Nr. 47/2013 vom 21.11.2013

Der Schriftsteller im Untergrund

Drei Jahre musste sich Jassin al-Hadsch Saleh verstecken. Erst vor den Schergen des Assad-Regimes, dann vor islamistischen Milizen. Schliesslich verliess er seine Heimat. Eine Begegnung im Exil in der Türkei.

Von Vicken Cheterian, Istanbul

Er wusste, dass es in Syrien schwerer werden würde als in Tunesien oder Ägypten, dass Baschar al-Assad länger an der Macht kleben würde als Zine al-Abidine Ben Ali oder Hosni Mubarak. «Aber ich war optimistisch», damals, im März 2011, als der Arabische Frühling nach Syrien übergriff und es in Dar’a im Süden des Landes zu ersten friedlichen Massenprotesten gegen das Regime kam. «Ich dachte, es könne vielleicht bis zum Ende des Jahres 2011 dauern.» Nun dauert der Bürgerkrieg schon zwei Jahre länger, und Jassin al-Hadsch Saleh hat als einer der letzten prominenten Assad-kritischen Intellektuellen seine Heimat verlassen, ins sichere Exil in der Türkei. Bis zuletzt hat der Schriftsteller – als Syrer und als Demokrat – den Fortgang des Kriegs aus der Innensicht für arabischsprachige Zeitungen kommentiert.

Wie konnte es so weit kommen? Saleh nennt drei Faktoren: die exzessive Gewalt des Regimes, die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft und die kopflose syrische Opposition. Assad sei schon immer überzeugt gewesen, dass dissidente Strömungen nur mit Gewalt niederzuhalten seien. «Und was durch einfache Gewalt nicht möglich war, dachte man, erfordere eben noch mehr Gewalt», sagt Saleh. «Die Regierung ist davon überzeugt, dass das kleinste Zugeständnis an die Opposition weitere Zugeständnisse und am Ende den Zusammenbruch des Regimes zur Folge haben könne.» Gegen diese Eskalation der Gewalt habe es keinerlei Druck von aussen gegeben. Im Gegenteil: Die explizite Entscheidung der USA, in Syrien nicht militärisch zu intervenieren, habe Assad freie Hand gelassen.

Dann floss nur noch Blut

Die Opposition sei dieser Gewalt ziemlich kopflos gegenübergestanden. «Es gab keine denkende strategische Kraft hinter der Revolution», stellt Saleh fest. «Schon vorher hatte das Regime der Gesellschaft die führenden Köpfe abgeschlagen.» Seit den ersten Demonstrationen in Dar’a sei nur noch Blut geflossen. Die Opposition habe sich mehr und mehr auf militärische Gegenwehr konzentriert und es versäumt, eigene zivilgesellschaftliche Strukturen aufzubauen. Westliche Regierungen hätten zwar immer die Einheit der Opposition gepredigt, dann aber nur einzelne ihnen genehme Gruppierungen unterstützt. Dies habe zu einer Aufsplitterung der Opposition geführt und letztlich die politischen FührerInnen im Exil von den Verhältnissen in Syrien abgeschnitten und ihnen die Möglichkeit genommen, den Fortgang der Kämpfe zu beeinflussen.

Die immer stärker werdenden Dschihadisten des Islamischen Staats im Irak und in Syrien (ISIS) seien von der säkularen Opposition zunächst unterschätzt worden. «Wir haben diese faschistische Gewalt nicht kommen sehen», sagt der Schriftsteller verbittert. «Diese Leute werfen dich in den Kerker, nicht etwa, weil du etwas getan hast, sondern einfach, weil du ihnen nicht passt.» Der islamistische Radikalismus sei aber nicht – wie gemeinhin behauptet – von aussen nach Syrien eingesickert. «Salafismus, das ist ländlich geprägter Islam», sagt Saleh. Die militanten Gruppen seien im Stammesmilieu entstanden, ihre grausame Gewalt sei auch «Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes, einer Rache an der Stadt».

Saleh, der säkulare Intellektuelle, fürchtet sich vor dieser Rache. Seit dem Beginn des Aufstands gegen Assad lebte er im Untergrund – zunächst in Damaskus, wo er sich vor den Häschern des Regimes verstecken musste, zuletzt in Raqqa im Norden des Landes.

Nicht einmal eine Ohrfeige

In Raqqa wurde Saleh vor 52 Jahren geboren, dort ist er aufgewachsen, bis er zum Medizinstudium nach Aleppo ging. Dort schloss er sich der kleinen Kommunistischen Partei Syriens an. Es war die Zeit der Auseinandersetzungen zwischen dem Staat und den syrischen Muslimbrüdern; das Regime beschuldigte die KommunistInnen, im Windschatten dieses Konflikts Gewalt zu säen. Ein lächerlicher Vorwurf: «Wir besassen nicht einmal ein scharfes Küchenmesser», sagt Saleh. «Es gibt niemanden, dem wir auch nur eine Ohrfeige verpasst hätten.» Trotzdem wurde er 1980 verhaftet und zwölf (!) Jahre später zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt, wegen «Opposition zu den Zielen der Revolution» und «Mitgliedschaft in einer geheimen Organisation mit dem Zweck, die Regierung zu stürzen».

