Nr. 22/2012 vom 31.05.2012

Wenn die Fans übernehmen

Pedro Lenz über die wundersame Auferstehung eines ruinierten Klubs.

Donatas Petrosius ist in Litauen ein bekannter Dichter. Ausserdem arbeitet er für den Schriftstellerverband. Bis vor wenigen Monaten war er auch noch Sportjournalist und viel beachteter Fussballblogger.

Leider habe sich irgendwann nicht mehr alles unter einen Hut bringen lassen, erklärt mir Donatas am Rand des internationalen Poesiefestivals Poezijos pavasaris in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Deshalb sei er jetzt vor allem wieder als Dichter tätig. Darüber, dass man mit ihm trotzdem noch abendfüllend über Fussball reden kann, lässt der Dichter keinen Zweifel aufkommen. Er trägt fast immer grüne T-Shirts mit der Aufschrift «Zalgiris». Seine T-Shirts variieren im Farbton und in der Grösse der aufgedruckten Schrift. Aber jedes von ihnen ist ein unmissverständliches Bekenntnis zu dem Klub, an den Donatas sein grosses Herz verloren hat.

Zalgiris Vilnius war in den 1990er Jahren dreimal litauischer Fussballmeister. Nach einer längeren Durststrecke wurde der Verein im neuen Jahrtausend von einem russischen Oligarchen übernommen, der den Fans das Paradies versprach, wie Donatas erzählt. Er wolle Zalgiris auf die Höhe der europäischen Spitzenklubs bringen, habe der Geldgeber verlauten lassen. Stattdessen habe der vermeintliche Wundermann den Klub in kürzester Zeit wirtschaftlich ruiniert und bei seinem Abgang ein kaum vorstellbares Chaos hinterlassen. Zalgiris Vilnius wurde in die zweitoberste Liga zwangsrelegiert, und die Profispieler verliessen das sinkende Schiff.

Doch anders als etwa bei Xamax in der Schweiz, wo der Verein ebenfalls von einem vermeintlichen Grossinvestor in den Abgrund gestossen wurde, gab es in Vilnius eine wundersame Rettung. Mit glänzenden Augen berichtet der Dichter Donatas Petrosius, wie sie, die Zalgiris-Fans, im Jahr 2008 Himmel und Erde in Bewegung gesetzt hätten, um ihrem bankrotten Lieblingsklub neues Leben einzuhauchen. Donatas erzählt von Demos vor dem Verbandssitz, von Sammelaktionen auf der Strasse, von Geldspenden von Leuten, die selbst kaum genug zum Leben hätten, von Basarverkäufen in der Innenstadt zugunsten des Vereins und von Benefizlesungen für den Fussball.

Nachdem es tatsächlich gelungen war, ein minimales Budget auf die Beine zu stellen, stand Zalgiris Vilnius noch vor dem Problem, dass es kein Profikader mehr gab. Alle Spieler waren längst weg. Also erklärten sich einige ehemalige Cracks, die zum Teil schon ein Jahr zuvor zurückgetreten waren, bereit, unentgeltlich wieder die Stiefel zu schnüren. Die verbleibenden Lücken im Kader wurden mit Junioren aufgefüllt. «Wir hatten eine Truppe mit vielen 18-Jährigen und einem Stamm von über 35-Jährigen!», schwärmt Donatas, «dazwischen gab es praktisch nichts. Die Jungen liefen wie aufgeschreckte Rehe, und die Alten standen meist am richtigen Ort.» Mit dieser speziellen Altersmischung schaffte Zalgiris den sofortigen Wiederaufstieg, und im Jahr darauf etablierte er sich ohne nennenswerte Probleme in der obersten Liga.

Wie es denn möglich gewesen sei, in einem Land, in dem Basketball traditionell der wichtigste Mannschaftssport sei, so viele Fussballfans zu mobilisieren, frage ich den fussballverrückten Dichter. «Wir waren nie besonders zahlreich», erklärt Donatas, «es ist keine Frage der Masse. Du kannst einen Fussballklub mit 3000 Angefressenen retten, wenn alle am gleichen Strick ziehen. Aber natürlich brauchte es auch Spieler, die bereit sind, für ein Spesengeld alles zu geben. Wenn heute ein Fussballer bei Zalgiris unterschreibt, muss er wissen, dass es bedeutsamer sein kann, Teil der nationalen Fussballgeschichte zu sein, als einen glänzenden Sportwagen zu fahren.» Die abgelaufene Saison beendete Zalgiris Vilnius auf dem dritten Platz. Die Liebe zum Klub wachse täglich, nicht das Vereinsbudget, nur die Liebe.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Sein Fussballerherz schlägt vor allem für Provinzklubs und Fussball in Randregionen.

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