Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

Jedes Jahr 250 neue Genossenschaften

Aus ArbeiterInnen gute KapitalistInnen machen: Dieser Verdacht wurde in Deutschland von Linken lange gegenüber Genossenschaften geäussert. Inzwischen jedoch engagieren sich wieder mehr BürgerInnen für eine solidarische Ökonomie.

Von Wolfgang Kessler

Von der Tristesse ins bunte Genossenschaftswohnen: Die Genossenschaft Fairwohnen rettet ostdeutsche Plattenbauten vor der Privatisierung.

Eigentlich hat der herrschende Kapitalismus bei den Deutschen schlechte Karten: Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2010 wünschen sich 88 Prozent der Bevölkerung eine «andere Wirtschaftsordnung». Praktische Veränderungen brauchen jedoch ihre Zeit. Traditionell diskutieren linke KapitalismuskritikerInnen lieber über Theorien, als sich auf die Praxis einzulassen. BürgerInnen, die ihre wirtschaftliche Zukunft in die eigenen Hände nehmen, haben es deshalb nicht immer leicht. Aber ihre Zahl wächst. Und nicht nur dies: Mit den Krisen der Finanzindustrie und der Atomwirtschaft wächst auch ihr Einfluss.

Der Streit zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Theorie und Praxis tobt in Deutschland seit 150 Jahren. Schon Ende des 19. Jahrhunderts formierte sich eine genossenschaftliche Bewegung mit zwei grossen Flügeln: Der bürgerliche Teil der Bewegung zielte auf unternehmerische Selbsthilfe. Aus ihm gingen schliesslich die Volks- und Raiffeisenbanken hervor.

Auf der anderen Seite feierten die Konsumvereine der Arbeiterbewegung ursprünglich grosse Erfolge: Sie kauften en gros billig ein, um den Preisvorteil an ihre Mitglieder weiterzugeben. In einigen Fällen führten die Konsumvereine auch angeschlagene Betriebe in Eigenregie weiter. Führende Mitglieder der Konsumvereine wie der Gewerkschafter Adolph von Elm sahen in ihnen aber mehr als Selbsthilfeorganisationen: «Die Unterstützung der genossenschaftlichen Eigenproduktion bedeutet den Beginn der Umbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems», sagte er 1910. Kaum hatte er dies ausgesprochen, verdächtigten ihn führende Gewerkschafter, aus ArbeiterInnen gute KapitalistInnen machen zu wollen.

Dieser Verdacht ist auch heute der wichtigste Vorbehalt vieler GewerkschafterInnen gegenüber Genossenschaften und Alternativbetrieben. Er trug dazu bei, dass die Konsumvereine nach ihrem Verbot durch die Nationalsozialisten in der Bundesrepublik keine Rolle mehr spielten. Zwar entstanden nach dem Krieg neue Formen sogenannter Gemeinwirtschaft. Mit der Anpassung der Gewerkschaften an das Wohlstandsmodell Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren verloren sie jedoch an Bedeutung. Der Versicherungskonzern Volksfürsorge und die Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat wurden zu ganz normalen Unternehmen. Die Neue Heimat war sogar so normal, dass sie infolge eines Korruptionsskandals abgewickelt werden musste.

Anpassung und Ideale

Die Gewerkschaften entwerfen längst keine alternativen Wirtschaftsmodelle mehr. Sie setzen alles daran, den Anteil der Beschäftigten am Ertrag der Wirtschaft zu vergrössern: höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, kürzere Arbeitszeiten, Ausbau des Sozialstaats. Betrachtet man die zunehmenden Verbesserungen für die Lohnabhängigen und die wachsende Ausgestaltung des Sozialstaats vor der Jahrtausendwende, so war diese Strategie lange Zeit durchaus erfolgreich.

Allerdings passten sich die Gewerkschaften – ihre Führung ebenso wie die meisten Mitglieder – dabei der Denklogik des Kapitalismus an: Mehr produzieren, mehr arbeiten, das Geld gerechter verteilen – und alles wird gut. Diese Logik haben sie so verinnerlicht, dass sie allen Versuchen, eine wirtschaftliche Gegenwelt von unten aufzubauen, kritisch gegenüberstehen. Das galt schon gegenüber der studentischen 68er-Bewegung, die mit ihrer grundsätzlichen Kritik am US-Imperialismus und am deutschen Wirtschaftssystem die Republik erschütterte. Auch wenn so manche StudentInnen eine Zeit lang in Fabriken arbeiteten, blieb der Schulterschluss zwischen ihnen und den ArbeiterInnen aus.

