Nr. 17/2012 vom 26.04.2012

Die Banken, die auch anders können

Die Welt braucht Banken, sie sind also nicht per se schlecht, doch müssten sie ethisch wirtschaften. Dass dies geht, zeigen die Freie Gemeinschaftsbank, die Alternative Bank Schweiz oder die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken aus Bochum. Sie geschäften nicht nur fair, sie geschäften auch erfolgreich.

Von Susan Boos (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Fragt man Markus Jermann, was Geld sei, sagt er: «Geld bildet eine menschliche Beziehung ab.» Jermann leitet die Freie Gemeinschaftsbank in Basel und ist wohl einer der aussergewöhnlichsten Banker der Schweiz. Die Bank residiert im zweiten Stock des «Unternehmens Mitte», gegenüber der alten Hauptpost in der Basler Altstadt. In dem prächtigen Sandsteinbau befand sich einst der Hauptsitz der Schweizerischen Volksbank, bis diese Anfang der neunziger Jahre von der Kreditanstalt – heute Credit Suisse (CS) – übernommen wurde.

Die Freie Gemeinschaftsbank ist das pure Gegenstück zur CS. Klein, fein, engagiert. Einige Anthroposophen haben sie 1984 in Dornach gegründet, um «freie Initiativen zu fördern», wie zum Beispiel Kindergärten, Rudolf-Steiner-Schulen oder Biobauernhöfe. Heute hat die Freie Gemeinschaftsbank gut zweitausend GenossenschafterInnen, eine Bilanzsumme von knapp 300 Millionen Franken und zwanzig MitarbeiterInnen.

Steiners anthroposophische Lehre mag umstritten sein, doch bei der Gemeinschaftsbank geht es um Handfestes. Handel mit Geld und Spekulation sind ihr per Statuten verboten. Was immer sie tut, tut sie in der Realwirtschaft. Eigentümlich, dass man das überhaupt feststellen muss, doch bewegen sich grosse, konventionelle Banken eben in anderen Gefilden:

Kurz vor der Finanzkrise suchten rund 170 Billionen US-Dollar liquides Geld global nach Investitionsmöglichkeiten. Man schätzt aber, dass das gesamte Weltsozialprodukt bei nur etwa 52 Billionen liegt – alle Menschen erwirtschaften zusammen also dreimal weniger als das Kapital, das Investitionen suchte. Dieses Geld – etwa aus Pensionskassenfonds – muss Rendite erwirtschaften. Doch die Realwirtschaft gab oder gibt gar nicht so viel her. Also brauchte man andere Anlagemöglichkeiten, um Geld zu verdienen, und schuf, so schreibt die deutsche Ökonomin Karin Käufer, undurchschaubare Derivate oder Zertifikate. Dabei entstand ein abstrakter Finanzbereich, der mit der realen Wirtschaft kaum mehr etwas zu tun hat, aber trotzdem alle mitreisst, wenn er in Schieflage gerät.

Was hingegen die Freie Gemeinschaftsbank tut, ist einfach und nachvollziehbar: Sie nimmt von den einen das Geld entgegen, das sie grad nicht brauchen – und leiht es denen aus, die welches brauchen. Die ersten erhalten Zins, die zweiten zahlen Zins. Jener der AnlegerInnen ist tiefer als jener der KreditnehmerInnen – von der Differenz, der Zinsmarge, leben die Banken. Ganz so rund läuft es aber zurzeit nicht, weil die Zinsen in der Schweiz unglaublich tief sind. Markus Jermann spricht von einem Kampf: «Die Kreditnehmer möchten möglichst keinen Zins zahlen, und das noch bei einer möglichst langen Laufzeit. Die Einleger wollen einen möglichst hohen Zins bei ganz kurzen Laufzeiten, mit der Begründung, man wisse ja nie, ob sich die wirtschaftliche Krise noch verschlechtere.» Dazwischen werden die Banken aufgerieben, weil die Zinsmargen kaum reichen, um die eigenen Kosten zu decken.

