Nr. 22/2012 vom 31.05.2012

Ein zerrissenes Land vor dem Anpfiff

Die wechselvolle Geschichte, die die Ukraine und ihre über 45 Millionen EinwohnerInnen vor der Staatswerdung durchlebt haben, ist hierzulande von negativen Stereotypen geprägt. Im Zuge der Fussball-EM hätte sich das schlechte Image nun verbessern sollen.

Von Thomas Bürgisser

Kiew, Unabhängigkeitsplatz: Das geschäftige Zentrum der ukrainischen Hauptstadt lässt nicht ahnen, dass weite Teile der Bevölkerung am Rand des Existenzminimums leben. Foto: Fabian Stamm

«Gemeinsam Geschichte schreiben» lautet der Slogan der Fussball-Europameisterschaft (EM), die ab dem 8. Juni in Polen und der Ukraine ausgetragen wird. Doch welche eigene Geschichte bringen die Gastgeberländer in das Turnier ein? Während Polen über Jahrhunderte hinweg Bestandteil der europäischen Staatengemeinschaft war, ist die Ukraine erst 1991 aus der Konkursmasse der Sowjetunion als unabhängige Nation hervorgegangen.

Etymologisch bedeutet Ukraine «Am Rand» oder «Grenzland». Zwar hatten die Fürstentümer der sogenannten «Kiewer Rus» im Hochmittelalter eine kulturelle und politische Blütezeit erlebt. Nach der Zerschlagung dieses ersten russischen Reichs durch Nomadenvölker aus Zentralasien im 13. Jahrhundert geriet die Region jedoch in den Schatten des aufstrebenden Moskauer Grossfürstentums und späteren Zarenreichs auf der einen, des Königreichs Polen-Litauen, danach des Habsburgerreichs auf der anderen Seite. Für die Grossmächte im Osten und im Westen war die Ukraine selten mehr als ein Grenzgebiet, was Migrationsbewegungen in den Raum begünstigte – etwa die Ansiedlung der freien Kriegergemeinschaften der KosakInnen in den südlichen Steppen.

Die Ukraine war deshalb immer schon von vielen Völkern bewohnt. Zwar wurden in den Kriegen des 20. Jahrhunderts Hunderttausende Juden, Polinnen und Deutsche ermordet oder vertrieben, doch leben heute in der Ukraine immer noch zahlreiche Nationalitäten nebeneinander. Bei der Volkszählung von 2001 waren 78 Prozent der Gesamtbevölkerung ethnische UkrainerInnen. Sie wohnen mehrheitlich im Westen des Landes. Rund 17 Prozent der Menschen, vor allem im Osten, definieren sich als RussInnen und besitzen oft zusätzlich die russische Staatsbürgerschaft. Daneben existieren kleinere Minderheiten wie die TatarInnen, die auf der – ebenfalls stark russisch geprägten – Schwarzmeerhalbinsel Krim leben.

Die jahrhundertelange russische Dominanz über die Ukraine hält bis heute an. Da die ukrainische und die russische Kultur viele Gemeinsamkeiten aufweisen und auch die ukrainische Sprache dem Russischen nahe verwandt ist, gibt es russische ChauvinistInnen, die die Existenz einer ukrainischen Nation negieren. Dagegen plädieren ukrainisch-nationalistische PolitikerInnen seit der Unabhängigkeit 1991 dafür, sich vom «Grossen Bruder» abzugrenzen und die ukrainische Identität und Sprache zu stärken. Dahingehende staatliche Massnahmen in Verwaltung, Bildung, Medien und Kultur stossen wiederum die starke russische Minderheit vor den Kopf.

Sport zur Imagepflege

Das wenige, das man in Westeuropa gemeinhin über die Ukraine weiss, ist oft von den gängigen negativen Stereotypen über «den Osten» geprägt. Nächste Woche sollte sich das ändern. Das Land will sich an der Fussball-Europameisterschaft – die seit dem Ende des Kalten Kriegs erstmals in Osteuropa ausgetragen wird – von ihrer Schokoladenseite präsentieren. Die von der EM hervorgerufene Euphorie soll die Wahrnehmung verändern sowie Investorinnen und Touristen anlocken. In einem Fernsehinterview gab sich kürzlich Präsident Wiktor Janukowitsch angesichts der realisierten Infrastrukturprojekte wie etwa Sportstadien, Flughäfen, Hotels und Strassen überzeugt, «dass das Ansehen unseres Staats in der Welt und das Vertrauen in ihn bedeutsam zunehmen werden». Die Ausrichtung von Sportereignissen zur Imagepflege kann auf eine lange, erfolgreiche Tradition zurückblicken.

