Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Retortenklubs und Tradition

Pedro Lenz über Getränkedosenhändler im Profifussball

Von Pedro Lenz

Am vergangenen Wochenende hat sich in der alten Kulturstadt Leipzig ein fussballerisches Langzeitprojekt erfüllt. Vor ungefähr zehn Jahren beschloss der österreichische Getränkehersteller Red Bull, einen deutschen Fussballklub in die Bundesliga zu führen. Die Firma hatte in Salzburg bereits Erfahrungen im Spitzenfussball gesammelt. Aber den Verantwortlichen der Zuckerwasserbrauerei war bald klar, dass die deutsche Bundesliga ein wesentlich interessanterer Werbemarkt sein könnte als die kleine Schwester in Österreich. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten ging der Red-Bull-Konzern für die Saison 2009/10 einen Kooperationsvertrag mit dem bedeutungslosen SSV Markranstädt ein, der damals in der fünftklassigen Oberliga Nordost spielte. Weil jedoch Fussballklubs in Deutschlands Amateurligen nicht nach Firmen benannt werden dürfen, nannte Red Bull seinen neuen Verein fortan Rasenballsport Leipzig e. V. oder kurz RB Leipzig.

Der RB Leipzig verstärkte sich in den unteren deutschen Ligen Jahr für Jahr mit jungen Talenten und altgedienten Profis. Einer dieser zugekauften Routiniers war der ehemalige Schweizer Nationaltorhüter Fabio Coltorti, der 2012 von Lausanne zum damaligen Regionalligisten wechselte. Mit Coltorti zwischen den Pfosten schaffte der Leipziger Retortenklub den Aufstieg in die 3. Liga und unmittelbar darauf in die 2. Bundesliga. Jetzt konnte der bald 36-jährige Coltorti noch den Aufstieg ins Oberhaus feiern. Nur wenige Jahre nach seinem Start im Regionalfussball ist also der RB Leipzig bereits dort, wo das grosse Geld verteilt wird. Nach den Sommerferien werden die Fussballfans der wichtigsten Stadt im Freistaat Sachsen erstmals in den Genuss von Spielen gegen Bayern, Dortmund oder Schalke kommen.

Puristisch veranlagte Fans sehen in diesem Erfolg des Konzernklubs allerdings einen Verrat am Fussball. Schon als die Fussballer der bis dahin vollkommen unbekannten Turn- und Sportgemeinschaft Hoffenheim vor einigen Jahren mithilfe eines schwerreichen Mäzens den Aufstieg von ganz unten in die 1. Bundesliga schafften, gab es Fanproteste in ganz Deutschland.

Wie überall in Europa können auch die meisten deutschen Fussballklubs auf eine über hundertjährige Vereinsgeschichte zurückblicken. Die Fans der traditionsreichen Vereine sehen sich als Hüter dieser Geschichte und mögen es nicht, dass dahergelaufene Milliardäre Retortenklubs aus dem Boden stampfen. Dass auch die sogenannten Traditionsklubs oftmals auf tüchtige Finanzspritzen aus der globalisierten Wirtschaft angewiesen sind, wird dabei gerne übersehen. Die meisten Fussballfans haben einen grossen Hang zur Nostalgie. Das liegt in der Natur der Sache, denn das Schönste am Fussball ist der verklärte Blick in die Vergangenheit.

Es wäre freilich heuchlerisch, wollten wir vor lauter Geschichtsbewusstsein einem Konzernklub wie dem RB Leipzig die Berechtigung absprechen, an der Spitze mitzuspielen. Zum einen können die Leipziger Fans nichts dafür, dass ihr Lieblingsverein keine lange Tradition hat. Zum andern müssen alle, die sich regelmässig Profifussball zu Gemüte führen, mit einer grossen Anzahl von Ungereimtheiten leben. Selbst der allseits gerühmte Underdog Leicester City, der soeben in England völlig überraschend die Meisterschaft gewonnen hat, hängt am Tropf eines schwerreichen Klubbesitzers. Und selbst der älteste Fussballklub des europäischen Festlands, der 1879 gegründete FC St. Gallen, gleicht mit seiner scharf bewachten AFG-Arena mehr einem Konzern als einem Sportverein im traditionellen Sinn.

Wer es also tatsächlich nicht erträgt, dass beispielsweise ein milliardenschwerer Getränkedosenhändler einen Fussballklub formt, soll dem Profifussball lieber ganz fernbleiben. Es gibt in fast jeder Ortschaft noch Jugend- und Amateurfussball zu sehen.

Pedro Lenz (51) ist Schriftsteller und lebt in Olten.

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