Grossbanken wollen oder müssen dennoch Geld verdienen und investieren weiter in abstrakte, undurchschaubare Geschäfte. Die Freie Gemeinschaftsbank spielt da nicht mit. Sie kennt ihre Kundschaft und besucht einen Hof, bevor die Bauernfamilie einen Kredit bekommt. «Wir müssen sehen, wie ein Bauer mit seinen Tieren umgeht oder welche Beziehung er zu seinem Boden hat, um zu beurteilen, ob wir den Kredit gewähren sollen.» So erhalten auch Leute einen Kredit, die bei einer gewöhnlichen Bank kaum Chancen hätten, weil ihnen die üblichen Sicherheiten fehlen.

Alle KreditnehmerInnen persönlich zu besuchen, ist mit viel Arbeit verbunden, es scheint sich jedoch zu lohnen, hatte die Bank in den letzten Jahren doch keinen einzigen Kreditausfall zu verzeichnen. Das ist es, was Jermann meint, wenn er sagt, Geld stehe für menschliche Beziehungen. Früher sei das Geld ja mit Silber und Gold hinterlegt gewesen. Seit das aufgehoben sei, müssten die Risiken, die beim Geldverleihen entstünden, durch Beziehungen abgedeckt werden. Je genauer man die Person kennt, die das Geld bekommt, desto besser kann man das Ausfallrisiko einschätzen. Je distanzierter oder anonymer jedoch das Verhältnis ist, desto höher das Risiko.

Für Jermann geht es im Leihgeschäft darum, möglichst eine Beziehung herzustellen zwischen denen, die geben, und denen, die nehmen: «Das ist aber sehr aufwendig. Das Massengeschäft lässt sich damit nicht betreiben. Die Grossbanken können das nicht.» Man habe ihm schon vorgeschlagen, sie sollten doch mit der Alternativen Bank Schweiz fusionieren, um grösser zu werden. «Aber ist das wirklich sinnvoll?», fragt Jermann. «Ist es nicht gerade gut, viele kleine Banken zu haben, die verschiedene Bedürfnisse und Qualitäten abdecken und wirklich noch eine Beziehung zu den Leuten aufbauen können?»

Das bedeutet aber auch, dass die Gemeinschaftsbank entweder höhere Zinsen für Kredite verlangen muss oder die AnlegerInnen tiefere Zinsen haben. Stimmt, sagt Jermann, es hätten wegen der höheren Hypothekarzinsen auch schon KundInnen ihre Bank verlassen. Dann zeichnet er auf ein Blatt Papier eine enge Wellenlinie mit hohen Ausschlägen: «Das sind die Zinsausschläge, die man im Markt hat. Mal sehr hoch, bis auf sechs oder mehr Prozent, dann wieder ganz tief runter, auf fast null.» Er zeichnet daneben eine zweite Linie mit flachen Wellen: «Das ist es, was wir anstreben und was nachhaltiges Banking ausmacht: Die Zinsen gehen gar nie so massiv rauf beziehungsweise runter. Wir versuchen langfristig zu denken, um die Ausschläge nach oben und unten abzumildern.» Das ist echte Nachhaltigkeit, das Risiko für alle Beteiligten wird minimiert. Nur sei das manchmal schwierig zu vermitteln, weil die Leute in Zeiträumen von drei, vier Jahren denken würden – derweil die Strategie der Bank längerfristig aufgehe: «Wir haben ein Beispiel durchrechnen lassen, und da zeigte sich: Über einen Zeitraum von 25 Jahren hätte der Kunde im Durchschnitt mit unseren Zinsen besser abgeschnitten als bei den konventionellen Grossbanken.»

