Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

Starker Franken gegen den Werkplatz

Von Yves WegelinMail an Autor:in

Hinter jedem Experten steckt ein Ideologe, hinter beinahe jedem Ideologen ein Interessenvertreter. Das ist bei der aktuellen Debatte über den erstarkten Schweizer Franken nicht anders.

Nachdem der Franken über Monate gegenüber dem Euro an Wert gewonnen hatte, entschied die Schweizerische Nationalbank (SNB) am 6. September 2011, den Wechselkurs zu fixieren. Seither kostet ein Euro rund 1.20 Franken. Zwar schwemmt die sich täglich verschärfende Eurokrise immer mehr Geld ins Land, was dem Franken Auftrieb verleiht. Doch die SNB verteidigt die Untergrenze, indem sie Franken auf den Markt wirft und dafür Euro kauft.

Vor dem Eingriff der SNB war in der Schweiz ein breiter Konsens über die Notwendigkeit der Massnahme entstanden. Ein zu starker Franken, so die Einsicht, schadet dem Werkplatz Schweiz: Verteuert sich der Franken, sinkt nicht nur die ausländische Nachfrage nach Schweizer Produkten, auch der Tourismus leidet. Nun haben die Gegner der SNB-Politik zur Gegenkampagne ausgeholt: Finanzprofessor Martin Janssen fordert eine «Exit-Strategie»: Sonst drohe der SNB auf den aufgekauften Euro ein Verlust. Stellt sich die Frage: Wenn von einem schwachen Franken der hiesige Werkplatz profitiert, wer würde bei einer Erstarkung der Währung profitieren? – Der Bankenplatz Schweiz. Denn steigt der Franken, fliesst zusätzliches Geld ins Land, das die hiesigen Finanzinstitute gewinnbringend anlegen können. Ein Gewinn ergibt sich schon nur durch die Aufwertung des Frankens.

Fazit: Die Schweiz steckt in einem klassischen Konflikt zwischen Werkplatz und Bankenplatz.

Kein Wunder war Ex-UBS-Chef Oswald Grübel der Erste, der jüngst die Entkoppelung des Frankens vom Euro forderte. Sekundiert wurde er von SVP-Nationalrat Christoph Blocher, dem jeder Eingriff in den freien Markt ein Gräuel ist und dessen Partei wie kaum eine andere die Interessen des Finanzplatzes Schweiz vertritt. Und Janssen? Er ist nicht nur Finanzexperte. Sondern auch SVP-Mann. Und Mitbegründer der Consulting-Firma Ecofin, die den Schweizer Finanzplatz berät.

Janssen, Blocher, Grübel: ein Experte, zwei Ideologen, drei Interessenvertreter.

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