So hinterliessen die Gedanken der Achtundsechziger in den Gewerkschaften nur wenig Spuren, wohl aber in der beginnenden Alternativbewegung. Während die StudentInnen «den Marsch durch die Institutionen» antraten, wollten die Alternativen antikapitalistische Prinzipien in einer ökonomischen Alternativwelt umsetzen: kein Privateigentum in der Hand von wenigen, Beteiligung aller an den Gewinnen, gleiche Löhne für alle, keine Hierarchien, Aufhebung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, ja der Arbeitsteilung überhaupt – das waren die Ideale vieler selbstverwalteter Betriebe, die Mitte der siebziger Jahre entstanden. Dazu gehören die Berliner Tageszeitung «taz» ebenso wie die Schäfereigenossenschaft Finkhof, die noch heute im Allgäu mit zehn Mitgliedern sowie zahlreichen Auszubildenden eine produktive Kommune bildet. Bis zu 12 000 selbstverwaltete Betriebe zählte man in den achtziger Jahren – darunter in erster Linie Dienstleistungsbetriebe wie Buchläden, Teestuben, Kneipen, Verlage, Druckereien, Umzugskollektive oder auch Autowerkstätten.

Dennoch blieb die Gegenwelt eine Nische. Von den Gewerkschaften wurden die selbstverwalteten Betriebe als «Selbstausbeuter» und «Saboteure sozialer Normen» abgelehnt – nicht immer zu Unrecht, denn um Tarifverträge kümmerten sich die meisten Alternativbetriebe wenig. Frank Heider von der Universität Frankfurt ermittelte für die Alternativbetriebe in den achtziger Jahren einen monatlichen Durchschnittslohn von 1250 D-Mark netto, umgerechnet etwa 1000 Franken. Entsprechend unattraktiv waren sie denn auch für viele Beschäftigte, die die Sicherheit etablierter Betriebe dem «Chaos» der Alternativen vorzogen. Dennoch bewies die Alternativbewegung, dass ein Wirtschaften jenseits von Rendite, Hierarchien und Privateigentum möglich ist.

Diese Erfahrung konnte in den neunziger Jahren auch der Neoliberalismus nicht auslöschen. Er reduzierte das Wirtschaften auf eine reine Kosten-Nutzen-Rechnung im Dienste einer möglichst hohen Rendite oft anonymer KapitaleignerInnen – und entfachte einen brutalen Konkurrenzkampf. Viele Buchläden oder etwa Druckereien hielten dem Druck in ihren Branchen nicht stand. Dennoch kommt Frank Heider für Hessen zum Ergebnis, dass Ende der neunziger Jahre nur sechzehn Prozent der selbstverwalteten Betriebe aus dem Markt ausgeschieden waren. Auf ganz Deutschland übertragen, konnten sich mithin 10 000 selbstverwaltete Betriebe halten. Viele jedoch relativierten die Ideale der ersten Stunde – wie etwa die Berliner «taz»: Nach einer Krise 1992 wurde die Tageszeitung-Verlagsgenossenschaft gegründet, um die Zeitung auf eine breite finanzielle Grundlage zu stellen. Jetzt bestimmen nicht mehr allein die 250 Beschäftigten über die Geschicke des Unternehmens, sondern auch rund 12 000 GenossenschafterInnen. Redaktion und Verlag führten eine klare Arbeitsteilung ein, samt Chefredaktion – und zahlen unterschiedliche Löhne, die aber weiterhin unter dem Branchentarif liegen. Immerhin behauptet sich die Zeitung am Markt.

Dass der Geist des Wirtschaftens jenseits von Profit und Privateigentum lebt, zeigte sich in der Krise des Finanzkapitalismus der vergangenen Jahre. Mit ihr begann die Renaissance der Genossenschaften. Kaum hatte der US-Finanzinvestor Fortress in Dresden über 47 000 Wohnungen von der Stadt erworben, gingen andernorts die fast tot geglaubten Wohnungsbaugenossenschaften in die Offensive und machten deutlich: Wir wollen Wohnungen für Menschen, nicht für SpekulantInnen.

