Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

Köstliches Nordlicht

Karin Hoffsten über einen speziell gastlichen Ort.

Menschen essen gerne gut. «Gut essen» heisst aber für die meisten auch «nicht alleine» essen. So besinge ich heute einen Ort, an dem sich all jene treffen können, denen Geselligkeit nicht immer leichtfällt: den Treffpunkt Nordliecht.

Seit zwanzig Jahren sind Menschen mit psychischer Beeinträchtigung an der Nordstrasse 198 in Zürich willkommen, wo sie sein können, wie sie sind, und tun, wonach ihnen ist, wozu auch – gegen einen kleinen Unkostenbeitrag – die Teilnahme an selbst zubereiteten Mahlzeiten gehört.

Zum runden Geburtstag hat sich das Nordliecht ein Geschenk gemacht: Ein wunderschöner Kalender mit Fotos, die den Speichelfluss anregen, vereint zwölf «Menüklassiker aus der Nordliecht-Küche». Ob orientalische Linsensuppe, Spinatroulade, Fischfilets an Zitronenrahmsauce oder Capuns für «faule KöchInnen» – sämtliche Rezepte lösen denselben Reflex aus: reinhauen – aber subito! Und weil zu Hause nicht immer gleich zwanzig Leute um den Tisch sitzen, sind alle Mengen und Masse für vier, zehn oder 24 Personen angegeben.

Die meisten BesucherInnen beziehen eine IV-Rente, und ihr Alltag verläuft oft nach dem deprimierenden Motto «Wenn Musse zum Muss wird». Drum geht das Angebot weit übers Essen hinaus und umfasst, was unser aller Leben so ausmacht: «Neue Kontakte knüpfen, Kaffee trinken, fürs Kino abmachen, lesen, Gedanken nachhängen, sich in Gesellschaft entspannen, in der Küche mithelfen, an Kulturexkursionen teilnehmen», alles freiwillig und unter Beachtung weniger Hausregeln. Im Büro kann auch mal ein Brief geschrieben, im Internet eine Wohnung oder eine Stelle gesucht werden.

Weil ich gehört hatte, dass im Nordliecht bei Tisch oft interessant und lebendig debattiert wird, liess ich mich gern zum Essen einladen. Noch war eisiger Winter, und es gab Raclettekartoffeln mit Birnen – köstlich und ebenfalls im Kalender zu finden! Doch um mich herum: tiefes Schweigen, nur ab und an unterbrochen von einem höflichen «Darf ich mal …» oder «Kann ich bitte …».

Ich war verwirrt. «Kommst du öfter?» schien mir hier zur Gesprächseröffnung unpassend, und mehr fiel mir nicht ein. Nach dem Essen hörte ich, dass jemand über mich gesagt hatte: «Sie kommt von der WOZ und schreibt dann über uns.» Da hätte ich auch geschwiegen.

Das Nordliecht ist ein Verein, zur knappen Hälfte wird der Treffpunkt vom Bundesamt für Sozialversicherungen finanziert, den grösseren Teil machen Mitgliederbeiträge und Spenden aus und – aktuell – der Verkauf des Kalenders. Das Nordliecht braucht dringend eine neue Küche. Wenn Sie Appetit auf die Menüklassiker bekommen haben, bauen Sie daran mit!

Den Kalender und weitere Informationen bekommen sie unter www.nordliecht.ch.

Karin Hoffsten lebt in Zürich, arbeitet für die WOZ und macht regelmässig Theater.

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