Nr. 25/2012 vom 21.06.2012

Die Welt wird immer schwerer

Die Schuldenkrise hat viel mit der Energie- und Umweltkrise zu tun. Doch wie kommt man ohne Wachstum aus dem Schlamassel?

Von Susan Boos

Wir leben mit Strom, doch die wenigsten könnten ihn erklären. Ähnlich geht es mit dem Kapitalismus. Wir leben in ihm, doch was genau tut er mit uns und der Welt? Griechenland trifft es zurzeit heftiger als sonst ein Land in Europa. Und man schaut gebannt zu, wie es den GriechInnen am Abgrund ergeht. Die WirtschaftsjournalistInnen erteilen Ratschläge.

So hat sich die «Financial Times Deutschland» («FTD») zum Beispiel am vergangen Freitag erlaubt, «trotz arger Bedenken» eine Wahlempfehlung für die Nea Dimokratia abzugeben. Für gewöhnlich mache dies die «FTD» nur vor Wahlen in den deutschen Bundestag oder ins Europaparlament, schreibt die Chefredaktion, in diesem Fall habe man aber eine Ausnahme gemacht: «Nicht weil wir anmassend sein wollten. Sondern weil diese Wahl für die Zukunft von Griechen, aber auch von Deutschen und allen anderen Europäern von so grosser Bedeutung ist. Ihr Ausgang kann den ganzen Kontinent in eine existenzielle Krise stürzen und unseren über Jahrzehnte aufgebauten sozialen und materiellen Wohlstand zerstören.» Entsprechend erleichtert klang denn auch am Sonntagabend der «FTD»-Kommentar: «Die Eurozone kann aufatmen: Die konservative Nea Dimokratia geht als stärkste Kraft aus den griechischen Parlamentswahlen hervor.»

Kann die Eurozone wirklich aufatmen? Stimmt die Grunderzählung überhaupt, die seit Monaten in den Medien verkündet wird? Oder macht sich da nicht eine ganze Gilde in blanker Verzweiflung etwas vor, um die aufkommende Panik klein zu halten? Die Grunderzählung lautet: «Die Griechen haben einen ineffizienten Staat, die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt, die Griechen müssen darum sparen, das wird wehtun, aber nachher wird alles wieder gut.»

Die Nea Dimokratia hat zwar den ineffizienten Staat zu verantworten, sie hat auch die Schulden verursacht, und trotzdem glaubt die «Financial Times Deutschland» und mit ihr viele MainstreamökonomInnen, dieselbe Partei könne den Schlamassel wieder aufräumen. Vielleicht fürchten sie aber auch mehr die Linken, als dass sie an die Konservativen glauben.

Allerdings könnte es längerfristig das Glück der Linken sein, dass sie nicht gewonnen haben und nicht verantwortlich sind für das, was Griechenland noch bevorsteht. Schon fehlen den Spitälern Medikamente und Verbandsmaterial, weil sie nicht zahlen können und die ausländischen Pharmafirmen sie nicht mehr beliefern. Jederzeit könnte der Strom ausgehen, weil die griechischen Energieunternehmen nicht mehr in der Lage sind, die Rechnungen für das importierte Gas und Öl zu begleichen. Das Land ist binnen weniger Monate in den Status eines Drittweltlands katapultiert worden. Mit dem Niedergang von Griechenland wird auch die europäische Idee pulverisiert. Es existiert keine innereuropäische Solidarität mehr, es heisst nur noch: Zahlt eure Schulden.

Helfen Konjunkturprogramme noch?

Die Gegenerzählung lautet: Schuld an der Misere ist Deutschland. Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugmann schimpft auf die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen ihrer «finanzpolitischen Unverantwortlichkeit», weil sie weiterhin auf Sparpakete und Strukturreformen poche. Das britische Wirtschaftsmagazin «Economist» fordert von Merkel, sie solle endlich kreditfinanzierte Konjunkturprogramme anwerfen, weil sonst die Weltwirtschaft unterzugehen drohe. Doch die Kanzlerin stellt auf stur.

Zweifellos: Sparen führt in den Abgrund – aber Nichtsparen vielleicht auch. Denn niemand kann garantieren, dass die Konjunkturprogramme längerfristig das bringen, was man sich von ihnen erhofft. Der Kapitalismus lebt vom freien Markt, vom Wettbewerb, von stetig steigender Produktivität und vom Wachstum. Ohne Wachstum geht die Wirtschaft, wie sie organisiert ist, zugrunde. Das liegt schon am Geld beziehungsweise an den Schulden und den Zinsen und Zinseszinsen. Aus den Schulden kommt man schliesslich nur raus, wenn man mehr einnimmt als ausgibt.

