Nr. 23/2012 vom 07.06.2012

Theodor Fontanes «Effi Briest»

Theodor Fontanes
«Effi Briest»

Warum nur hat Baron von Innstetten den armen Crampas totgeschossen, wo doch die heimliche Liebschaft in den Dünen schon viele Jahre zurücklag, als die verräterischen Briefe zum Vorschein kamen? Im Deutschunterricht waren wir Mädchen uns einig: Effis Ehemann ist ein liebloser Karrierist! Ein Mörder nicht aus Leidenschaft (das hätten wir gelten lassen), sondern aus konservativer Prinzipientreue. Pfui! Einstimmig ergriffen wir Partei für Effi und Crampas, für Leidenschaft und Liebe und Heinrich Heine on the beach und verachteten den altmodischen Innstetten mit seinem Standesdünkel.

Als der Roman «Effi Briest» 1894/95 erschien, ging es den LeserInnen offenbar genauso. Theodor Fontane war darüber erstaunt. Zwar hatte er seine Protagonistin bewusst als liebenswerte Figur gestaltet, aber auch Innstetten hielt er für ein «ganz ausgezeichnetes Menschenexemplar, dem es an dem, was man lieben muss, durchaus nicht fehlt». Liest man den Roman genau, muss man Fontane recht geben: Innstetten ist sogar die einzig sympathische Figur in dieser Geschichte. Während Effi nur Plattitüden plappert, Vater Briest sich an anzüglichen Witzen ergötzt, seine Frau vor Ehrgeiz ganz verbittert ist und Crampas nicht mehr als einen schmierigen Provinz-Don-Juan darstellt, ist Innstetten besonnen, klug und «lieb und gut». Dass er sich dem Duellzwang unterwirft, hätten die ZeitgenossInnen verstehen müssen: Obwohl der Schusswechsel zivilrechtlich verboten war, drohte den Beamten im wilhelminischen Kaiserreich der Ausschluss aus dem Dienst, wenn sie ihre Ehre nicht verteidigten.

Aber «Effi Briest» ist eben keine soziologische Analyse, die mit einer gerechten Leserin rechnet. Wie kein Zweiter hat Fontane es verstanden, grosse Literatur als leichte Unterhaltung zu gestalten und das politische Geschehen seiner Zeit in ein süffiges Ehedrama zu verpacken. So mögen sich unter dem Plauderton historische Umbrüche verbergen, so mag Innstetten der einzige moderne Mensch dieser Romangesellschaft sein: Die unwiderstehlich naive Kindfrau Effi wird mit ihrer Sehnsucht nach Romantik doch immer die Heldin bleiben, an deren Grab wir verschämt eine Träne verdrücken.

Martina Süess

Theodor Fontane: «Effi Briest». 
Reclam. 347 Seiten. Fr. 6.90.

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