Um Transparenz zu gewährleisten, publiziert die Bank im Geschäftsbericht die Namen aller KreditnehmerInnen. Die der EinlegerInnen werden indes nicht publiziert, doch schaue man genau, wer sein Geld zur Freien Gemeinschaftsbank bringe. «Wir haben auch schon Gelder abgelehnt, wenn uns nicht klar war, woher sie stammten oder was der Hintergrund war», sagt Markus Jermann, es wäre aber verwegen, garantieren zu wollen, dass die Bank überhaupt kein unversteuertes Geld verwalte. Auch wenn ein Kunde schriftlich bestätige, er habe alles versteuert, könne man nicht wissen, ob das auch wahr sei.

Vielleicht könnte man, so fügt Jermann an, sich überlegen, auch die EinlegerInnen öffentlich zu machen, um auch auf dieser Seite der Bankbilanz für Transparenz zu sorgen: «Sicher würden einige Gelder abfliessen, aber ich fände das noch interessant, wenn man lesen könnte, wer ein Konto bei uns hat.»

Die Ursprünge mit Raiffeisen

Schon im Mittelalter brauchte man Banken, um zum Beispiel Handelsreisen nach Indien vorzufinanzieren. Sie waren aber für die Reichen da, für die Armen war es schwer, sich zu vernünftigen Konditionen Geld zu leihen. Franziskanermönche gründeten deshalb im 15. Jahrhundert mit dem Monte di Pietà im italienischen Perugia ein Pfandleihgeschäft, das es auch ärmeren Leuten ermöglichte, bei zahlbarem Zins einen Kleinkredit zu bekommen. Das war sozusagen das erste soziale Finanzinstitut.

Im 19. Jahrhundert entstanden die ersten Genossenschaftsbanken. In Deutschland waren es Hermann Schulze-Delitzsch und Wilhelm Friedrich Raiffeisen, die fast gleichzeitig die ersten sozialen Banken gründeten. Caspar Dohem schildert in seinem Buch «Good Bank» (vgl. «Good Bank» im Anschluss an diesen Text) die Anfänge der beiden Banken. Schulze-Delitzsch rief 1850 den Vorschussverein ins Leben. Handwerker hatten sich darin zusammengeschlossen, um gemeinsam Kredite aufzunehmen: «Jeder beteiligte Genosse zahlte einen Beitrag in einen gemeinsamen Topf, und mit dem so verfügbaren Eigenkapital und einer gleichzeitigen unbeschränkten Haftungspflicht seiner Mitglieder füreinander konnte der genossenschaftliche Verein Kredite für die Mitglieder beschaffen.» Nach und nach wurden weitere Vereine gegründet, aus denen später die Volksbanken entstanden.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der im Westerwald nördlich von Köln als Bürgermeister amtete, verfolgte ein ähnliches Projekt. Er hatte die grosse Hungersnot von 1846 miterlebt und zusehen müssen, wie viele Bauernfamilien nach einer Missernte zu Opfern von Wucherern wurden und innert kürzester Zeit verarmten. Um das zu verhindern, gründete er 1864 den Heddesdorfer Darlehnskassenverein, sozusagen die Ur-Raiffeisen-Bank. Das Modell funktionierte ähnlich wie Schulze-Delitzschs Bank, die GenossenschafterInnen hafteten ebenfalls solidarisch.

Daran hat sich bis heute grundsätzlich wenig geändert. In der Schweiz existieren noch immer über dreihundert Raiffeisenbanken, die als autonome Genossenschaften agieren und zusammen 1,7 Millionen GenossenschafterInnen haben.