Im Fall der Ukraine scheint der Schuss jedoch nach hinten losgegangen zu sein. So haben verschiedene europäische PolitikerInnen aus Protest gegen die Verurteilung der Oppositionsführerin und Oligarchin Julia Timoschenko wegen Amtsmissbrauch einen Boykott angedroht. Im Kielwasser der Kritik an den Prozess- und Haftbedingungen gegen Timoschenko und am autoritären Kurs Janukowitschs geraten zudem vermehrt Berichte über Misswirtschaft, Korruption, Kriminalität, Prostitution und Menschenhandel in den Fokus – gerade auch im Zusammenhang mit der EM.

Dabei hatte alles so gut begonnen. Als die EM-Bewerbung Polens und der Ukraine 2007 den Zuschlag erhielt, war die Erinnerung an die Orange Revolution vom Herbst 2004 noch stark präsent. Zehntausende BürgerInnen hatten damals gegen die Wahlfälschungen protestiert, mittels derer sich Regierungschef Wiktor Janukowitsch den Einzug ins Präsidentenamt hatte erschwindeln wollen. Das für viele überraschende Sichtbarwerden einer ukrainischen Zivilgesellschaft, die viel Courage und Durchhaltevermögen bewies, rief weltweit Bewunderung und Respekt hervor. Der politische Wandel, so hoffte man im Westen, sollte zu Reformen, einer Demokratisierung des Landes und seiner Öffnung Richtung EU führen. Der Rivale des als prorussisch geltenden Janukowitsch, der EU-orientierte Wiktor Juschtschenko, der nach den Protesten in einer Wahlwiederholung zum Präsidenten gewählt wurde und das Amt 2005 antrat, erschien vielen als Hoffnungsträger.

Diesbezüglich brachten die letzten Jahre nur Enttäuschungen. Die Ikonen der Orangen Revolution – Juschtschenko und Timoschenko – zerstritten sich bald heillos, Janukowitsch wurde 2006 Regierungschef und amtet seit 2010 nun doch noch als gewählter Staatspräsident. Während die grosse Politik in Korruption und Autoritarismus erstarrt ist, geben allein Keimzellen einer Oppositionsbewegung von unten Hoffnung auf eine Wende (vgl. «Blanke Brüste und Wählerkomitees» im Anschluss an diesen Text).

Blockiert wird die Entwicklung in der Ukraine durch die grosse Zerrissenheit des Landes in Ost und West, wie sie sich 2004 in der regional stark divergierenden Unterstützung für die Präsidentschaftskandidaten Janukowitsch und Juschtschenko gezeigt hatte. Die gegensätzlichen Herrschaftseinflüsse haben das Gebiet der heutigen Ukraine im Lauf der Jahrhunderte konfessionell und kulturell, aber auch politisch, wirtschaftlich und in Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung sehr unterschiedlich geprägt. Dies zeigt sich exemplarisch an der Geschichte zweier der vier in der Ukraine liegenden EM-Austragungsorte.

Lwiw versus Donezk

Die im westukrainischen Galizien gelegene alte polnische Stadt Lwiw etwa änderte zu Beginn des 20. Jahrhunderts während nur einer Generation sechsmal die Staatszugehörigkeit. Bis 1918 gehörte sie unter dem Namen Lemberg zum Kaiserreich Österreich-Ungarn. Nach dem Intermezzo als Hauptstadt einer kurzlebigen westukrainischen Republik fiel Lwiw an Polen. PolInnen stellten damals die Mehrheit der Stadtbevölkerung, die sehr heterogen zusammengesetzt war, zu einem Drittel aus JüdInnen bestand und auch Ukrainerinnen, Deutsche und Armenier umfasste.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs marschierte die Rote Armee in Lwiw ein, und die Stadt wurde Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik. 1941 wurde die Stadt dann von Nazideutschland besetzt, drei Jahre später geriet sie wieder unter die Gewalt der Sowjets, obschon ukrainische NationalistInnen aus den Karpatenwäldern hinaus noch bis in die fünfziger Jahre bewaffneten Widerstand leisteten. Von ihrem Charakter her ist Lwiw eine mitteleuropäische Stadt inmitten der weiten Weizenfelder, denen das Land seinen Ruf als Kornkammer Europas verdankt. Die Landwirtschaft prägt noch heute den Alltag, das Durchschnittseinkommen ist eher tief. Lwiw ist das kulturelle Zentrum der Westukraine mit einem ausgeprägten nationalen Bewusstsein und einer starken Orientierung nach Europa.

