkeit und ihrer Sehnsucht.

Es ist ein bleibender Moment in Milagros Mumenthalers wunderbarem Film «Abrir puertas y ventanas» (zu deutsch «Türen und Fenster öffnen») – und es ist der einzige Moment, in dem Marina, Sofía und Violeta ihre Gefühle miteinander teilen. Die drei Schwestern leben in Buenos Aires im Haus ihrer vor kurzem verstorbenen Grossmutter. Hier scheint die Zeit stehen zu bleiben. Umgeben von den alten Möbeln der Grossmutter lümmeln Marina (María Canale), Sofía (Martina Juncadella) und Violeta (Ailín Salas) im Haus herum, schwitzen, schauen fern, essen, streiten oder schweigen sich auch bloss an.

Die Spannung unter den Schwestern ist immer wieder spürbar, vieles bleibt unausgesprochen: Warum durften die Mädchen nie in die Garage, wo alle Gegenstände ihrer Eltern gelagert sind? Wo sind die Eltern eigentlich, die zwar abwesend sind und doch immer wieder präsent?

«Abrir puertas y ventanas» beginnt mit einer langen Einstellung draussen vor dem Gartentor – die restlichen neunzig Minuten verlässt die Kamera das Haus und den Garten nie. Und auch die drei Schwestern scheinen das Haus kaum zu verlassen. «Abrir puertas y ventanas» ist ein grandioses Kammerspiel, dessen traumartige Stimmung einen in den Bann zieht. Die Regisseurin mit argentinisch-schweizerischen Wurzeln lässt ihren Protagonistinnen viel Raum und Zeit, sich zu entfalten – und was dabei entsteht, ist grosses Kino auf engstem Raum.
Silvia Süess

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