Darüber steht die Raiffeisen Schweiz, die den kleinen Banken theoretisch nicht dreinreden kann und – wie sie selbst schreibt – nur eine «strategische Führungsfunktion» innehat (sie ist etwa für die komplexen Datenverarbeitungssysteme zuständig). Doch die Raiffeisen-Zentrale in St. Gallen gebärdet sich zunehmend wie eine konventionelle Grossbank und will um jeden Preis wachsen. Anfang Jahr hat Raiffeisen Schweiz die Privatbank Notenstein übernommen (den restlichen Teil der Bank Wegelin, die Konrad Hummler mit US-SteuerhinterziehungskundInnen in den Abgrund getrieben hatte). Mit der Notenstein mischt Raiffeisen Schweiz nun bei der Vermögensverwaltung mit, was bislang nicht zu ihrem Kerngeschäft gehörte. Ausserdem sind die Raiffeisenbanken gefährlich stark im Hypothekenmarkt engagiert und könnten in Schwierigkeiten geraten, falls die Zinsen plötzlich steigen. Zu den guten Banken kann man sie heute also kaum mehr zählen.

Prosperierende Alternative Bank Schweiz

In der Nähe des Bahnhofs Olten, am andern Ufer der Aare, hat die Alternative Bank Schweiz (ABS) ihren Hauptsitz. «Die ABS ist die Alltagsbank für alle, die wissen wollen, was mit ihrem Geld geschieht und wie es sogar Gutes bewirken kann», schreibt die Bank. Sie wurde 1990 von mehreren Organisationen gegründet. Mit dabei waren unter anderem die Aktion Finanzplatz Schweiz, eine Gewerkschaft, verschiedene Hilfswerke, aber auch Greenpeace oder der WWF.

Als die Bank vor zwei Jahren ihren 20. Geburtstag feierte, schaute die Rechtsanwältin Dorothee Jaun, die während Jahren im ABS-Verwaltungsrat sass, ein bisschen wehmütig zurück: «Die ABS hat sich vom Alternativbetrieb mit ein paar wenigen Leuten zu einer hierarchisch strukturierten Firma mit Abteilungen und Vorgesetzten entwickelt», schrieb sie in der Jubiläumsausgabe der ABS-Zeitung «moneta». Man habe sich von einigen Idealvorstellungen verabschieden müssen: «Wir mussten feststellen, dass wir nicht Leute unterstützen können, die kein Geld verdienen, nur weil sie aus der ‹richtigen Ecke› kamen. Als einige Jahre nach der Gründung einige genossenschaftlich organisierte Betriebe in Konkurs gingen, war das ernüchternd.» Glücklicherweise überstand die ABS diese Turbulenzen, ohne sich von ihren zentralen Werten zu verabschieden. Und so schliesst Jaun mit der Bemerkung: «Im heutigen Bankenumfeld ist es bemerkenswert, dass die ABS-Aktien in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich an Wert gewonnen haben. Nachhaltiges Wirtschaften äussert sich eben auch in nachhaltigem Wachstum.»

Über die Jahre warf die ABS einige strenge Vorgaben über Bord. So wollten die BankgründerInnen etwa keine Kredite für Einfamilienhäuser gewähren. Das gab man Ende der neunziger Jahre auf, weil man sonst KundInnen verloren hätte. Um sich trotzdem treu zu bleiben, führte die ABS bei den Hypotheken ein eigenes Immobilienrating ein, soziale und ökologische Bauten kommen nun zu günstigeren Krediten.

Wenn die ABS das Geld ihrer Kundschaft anlegt, muss sie sich schwierigen Fragen stellen. Welche Aktien darf man überhaupt kaufen? Welche Titel sind gerade noch in Ordnung, welche tabu? Der Ökonom Martin Rohner, der bis vor kurzem die Max-Havelaar-Stiftung (Schweiz) leitete, ist seit Anfang Jahr Geschäftsleiter der ABS. Er spricht von «grünen und roten Listen», die die ABS führe. Titel auf der roten Liste sind verboten – also etwa Firmen, die mit Waffen geschäften, mit der Atomwirtschaft verbandelt sind oder mit Gentechpflanzen Geld verdienen. Auch die Pornoindustrie ist tabu. Was aber soll man mit einem Konzern tun, der umweltfreundliche Autos herstellt? Oder mit einer Pharmafirma, die zwar mit Gentechnik hantiert, aber zugleich gute, günstige Medikamente für Arme bereitstellt?

