Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Opus Dei der Stromwirtschaft

Von Susan Boos

Dem Verband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen (VSE) gehören vom winzigsten Elektrizitätswerk bis zum grossen Stromkonzern alle an. Man muss dabei sein, wie man früher zwangsläufig von Geburt an zur katholischen Kirche gehörte. Der VSE repräsentiert aber die Mächtigen – ist also mehr Opus Dei als Mutter Teresa.

Mit Studien und Prognosen versuchte er jahrzehntelang zu belegen, dass die Schweiz bald im Dunkeln sitze, wenn keine neuen AKWs gebaut würden. Im Juni hat der Verband nun eine Studie publiziert, in der sogar ihm ein Leben ohne AKWs möglich scheint – nur werde es wahnsinnig teuer und erfordere in den nächsten vierzig Jahren Investitionen in Höhe von 118 bis 180 Milliarden Franken (das Bruttoinlandsprodukt beträgt pro Jahr etwa 600 Milliarden).

Anfang der Woche hat die Internationale Energieagentur (IEA) ebenfalls einen Bericht zur Schweizer Energiepolitik publiziert. Die IEA war immer eine treue Verbündete des VSE und brav auf Atomkurs. Der Stromverband hat denn auch den Bericht gewürdigt und seinen Medienkommentar so verfasst, als ob sich die IEA kritisch zum Ausstiegsentscheid geäussert hätte. Doch weit gefehlt. Die Energieagentur nimmt den Entscheid einfach als Realität und stellt trocken fest: «Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass der Ausstiegsentscheid durch die Wahrscheinlichkeit geleitet wurde, dass neue Kernkraftwerke in einer Volksabstimmung gescheitert wären.»

Im Gegensatz zu den Wirtschaftsverbänden, die vor steigenden Stromkosten warnen, findet die IEA, die Preise in der Schweiz seien zu tief: «Mit regulierten Endpreisen, die kaum über den Produktionskosten und noch unter dem Spotmarktpreis liegen, wird der Stromverbrauch subventioniert, was zu fehlenden Anreizen für zusätzliche Kapazitätsschaffung führt.» Oft habe sich gezeigt, fügt die IEA noch an, «dass höhere Preise auch ein nützliches Instrument für die Erreichung energie- und klimapolitischer Zielsetzungen sind». Wie wahr.

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