Nr. 23/2012 vom 07.06.2012

«Flattere» schaden nichts

Etrit Hasler über Bundesräte und österreichische Fussballer.

Es ist ja schon schwer zu glauben, worüber man sich in diesen Tagen wieder einmal aufregen kann. Nicht, dass es nicht genügend Gründe geben würde, sich irgendwie aufzuregen: Der Euro geht den Bach runter. Das Bankgeheimnis wird aufgehoben. Natalie Rickli macht den Schweizer Tourismus kaputt. In Syrien werden Oppositionelle massakriert. Oh, Entschuldigung – wir reden ja nur von Dingen, über die man sich bei uns aufregen kann.

Zum Beispiel über diesen Aleksandar Dragovic. Diesen Ösi-Rüpel. Diesen «Flattern»-Fussballer. Diesen respektlosen Basel-Rowdy. Haut der doch nach dem gewonnenen Cupfinal einfach unseren Ueli Maurer. Von hinten. Auf den Kopf. Unseren höchstpersönlichen Ueli Maurer. Immerhin der beste Verteidigungsminister der Welt! Also so ein Flegel. Nun, ich gebe ja zu: Die Nummer war schon etwas peinlich. Nicht die Tat an sich – es war die Tat eines kleinen Jungen, der jemanden foppte, der offensichtlich nicht dazugehört. Und es, wenn wir das objektiv betrachten, auch nicht verdient hat, sich zusammen mit Beni Huggel, Xherdan Shaqiri, Xhaka Granit und Yann Sommer feiern zu lassen. Peinlich war doch eigentlich nur die halbpatzige Entschuldigung, die der nicht mehr ganz nüchterne Dragovic dann hinterher lieferte: «Ich kann mich nur bei ihm entschuldigen – auch wenn es sehr, sehr schwerfällt.»

Denn Gründe, Ueli Maurer auf den Kopf zu hauen, gibt es zur Genüge. Zum Beispiel, dass er es schlimm findet, wenn Frauen arbeiten, statt sich um Heim, Herd und Kinderschar zu kümmern. Dass er es mit seiner grundfundamentalen protestantischen Haltung geschafft hat, gleichzeitig im Patronatskomitee einer erzkatholischen, der Opus Dei nahe stehenden Stiftung mitzumachen (eine üble Schlaumeierei: Der Kulturkampf basiert ja genau darauf, dass eine der beiden Seiten in die Hölle kommt, bei beiden mitmischen gibts da nicht!). Dass er anlässlich der Waffeninitiative tatsächlich behaupten konnte, Armeewaffen stellten keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit dar, nur um uns wenige Monate später mit der Nachricht zu überraschen, dass sein Departement 27 000 Armeewaffen verloren habe – wahrlich «die beste Armee der Welt». Und wenn man den erziehungspolitischen Vorgaben der SVP glaubt, hat so eine kleine «Flattere» auch noch niemandem geschadet, oder? Wie sagt man doch so schön: «Kleine Schläge auf den Hinterkopf erhöhen die Denkfähigkeit.» Wenn das einer nötig hätte, dann doch wohl «Ueli der Knecht».

Ich darf so was ja sagen. Kulturschaffende sind ja immer die Hofnarren. Hätte Viktor Giacobbo Maurer eine Watsche verpasst (was er natürlich nie tun würde), wir alle hätten gelacht.

Aber Fussballer dürfen das nicht. Zum absurden Katalog an Dingen, die wir von SportlerInnen im Rahmen ihrer «Vorbildfunktion» erwarten, gehört es auch, dass sie sich nicht in die Politik einmischen. Und das in einem Land, das nicht müde wird, von sich selbst zu behaupten, dass alles politisch sei und Politik Sache des Volkes bleiben müsse.

Ganz im Ernst: Stellen sie sich vor, Aleksandar Dragovic hätte am Tag nach der Pokalübergabe den Medien mitgeteilt, seine Tat sei in vollster Überzeugung geschehen und im Bewusstsein, dass Respektlosigkeit noch das Beste sei, was ein Mann verdient hat, der seine politische Karriere auf der Ausgrenzung und der Hetze gegen die anderen, der Diskriminierung der Frauen, AusländerInnen, Andersgläubigen und sexuell anders Veranlagten sowie der Verherrlichung des Kriegs bei gleichzeitiger himmelschreiender Inkompetenz aufgebaut hätte – stellen sie sich vor, Dragovic hätte das gesagt und dann vielleicht gleich noch ein Zitat von Mahatma Gandhi angehängt: «Bei dem Gewalttätigen besteht immer noch Hoffnung, dass er eines Tages zur Gewaltlosigkeit findet, beim Feigling nicht.» Ich glaube nicht, dass wir gewusst hätten, wie wir damit umgehen.

Etrit Hasler möchte sich in aller Form 
bei Ueli Maurer dafür entschuldigen, dass Aleksandar Dragovic nicht wusste, dass 
es gute Gründe gäbe, Maurer auf den Kopf 
zu hauen – Hasler ist sich der Rolle der Medien in diesem Aufklärungsprozess bewusst und bereit, diese ehrenhafte Aufgabe anzunehmen.

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