Ganz anders wirkt die erst Ende des 19. Jahrhunderts von einem walisischen Unternehmer gegründete ostukrainische Industriestadt Donezk, ein weiterer Austragungsort der Spiele. Die Bergbausiedlung wurde in den dreissiger Jahren unter Stalin zu einem Zentrum der sowjetischen Schwerindustrie ausgebaut. Nach seiner fast vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde Donezk als grosszügig mit Parkanlagen versehene sowjetische Retortenstadt wiederaufgebaut. RussInnen machen in Donezk rund 48 Prozent der Stadtbevölkerung aus, UkrainerInnen etwa 47 Prozent. Der kulturelle Fokus liegt eindeutig auf Russland.

Jährlich werden in den Kohleminen von Donezk heute noch Millionen Tonnen des «schwarzen Golds» abgebaut. Riesige Metallurgiewerke produzieren grosse Mengen an Stahl. Die Namen der lokalen Fussballvereine – «Schachtjor» (Grubenarbeiter) und «Metallurg» – unterstreichen die Bedeutung dieser exportorientierten Industrien. Die Arbeit in den Zechen und an den Öfen ist hart, wird aber für ukrainische Verhältnisse anständig entlöhnt.

Sozialer Graben

Die unterschiedlichen Identitäten und anders gearteten wirtschaftlichen und politischen Interessen im östlichen und westlichen Landesteil sind jedoch nur ein Teil der Malaise. Tiefer noch als der geografisch-kulturelle erscheint der soziale Graben im Land. Bereits vom Kollaps des Staatssozialismus betroffen, vom wirtschaftlichen Raubbau der «wilden Privatisierung» geschwächt und von der vom Internationalen Währungsfonds verordneten «Schocktherapie» in den neunziger Jahren gebeutelt, wurde die Ukraine von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 besonders hart getroffen.

Weite Teile der Bevölkerung – im Osten wie im Westen – leben heute am Rand des Existenzminimums. Die Eliten in Politik und Wirtschaft dagegen bestehen aus Emporkömmlingen, die während des Übergangs vom Sozialismus zum Kapitalismus durch oft kriminelle Machenschaften in ihre Machtpositionen gerieten. Viele von ihnen betrachten den Staat als Selbstbedienungsladen und möchten ihre Privilegien um jeden Preis erhalten. Dieses übergeordnete Interesse eint die gesamte politische Klasse. Solange also die alten Köpfe in der Regierung wie auch in der Opposition an den Schalthebeln bleiben, wird sich wenig bewegen im Land. Es bleibt zu hoffen, dass die Euphorie durch die EM anhält und die UkrainerInnen doch noch eine gemeinsame Geschichte schreiben: Im Herbst finden die nächsten Parlamentswahlen statt.

Politische Initiativen von unten

Blanke Brüste und Wählerkomitees

Bereits zweimal – in Kiew und Dnipropetrowsk – sorgten die feministischen Aktivistinnen der Agitpropgruppe Femen im Mai mit «Topless-Attacken» auf die EM für Furore. Die «Waffen» der jungen Ukrainerinnen sind ihre blanken Brüste, mit denen sie seit 2008 auch international medienwirksam für soziale und politische Anliegen demonstrieren. Durch die EM erhielten der von der Mafia kontrollierte Frauenhandel und die Sexindustrie im Land weiteren Aufschwung, kritisieren die Femen mit ihren aktuellen Aktionen. Die Gruppe ist aber nur ein Beispiel dafür, wie viele BürgerInnen durch die Protestbewegung von 2004 nachhaltig politisiert worden sind.

Schon lange etabliert sind etwa das «Wählerkomitee der Ukraine» oder die Initiative Opora (Unterstützung), die beide die Rechtmässigkeit von Wahlen überwachen. Erst vor einigen Monaten konstituiert hat sich die nichtstaatliche Organisation Tschesno (Ehrlich), die im Hinblick auf die Parlamentswahlen vom Herbst ein umfassendes Monitoringsystem erstellt, in dem politisch relevante Daten über alle Kandidierenden erfasst werden. Und Anfang 2012 wurde die Basisbewegung SAM (Selbstregulierendes Alternatives Netzwerk) gegründet, ein Potpourri von AktivistInnen aus unterschiedlichen sozialpolitischen Tätigkeitsfeldern mit breit gestreuten Anliegen.

Offen bleibt jedoch, ob diese Initiativen langfristig genug Breitenwirkung entfalten, um der noch immer weitverbreiteten Politikverdrossenheit der Bevölkerung entgegenwirken zu können.

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