Seine Zeit im Gefängnis hat Saleh zu seinem ersten autobiografischen Roman verarbeitet – mit überraschenden Erkenntnissen. «Man glaubt gemeinhin, lange Gefängnisstrafen seien sehr hart», erzählt er. Aber das stimme nur zum Teil: «Nur die ersten Jahre sind grausam, dann gewöhnt man sich daran. Und am Ende war für mich sogar die Aussicht beklemmend, bald wieder in Freiheit zu sein.» Es dauerte dann länger als gedacht. Nach fünfzehn Jahren Haft wurde er zu drei Offizieren des militärischen Geheimdiensts gebracht, die ihm vorschlugen, ihnen als Informant zu dienen. Lehne er ab, gehe er auf direktem Weg zurück ins Gefängnis. Er lehnte ab und wurde ins Tadmor-Gefängnis in der Wüste im Osten Syriens verlegt. «Syrer sagen: Wenn du von Tadmor in ein anderes Gefängnis verlegt wirst, bist du schon wieder halb in Freiheit.» Seit einem Massaker an Gefangenen 1980 ist die Haftanstalt berüchtigt für systematische Folter und andere Menschenrechtsverletzungen. «Gewalt ist dort grenzenlos und überall», sagt Saleh. Ein Jahr musste er in Tadmor verbringen. Im Alter von 35 Jahren wurde er entlassen – als er 1980 verhaftet worden war, war er 19 gewesen. Er schloss sein Medizinstudium ab, arbeitete aber nie als Arzt, sondern verlegte sich aufs Schreiben.

Zwei Wochen nach den ersten Protesten in Dar’a ging Saleh in den Untergrund. «Ich wurde damals nicht per Haftbefehl gesucht», erzählt er, «aber ich hatte einem arabischen Fernsehsender ein Interview gegeben, und danach fühlte ich mich ständig verfolgt. Nicht einmal in meiner Wohnung war ich mehr ich selbst.» Er zog um in die Wohnung eines Freundes, der nie ins Blickfeld der mannigfachen Geheimdienste geraten war. Er gab ausländischen Sendern keine Interviews mehr, liess sein Mobiltelefon ausgeschaltet. «Aber ich wollte in Syrien bleiben und weiterhin schreiben.»

Zwei Jahre hielt er durch in Damaskus, «dann fühlte ich mich wie erstickt. Ich war eingeschlossen, festgenagelt, konnte mich kaum mehr mit anderen treffen und austauschen. Es ergab keinen Sinn mehr, in Damaskus zu bleiben.» Zehn Kilo hat er während der bewegungslosen Zeit in diesem Appartement zugenommen. Er schlich sich aus dem Zentrum von Damaskus hinaus nach Ghuta, einer Vorstadt im Osten, die von den RebellInnen kontrolliert wird. Dort kam er in einem zivilen Zentrum der Opposition unter.

«Jeden Tag wurden dort die Leichen hingebracht», erzählt er, «meistens zwei oder drei, an einem Tag sogar 28 auf einmal.» Mehrmals seien auch Opfer von Giftgasangriffen eingeliefert worden, mit Schaum vor dem Mund. «Wir haben sie gewaschen, haben versucht, das Gift aus ihren Haaren und ihren Kleidern zu entfernen», mehr habe man nicht tun können. Nie gab es genügend zu essen. Die zehn Kilo, die Saleh in den zwei einsamen Jahren in Damaskus zugelegt hatte, waren nach wenigen Monaten wieder weg.

Ghuta lag ständig unter Beschuss, war von Regierungstruppen eingekesselt. Als Saleh erfuhr, dass seine Heimatstadt Raqqa von RebellInnen befreit worden war, wollte er hin. Kein leichtes Unterfangen: Drei Konvois, die versucht hatten, aus der belagerten Stadt zu entkommen, waren in Hinterhalte geraten und aufgerieben worden. Salehs Gruppe – ein Dutzend Frauen und Männer – versuchte es zu Fuss, wanderte nachts zwanzig Kilometer durch Felder und stieg erst dann auf einen Lastwagen um, der erst nach Einbruch der Dunkelheit fuhr, ohne Licht.

Neunzehn Tage und Nächte dauerte die Reise. Als Saleh endlich ankam, stellte er fest, dass seine Heimatstadt nicht so befreit worden war, wie er es sich gewünscht hatte: In Raqqa herrschen die Islamisten des ISIS. Ihre Milizen haben Salehs Bruder Ahmed entführt, einen Arzt, der in oppositionellen Stadtteilkomitees mitgearbeitet hatte. Kurz darauf verschwand auch Firas, der zweite Bruder Salehs. Der hatte an Demonstrationen teilgenommen, mit denen gegen die willkürlichen Verhaftungen durch die ISIS protestiert worden war. Auch seinen Vater Paolo nahmen die Milizen mit.

Saleh hatte gehofft, in der Heimatstadt so etwas wie den Vorschein von Freiheit zu erleben. Stattdessen versteckte er sich wieder. Nicht lange, dann ging er ins Nachbarland ins Exil.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Der Schriftsteller im Untergrund aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr