Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Auch Klein kann gewinnen – und gross werden

Ende Juni feierte ein Elektrizitätswerk in BürgerInnenhand in Schönau nahe der Schweizer Grenze den 15. Jahrestag der Netzübernahme. Inzwischen ist aus der Anti-AKW-Initiative der Schwarzwälder StromrebellInnen einer der bedeutendsten Ökostromanbieter Deutschlands geworden.

Von Pit Wuhrer, Schönau

Sie liessen viele Ideen spriessen: Ursula und Michael Sladek gehörten zu den ­InitiatorInnen der Ökostromgenossenschaft in Schönau. Foto: EWS-Schönau

Der Ansturm begann unmittelbar danach. «Wir konnten die vielen Anfragen kaum bewältigen», erinnert sich Ulrike Klingele. Die Telefonzentrale war überlastet, die Anträge stapelten sich auf den Tischen. «Manche Kunden fragten erst nach unseren Angeboten, sehr viele schickten jedoch gleich die unterschriebenen Verträge zum Versorgerwechsel.» Das war Mitte März 2011, im japanischen AKW Fukushima hatte es gerade drei Kernschmelzen gegeben, «und bei uns schnellte die Zahl der Neukunden um das Dreifache nach oben», sagt Klingele vom Kundenservice der Elektrizitätswerke Schönau (EWS). Im Schnitt wechselten damals über 3000 Haushalte pro Monat zu den EWS; viele hatten bis dahin ihren Strom von den grossen deutschen Atomenergiekonzernen Vattenfall, Eon, RWE und EnBW bezogen. «Und der Ansturm hielt nicht nur ein paar Wochen an, sondern dauerte bis in den Spätherbst hinein; uns hat das sehr gestresst.»

Dieser Zustrom an neuen KundInnen war eine grosse Herausforderung für das kleine Unternehmen in der unscheinbaren Kleinstadt Schönau an den bewaldeten Südhängen des Schwarzwalds, knapp dreissig Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Etwa 2500 Menschen leben hier, es gibt ein Amtsgericht, ein Gymnasium, ein Krankenhaus, und die Gemeindeverwaltung hat viele Wanderwege anlegen lassen – man kann sich in Schönau wunderbar erholen. Doch nicht alle, die von auswärts kommen, suchen die Natur – jedenfalls nicht direkt. Viele blicken vielleicht kurz aufs Süddach der evangelischen Bergkirche, deren Solarpanels silbern glitzern, streben aber meist schnurstracks einem flachen Bürokomplex zu. Es sind Bürgermeister aus der ganzen deutschen Republik, engagierte Menschen, die eine der vielen neu entstehenden Energiegenossenschaften gründen wollen, und EWS-KundInnen. Sogar CDU-PolitikerInnen sind darunter, «die uns früher nicht einmal angeschaut haben», heisst es bei den EWS. Sie alle bitten um Informationen, fragen um Rat oder wollen einfach nur aus erster Hand erfahren, wie es kam, dass eine kleine Anti-AKW-Initiative zuerst das lokale Stromnetz übernehmen und dann zu einem der grössten Ökostromanbieter Deutschlands werden konnte.

Vom Netz zur Stromversorgung

Die Geschichte der EWS beginnt an jenem Tag Ende April 1986, als in Tschernobyl ein Atommeiler explodierte. Wie überall im süddeutschen Raum reagierten viele Menschen besorgt auf die zunehmende Radioaktivität, aber in Schönau beliessen sie es nicht dabei. Eine Handvoll honoriger BürgerInnen schloss sich zusammen, informierte über den atomaren Fall-out, gründete die Initiative «Eltern für eine atomfreie Zukunft» (EfaZ), sammelte Geld für eine Kinderkrebsklinik in Kiew, holte Kinder aus dem Katastrophengebiet zur Erholung nach Schönau, gab Tipps zum Stromsparen, veranstaltete Gesprächsrunden und organisierte Stromsparwettbewerbe.

Sie taten viel – doch die Politik und die Energieunternehmen machten nach Tschernobyl grad so weiter, und einfach wegsparen konnte man den Atomstrom auch nicht. Denn der kam aus den Kraftübertragungswerken Rheinfelden KWR, die damals dem Schweizer Unternehmen Elektrowatt gehörten und wie alle Energiemonopolisten hohen Verbrauch durch niedrige Preise belohnten. Allerdings waren den KWR die Umtriebe der Bürgerinitiative nicht entgangen. Und so machten sie der kleinen Schwarzwaldgemeinde 1990 ein Angebot, das diese kaum ablehnen konnte: Wenn Schönau den Stromvertrag jetzt, vier Jahre vor Ablauf der Konzession, um zwanzig Jahre verlängere, bekomme sie rund 24 000 D‑Mark (etwa 19 000 Franken) zusätzlich im Jahr. Das war viel Bestechungsgeld für eine arme Gemeinde. Auch die EfaZ waren nicht abgeneigt – sofern das Unternehmen keinen Atomstrom (er kam aus Schweizer Meilern) mehr ins Schönauer Netz einspeisen, dezentral erzeugten Strom aus erneuerbaren Energien höher vergüten und einen linearen Stromtarif einführen werde, der hohen Verbrauch nicht mehr begünstigt. Ihre Delegation, die zu Verhandlungen nach Rheinfelden gereist war, blitzte jedoch ab.

«Damals haben wir die Arroganz der Macht zu spüren bekommen», erinnerte sich später Ursula Sladek (siehe WOZ Nr. 48/96), die mit ihrem Mann zum harten Kern der Initiative gehörte. Was dann folgte, ist an Einfallsreichtum, Hartnäckigkeit und schierer Chuzpe kaum zu überbieten: Selten zuvor wurde die deutsche Stromwirtschaft so aufgemischt. Noch 1990 gründeten die EfaZ-InitiantInnen die Firma Netzkauf mit dem Ziel, das lokale Stromnetz zu übernehmen – und fanden 280 BürgerInnen, die bereit waren, aus eigener Tasche die zusätzliche Summe aufzubringen, die die KWR der Gemeinde geboten hatten. Als der Schönauer Gemeinderat dankend ablehnte und mit sieben zu sechs Stimmen den KWR den Zuschlag erteilte, organisierten die EfaZ einen der ersten Bürgerentscheide in Baden-Württemberg, der den Beschluss des Rats wieder aufhob. Danach suchten sie GeldgeberInnen (die KWR verlangten für das Schönauer Stromnetz sieben Millionen Franken, obwohl es nur die Hälfte wert war), kontaktierten mögliche SponsorInnen (die GLS Gemeinschaftsbank in Bochum richtete extra einen Fonds ein), lancierten Spendenkampagnen, fanden kooperationsbereite EnergiespezialistInnen im ganzen Land und sogar Werbeagenturen, die den «Schwarzwälder Störfall» gratis und in vielen Medien vermarkteten.

Wahrscheinlich hat es den «StromrebellInnen» im konservativ-beschaulichen Schönau geholfen, dass sie keine RevolutionärInnen und keine parteipolitisch organisierten Grünen waren, sondern «unternehmerische Menschen», so Ursula Sladek, «die etwas bewegen wollen, innovativ und risikobereit sind und Verantwortung tragen». Es war riskant, sich auf den überzogenen Kaufpreis der KWR einzulassen (später erstritten sie sich vor Gericht eine Rückzahlung in Millionenhöhe, die dann in eine Stiftung floss), und es war innovativ, 1994 ein eigenes Energieunternehmen – die EWS – zu gründen und 1997 das lokale Stromnetz zu übernehmen – nach beharrlicher Überzeugungsarbeit und einem zweiten Bürgerentscheid. Heute sind neun Gemeinden an das Stromnetz angeschlossen. Ausserdem versorgen die EWS inzwischen deutschlandweit rund 130 000  Haushalte und Firmen mit Ökostrom. Dass man problemlos von Atom- und Kohlestromkonzernen zu Ökostromanbietern wie den EWS wechseln kann, war ziemlich das einzige Gute an der Strommarktliberalisierung 1998.

2000 GenossenschafterInnen

In den neunziger Jahren sei ein tiefer Riss durch die Gemeinde gegangen, erinnert sich Sebastian Sladek, einer der EWS-Geschäftsführer. Die zweite Volksabstimmung war mit 52 Prozent nur äusserst knapp zugunsten der EWS ausgegangen. «Inzwischen sind wir jedoch akzeptiert: Wir haben alle Stromleitungen unter die Erde verlegt, bieten einen konkurrenzfähigen Preis und sind das zweitgrösste Unternehmen und somit der zweitgrösste Gewerbesteuerzahler im Ort.» Sebastian Sladek hatte die turbulenten neunziger Jahre hautnah miterlebt – er und seine vier Geschwister sassen mit ihren Eltern Ursula und Michael oft in der Stube, lange Zeit die Schaltzentrale des EWS-Projekts. Nach einem Studium der klassischen Archäologie – «etwas ganz anderes zu tun, hat mir sehr geholfen» – kehrte Sladek nach Schönau zurück und trat in die EWS ein.

Ein Familienbetrieb aber seien die EWS nicht, betont er, im Gegenteil: Anfangs sei die Bürgerinitiative aus mehreren Gründen privatwirtschaftlich organisiert gewesen – auch weil die Gründung von Kooperativen vor der Umgestaltung des deutschen Genossenschaftsgesetzes 2006 kaum möglich war. Seit September 2009 gehören jedoch alle EWS-Bereiche der Netzkauf-Genossenschaft. Die derzeit rund 2000 GenossenschafterInnen (darunter auch alle Beschäftigten) wählen an ihrer jährlichen Generalversammlung den Vorstand und den Aufsichtsrat, die die Geschäftsführung kontrollieren und die wichtigsten Entscheidungen treffen. Die Mindesteinlage beträgt 500 Euro, eine Rendite ist nicht garantiert. «Es gibt zwar Genossen, die gerne mehr hätten als die sechs Prozent, die wir seit Jahren zahlen», sagt Sladek. «Aber andere wollen gar nichts. Denen ist es wichtiger, dass wir die Energiewende vorantreiben.»

Diesen Auftrag nehmen die EWS in mehrfacher Hinsicht ernst:

•  Der Strom, der durch die lokalen EWS-Netze fliesst und seit 1999 bundesweit vermarktet wird, darf nur von Energieerzeugungsunternehmen kommen, die nicht mit der Atom- und Kohleindustrie verbandelt sind. Damit kommt Strom aus den vielen Wasserkraftwerken der vier grossen Energiekonzerne in Deutschland nicht infrage.

•  Der von den EWS gekaufte Strom hat einen ökologischen Zusatznutzen. Es gibt zwar mittlerweile viele Ökostromtarife (auch Atomkonzerne bieten sie an), die aber nur rechnerische Bedeutung haben und nichts bewirken (vgl. «Der Strom aus der Steckdose»). Die EWS beziehen ihren Strom hingegen zu zwei Dritteln aus Anlagen, die jünger sind als sechs Jahre. «Das fördert den Bau von Neuanlagen», sagt Sladek.

•  Ausserdem unterstützen EWS-KundInnen mit dem obligatorischen sogenannten Sonnencent (mindestens 0.5 Eurocent pro Kilowattstunde) die Finanzierung von neuen Fotovoltaik-, Wind- und Wasseranlagen sowie von Blockheizkraftwerken. Und natürlich gilt ein linearer Tarif.

Vom Verkauf zur Produktion

Selber hingegen erzeugten die EWS lange Zeit keinen Strom. Sie beziehen den grössten Teil der gegenwärtig 500 Millionen Kilowattstunden aus kommunalen Wasserkraftwerken in Norwegen und von dezentralen Blockheizkraftwerken. «Das Netz unterhalten, Kunden beliefern und dann auch noch Stromerzeugungsanlagen betreiben – das führt zu einer unguten Machtkonzentration», referiert Sladek die frühere Position. Inzwischen hat sich die Haltung geändert. Der Atomausstieg bis 2022 «wird dazu führen, dass es immer mehr vernünftige Stromtarife auf dem deutschen Markt gibt und wir unser Alleinstellungsmerkmal verlieren». Deshalb beginnen sich die EWS zu diversifizieren und haben nun auf dem Dach der Alnatura-Zentrale in Hessen (die Biomarkt-Kette ist wie die GLS-Bank oder die Schokoladenfirma Ritter-Sport EWS-Kundin) und in mehreren baden-württembergischen Dörfern grosse Fotovoltaikanlagen installiert. Zudem unterstützen sie ein Vorhaben mehrerer Gemeinden und Energiegenossenschaften im benachbarten Kleinen Wiesental; dort soll eine Reihe von Windanlagen errichtet werden. «Schon die Voruntersuchungen, das Windgutachten und die Umweltverträglichkeitsbescheinigung kosten viel Geld», sagt Sladek, «und dann kann es sein, dass sich der Standort als ungeeignet erweist.» Für eine kleine BürgerInnengenossenschaft sei das ein viel zu grosses Risiko. «Wir mit unseren Rücklagen können es hingegen eingehen. Wir übernehmen die Planung und betreiben den Windpark, allerdings nur zu Beginn.» Wenn alles gut läuft, wollen sich die EWS sukzessive zurückziehen und maximal 25 Prozent der Anteile behalten.