Krötenwanderung – Bank wechseln

Mit der Finanzmarktkrise rückte auch die älteste deutsche Alternativbank in den Blickpunkt des Geschehens: die GLS Gemeinschaftsbank mit Sitz in Bochum. Getragen von 22 000 Genossenschaftsmitgliedern, setzt die 1975 gegründete Alternativbank auf einen anderen Umgang mit Geld (siehe WOZ Nr. 17/12). Bei dieser Bank können SparerInnen entscheiden, ob sie ihr Geld in erneuerbare Energien, Kindergärten und Schulen, Wohnprojekte für ältere Menschen oder andere Projekte investiert sehen wollen.

Für die GLS-Bank ist Geld kein Mittel zur Vermehrung von Geld, sondern ein Medium für die Beziehung zwischen Menschen. Deshalb organisiert sie auch Zusammenschlüsse von Leuten, die gemeinsam Projekte finanzieren wollen. Zahlreiche Schulen, Wohnanlagen für ältere Menschen oder Energieprojekte sind auf diese Weise entstanden. Nicht zuletzt dieser andere Umgang mit Geld ermutigte Attac, Occupy und andere soziale Bewegungen zur Aktion «Krötenwanderung – Bank wechseln, Politik verändern». Die Umsätze der vier Alternativbanken GLS, Umweltbank, Ethikbank und Triodos haben sich in wenigen Jahren auf deutlich mehr als fünf Milliarden Euro verdoppelt.

Noch stärker ist der Aufbruch in der Energiepolitik. Ermutigt durch die feste Einspeisevergütung für sauberen Strom und unterstützt von der Anti-Atomkraft-Bewegung liessen sich die BefürworterInnen der Energiewende auch vom jahrelangen Atomkraftkurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht frustrieren. Im Gegenteil. Zwei der vier bundesweiten Ökostromanbieter mit der höchsten Glaubwürdigkeit sind Genossenschaften: Greenpeace Energy und die Elektrizitätswerke Schönau (siehe WOZ Nr. 28/12). In der Folge kam es zu einem Gründungsboom von Energieproduktionsgenossenschaften – ihre Zahl hat sich von 2001 bis 2011 auf 586 fast verzehnfacht.

Während die nach der Katastrophe von Fukushima angekündigte Energiewende auf den Widerstand der grossen Energiekonzerne stösst, wird sie unten bereits praktiziert: Stadtwerke, Bürgerwindparks oder Energiegenossenschaften gewinnen immer mehr Investoren und Kundinnen, mehr als eine Million Menschen sind direkt an der Stromproduktion beteiligt. In Berlin wollen BürgerInnen ihr Stromnetz zurückkaufen. Siebzig Landkreise mit insgesamt acht Millionen EinwohnerInnen haben sich zu «100 Prozent eeRegionen» erklärt. Ihr Ziel: eine vollständige Versorgung mit erneuerbaren Energien aus der Region. Wovon die AtomkraftgegnerInnen vor fünf Jahren nicht einmal zu träumen wagten, ist nun Fakt: Die Macht der grossen Energiekonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall schrumpft.

Energiesektor als Motor

Damit ist Deutschland zwar immer noch nicht auf dem Weg zu jener «neuen Wirtschaftsordnung», die sich viele wünschen. Noch beherrschen Banken und InvestorInnen die Finanzmärkte, noch immer haben Auto-, Chemie- und Energiekonzerne viel Macht. Auf der anderen Seite gewinnt die solidarische Ökonomie spürbar an Bedeutung. Der Motor ist der Energiesektor. Doch inzwischen reicht die Bewegung weit darüber hinaus: BürgerInnen gründen Softwaregenossenschaften, Dorfläden, Altersheime, Wasserversorgungsunternehmen, retten Hallenbäder, Zuglinien oder finanzieren das Stadiondach für den Fussballverein. «Pro Jahr kommen in Deutschland derzeit 200 bis 250 neu gegründete Genossenschaften hinzu, zehnmal so viel wie noch vor sechs Jahren», sagt Andreas Wiege vom Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband.

Die Bewegung ist auch in der Politik angekommen. Im Frühjahr 2012 gründeten vierzig Mitglieder der Fraktion Die Linke im Bundestag die Genossenschaft Fairwohnen, um 11 000 Wohnungen von der staatlichen Treuhandliegenschaftsgesellschaft zu erwerben, die privatisiert werden soll. Damit wollen sich MieterInnen in ostdeutschen Städten vor dem Ausverkauf ihrer Wohnungen schützen.

Wolfgang Kessler ist seit 1999 Chefredaktor der alternativen christlichen Zeitschrift «Publik-Forum» und publizierte zuletzt das Buch «Geld regiert die Welt. Wer regiert das Geld?».

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