Nr. 28/2015 vom 09.07.2015

Der gute Dämon aus der Bibelgruppe

Die US-Sängerin Torres arbeitet sich auf ihrem wuchtigen neuen Album «Sprinter» an ihrem strenggläubigen Elternhaus ab. Eine Abrechnung ist das trotzdem nicht.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Sängerin Torres kennt sich mit scheinheiligen Priestern und dem Wegrennen aus. Foto: Shawn Brackbill

Ich bin ein Sprinter, mehrmals am Tag. Aber nicht schwitzend zu Fuss, nur im Geist, und schuld daran ist diese Stimme, die mir nicht mehr aus dem Kopf will. Im ersten Refrain klingt sie noch wie eine Fee, schwerelos im Äther, den dritten schleudert sie dann wuchtig in den Raum, die Kehle als Abgrund. «I was a sprinter then», singt sie, aber dieser Song sprintet nicht, er schleppt, und gehetzt ist hier gar nichts. Die Gitarren schwellen an wie eine Wolke von Treibsand, die vorüberzieht, mächtig und gross, bis wieder Stille ist, als wäre nichts gewesen. Hat da jemand «Grunge» gesagt?

Kiffen, um zu atmen

Die Stimme gehört der 24-jährigen Mackenzie Scott, wie sie bürgerlich heisst. Auf der Bühne nennt sie sich Torres, nach ihrem Grossvater, dessen Familienname ihr so gut gefiel. «Sprinter» heisst der Song, er ist das Herzstück ihres gleichnamigen zweiten Albums, und wenn Torres darin von einem scheinheiligen Priester und vom Wegrennen singt, dann als eine, die sich damit auskennt. Aufgewachsen ist sie als Adoptivkind in einer baptistischen Gemeinde im US-Bundesstaat Georgia; ihre leibliche Mutter hatte sie zur Adoption freigegeben und dabei gleich selbst die Frau ihres Vertrauens als neue Mutter für ihr Kind ausgesucht: Es sollte die Leiterin ihrer Bibelgruppe sein.

Über sieben Minuten lang kreist Torres nun um diese Urszene vom Muttertausch, im Song «The Exchange». Es ist der ausgedehnte Folkmoment ganz zum Schluss dieser Platte: allein mit der akustischen Gitarre, dazu leises Vogelgezwitscher wie eine trügerische Girlande im Hintergrund. Torres begibt sich hier auf eine intime Selbstbefragung, die aber über das rein Private hinausweist, und sie singt das aus der Perspektive einer Ertrinkenden: «Mother, father / I’m underwater.» Es ist das Zeugnis einer jungen Frau, die glaubt, in ihrem Umfeld ersticken zu müssen. Und die deshalb angefangen hat zu kiffen, damit sie wenigstens atmen kann, aber die Luft bleibt ihr trotzdem weg.

Andere hätten da zu einer Abrechnung angesetzt, mit der Wut im Bauch und Rotz in der Stimme. Bei Torres ist das alles komplizierter. Und dunkler. In der Musik hört man es öfter mal grollen, aber die Sängerin kennt keinen Groll, zumindest nicht gegen ihre Herkunft. Sie bezeichne sich nach wie vor als Christin, sagte sie dem Musikmagazin «Pitchfork», aber ihr Verhältnis zu Gott und Spiritualität sei «mysteriöser als je zuvor». Da kann es schon mal passieren, dass Torres ihre Selbstermächtigung so weit treibt, dass sie gleich selber die Stimme Gottes annimmt, wie in «Son, You Are No Island».

«Sprinter», so erzählt sie in Interviews über ihre neue Platte, handle nicht nur von ihrer Sehnsucht davonzulaufen, sondern auch von ihrer Wertschätzung für die Erziehung, die sie erfahren habe. Sie selber beschreibt das Album als Meditation über ihre konservativen Wurzeln in den Südstaaten, aber aus einer kosmischen, futuristischen Perspektive. (Terrence Malicks spirituelles Rückführungsepos «The Tree of Life» soll dabei ihre wichtigste Inspiration gewesen sein. So hat dieser Film also auch sein Gutes.)

Und praktisch immer, wenn jetzt irgendwo von dieser jungen Frau aus den Südstaaten die Rede ist, taucht auch der Name von PJ Harvey auf. Das liegt halt so schön auf der Hand, weil Torres ihr neues Album im Südwesten Englands aufgenommen hat, zusammen mit Rob Ellis, dem einstigen Schlagzeuger und Produzenten der jungen PJ Harvey. Und der Vergleich ist auch musikalisch nicht ganz verkehrt: Etwas von deren Sperrigkeit klingt gleich in den ersten Takten nach, wenn Torres ihre Platte mit der abgewürgten Bassgitarre von «Strange Hellos» eröffnet.

Direkt ins Rückenmark

Aber was bei der grossen Harvey brüchig, kaputt und räudig war, ist bei Torres auch in den lärmigen Momenten getragen von einer versehrten Schönheit. Frei nach der alten Redensart: Du kannst das Mädchen aus dem Kirchenchor herausholen, aber den Kirchenchor kriegst du nicht mehr aus dem Mädchen heraus.

Oder eben doch? Dass Torres auch ganz furios bellen kann, hört man spätestens im zweiten Refrain von «Strange Hellos», wo das einstige Baptistenmädchen wütet wie ein Dämon. Überhaupt, diese Stimme: ein dunkles, erhabenes Instrument, das direkt ins Rückenmark geht. So pflügt sich Torres durch elektronische Störgeräusche und die verwehten Gitarren, die Adrian Utley von Portishead in den Raum schichtet. Und in «New Skin» bringt sie es fertig, im gleichen Atemzug forsch und abgekämpft zu klingen. «If you’ve never known the darkness / Then you’re the one who fears the most», heisst es hier. Wer die Finsternis nicht kennt, fürchtet sich am meisten. So ist das in heilen Welten, das wird in einer gottesfürchtigen Gemeinde in den Südstaaten nicht viel anders sein als hier in der Schweiz.

Konzerte von Torres in: Zürich, Rote Fabrik, Samstag, 12. September 2015; St. Gallen, Palace, Sonntag, 13. September 2015.

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