Ihr Ziel einer Dezentralisierung und Demokratisierung der Stromwirtschaft haben die SchwarzwälderInnen also nicht aufgegeben. Sie fördern auch weiterhin mit dem Sonnencent den Bau neuer Anlagen in BürgerInnenhand und beraten zahllose Initiativen – wie etwa das Projekt BürgerEnergie Berlin, das das Stromnetz der Hauptstadt übernehmen will. Auf diese Weise, hofft Sladek, könne man vielleicht auch einen Konflikt entschärfen, der die Ökobewegung zu zerreissen droht: Energiewende ja, Leitungen und Windräder vor der eigenen Haustür nein. «Wenn die Bürger daran beteiligt sind und wissen, dass sie mit jeder Umdrehung Geld verdienen, lassen sich Neuanlagen leichter durchsetzen.» Ein Allheilmittel ist dieses kaufmännische Argument freilich nicht.

Das leidige Gasgeschäft

Seit 2009 bieten die EWS auch Erdgasverträge an – allerdings nicht ganz freiwillig: Einige kleinere Gemeinden knüpfen die Neuvergabe ihrer Stromnetze an die Bedingung, dass auch die Gaskonzession mit übernommen wird. Um mehr Netze in BürgerInnenhand übernehmen zu können, schluckten die EWS diese Kröte. So richtig glücklich sei er damit nicht, sagt Sladek, schliesslich sei Erdgas ein fossiler Energieträger – «auch wenn es sich effizienter einsetzen lässt». Und noch heikler sei die Alternative Biogas, das zum Teil in Anlagen produziert werde, «die eine weit miserablere Klimabilanz aufweisen als das Erdgas, das wir beziehen». Aber immerhin glauben die EWS, inzwischen einen akzeptablen Biogaslieferanten gefunden zu haben.

Trotz des stürmischen Wachstums setzen die EWS nicht auf Expansion. «Wir sind mit den Personalkosten, unserem Kundenstamm und den Margen nicht auf Wachstum angewiesen, wir könnten auf diesem Level auch bleiben», sagt Geschäftsführer Sladek. Nach Fukushima und durch eine Umstellung der elektronischen Datenverarbeitung wuchs die Belegschaft von 38 auf 70 Beschäftigte, und «es knirschte ganz ordentlich im Gebälk». Es kam zu Konflikten zwischen langjährigen und neu eingestellten MitarbeiterInnen – auch weil die engagierten Älteren den Jüngeren viel abverlangten. Und das früher kleine Team splittete sich in Abteilungen auf – mit all den üblichen Abgrenzungsschwierigkeiten. «Wachstum kann gefährlich sein», sagt Sladek.

Vorausschauende Planung, dezentrale Strukturen und eine direkte Beteiligung der Bevölkerung – das seien wichtige Voraussetzungen für Zukunftsprojekte, sagt er. Und vorausgedacht haben die lokal verwurzelten StromrebellInnen stets. Bei ihren früheren Kampagnen zur Netzübernahme etwa. Bei Strassenbaumassnahmen zur sieben Kilometer entfernten Gemeinde Büllen mit ihren rund hundert EinwohnerInnen, als sie Leerrohre für eine unterirdische Stromleitung verlegen liessen – obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Lieferkonzession hatten. Oder derzeit in Schönau, das für Fernwärme gut geeignet wäre: Auch hier lassen die EWS Rohre vergraben, wann immer ein Strassenbelag aufgerissen wird. Dabei steht die Versorgung mit Fernwärme noch in den Sternen.

Für solch langfristige Projekte, sagt Sebastian Sladek, liessen sich jedoch weder Manager noch Politikerinnen gewinnen. «In unserer an kurzfristigen Renditen orientierten Ökonomie ist niemand an Investitionen interessiert, die sich vielleicht erst in fünfzehn Jahren auszahlen.» Eine EWS-Investition hingegen habe sich bereits gelohnt, sagt Ulrike Klingele: diejenige in neue KollegInnen. «Mit ihnen können wir die 1000 bis 1200 neuen Kunden im Monat gut bedienen.»

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