Sparen allein hilft allerdings nicht. Denn die Schulden der einen sind die Geldvermögen der andern. Das lässt sich zum Beispiel an den Handelsbilanzen illustrieren: Wer über längere Zeit mehr exportiert als importiert, steht gut da – respektive umgekehrt, die einen verdienen auf Kosten der andern. Nimmt man zum Beispiel die Daten des «CIA World Factbook», exportiert Deutschland pro Jahr für 150 Milliarden Dollar mehr Güter, als es importiert, bei China sind es 280 Milliarden – auf der anderen Seite stehen die USA mit einem Defizit von 600 Milliarden oder eben Griechenland mit einem Minus von 20 Milliarden. Die Ungleichgewichte schwellen von Jahr zu Jahr an. Die Staaten, die tüchtig für den Export produzieren, brauchen allerdings auch Kundschaft, die ihnen die Güter abnimmt, da ihnen sonst ebenfalls Arbeitslosigkeit droht.

Griechenland wurde in den letzten Jahren sukzessive deindustrialisiert, weil der Osten billiger produziert, als das die griechische Wirtschaft schaffte. Grossen Teilen Europas droht ein ähnliches Schicksal. Noch vor kurzem glaubte man, die ökonomische Zukunft gehöre den grünen Technologien, die auch für neue Arbeitsplätze sorgen würden. In den vergangenen Monaten hat man aber mit Schrecken zusehen müssen, wie eine europäische Solarfabrik nach der anderen bankrottging, weil China die Panels billiger herstellt. Nun fliessen die Subventionen für den ökologischen Umbau nach China ab, wo keiner fragt, unter welchen sozialen oder ökologischen Bedingungen die Sonnenkollektoren gebaut werden. Im globalisierten Kapitalismus gibt es keinen Heimatschutz. Da gibt es nur Konkurrenz, Wettbewerb und vorläufig noch billige Energie.

Geht die Lohnarbeit aus?

Schaut man sich die CO2-Statistiken an, stimmen sie überein mit den Grafiken der Handelsbilanz respektive mit den Bruttoinlandsprodukten der Länder: Die Länder mit dem grössten Konsum oder der grössten Produktion sind auch die mit dem grössten Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoss.

Es stellt sich die Frage: Was ist das, was die Welt durchleidet und sich «Finanz-» oder «Wirtschaftskrise» nennt? Geht es nur um Banken und Staatsfinanzen, die aus dem Lot sind? Lautet die Frage nicht vielmehr: Ist die Welt zu produktiv geworden? Es wird immer schneller, immer mehr produziert, um das System aufrechtzuerhalten. Der Materialverbrauch hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren weltweit vervierfacht und noch stärker zugenommen als der Energieverbrauch. Unsere Lebenswelt wird nicht nur stetig energieintensiver, sie wächst auch physisch und wird immer schwerer.

Und der Kapitalismus ist zu diesem Wachstum verdammt, weil man ohne Wachstum der Schuldenspirale nicht entkommt.

Die Finanzindustrie hat zwar mit ihren undurchschaubaren Derivaten einen Weg gefunden, um mit Geld viel Geld zu verdienen. Das Geschäft blüht seit einigen Jahren und erlaubt, die Illusion aufrechtzuerhalten, der Kapitalismus könne ressourcenunabhängig wachsen. Diese Blase ist noch nicht wirklich geplatzt, weil die vielen staatlichen Rettungsmassnahmen das Derivatgeschäft weiter befeuern. Doch sollte sie wirklich platzen, stürzt die Illusion eines unerschöpflichen, sauberen Wachstums in sich zusammen. Dann bricht das System ein und Panik aus. Die Demokratie wird ausgehebelt, und die Umverteilung verläuft rasend schnell von unten nach oben.

Gewerkschaften wie linke Parteien fürchten sich zu Recht davor und setzen ebenfalls auf Wachstum. Denn fehlendes Wachstum nennt sich Rezession und bedeutet Arbeitslosigkeit und Verarmung. Die gesteigerte Effizienz hat aber zur Folge, dass zusätzliches Wachstum zwar immens viele Güter produziert und unermesslich Ressourcen verschlingt, den Menschen aber immer weniger Lohnarbeit bleibt. Das System beginnt sich selbst zu verzehren.

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