Die ABS verfügt über eine umfangreiche Liste mit Ausschluss-, Positiv- und Förderkriterien, mithilfe deren sie die einzelnen Unternehmen bewertet. Allerdings veröffentlicht die ABS diese Ratingliste nicht. Den KundInnen, die ihr Geld bei ihnen anlegen wollten, mache man sie natürlich schon zugänglich, sagt Rohner, nicht aber der Allgemeinheit, «weil da unser ganzes Know-how drinsteckt, wir können das nicht einfach so preisgeben».

Heute bieten fast alle Banken nachhaltige, ethische Fonds an. Doch für die ABS ist Ethik mehr als ein Marketinginstrument oder ein Fondsprodukt unter vielen. Die ABS spricht von der «Triple-Bottom-Line ‹People-Planet-Profit›» – übersetzt heisst dies, sie hält sich strikt daran, dass die Ökonomie Mittel zum Zweck ist und nicht hohen Profiten dienen darf: Banken sollen die Bedürfnisse der Menschen befriedigen, ohne dabei die Welt kaputt zu machen.

Die ABS ist mit dieser Strategie gut gefahren. Zwar war 2010 ein schwieriges Jahr, 2011 hat sie jedoch tüchtig zugelegt. Die Bilanzsumme ist um 10 Prozent auf 1,12 Milliarden Franken gewachsen. Der Gewinn stieg um 55 Prozent auf fast 6 Millionen Franken. 80 Angestellte kümmern sich um rund 27 000 KundInnen. Damit ist die ABS natürlich immer noch eine kleine Bank. Zum Vergleich: Die Raiffeisengruppe weist eine Bilanzsumme von 155 Milliarden Franken aus, hat 3,5 Millionen KundInnen und gut 8000 MitarbeiterInnen.

Was die ABS aber auch noch von konventionellen Schweizer Banken unterscheidet, ist ihre «Weissgeldstrategie», die sie seit ihrer Gründung verfolgt, auch wenn man es damals noch nicht so nannte. Alle KundInnen aus der Schweiz und aus dem Ausland müssen deklarieren, dass die Gelder, die sie zur ABS bringen, versteuert sind. Seit fünf Jahren meldet die Alternative Bank zudem die Zinserträge von nichtschweizerischen Vermögensanlagen unaufgefordert an die Steuerbehörden der Heimatländer der ausländischen Kundschaft. Die KundInnen müssen natürlich dazu ihr Einverständnis geben. Willigen sie nicht ein, können sie bei der ABS kein Konto eröffnen. Dies entspricht im Grundsatz dem automatischen Informationsaustausch, den immer mehr Länder von der Schweiz verlangen, um gegen die Steuerhinterziehung anzugehen.

Die GLS will eine Million KundInnen

Der Hauptsitz der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) ist in Bochum, mitten im Ruhrgebiet. Der renovierte Industriebau stellt etwas dar, hier hat man wirklich das Gefühl, eine Bank zu betreten. Die GLS wurde 1974 von AnthroposophInnen gegründet. Die anthroposophische Terminologie ist aber heute in den Hintergrund gerückt, nachdem die GLS vor einigen Jahren die linke Ökobank übernommen hat und die Leute der Ökobank es nicht so mit Rudolf Steiner hatten. Sie würden aber immer noch im anthroposophischen Sinn und Geist arbeiten, sagt Christof Lützel. Er ist ein charmanter junger Mann, der aussieht, wie man sich heute einen Banker vorstellt. Lützel ist GLS-Pressesprecher, aber er ist noch viel mehr: Nach dem Politologiestudium kam er vor zwölf Jahren zur Bank, bildete sich zum Bankbetriebswirt weiter und sitzt heute im Anlagen- und Finanzausschuss sowie als Mitarbeitervertreter im Aufsichtsrat.

Die GLS hat in den letzten Jahren brilliert: 2011 legte ihre Bilanzsumme um 22,5 Prozent zu und betrug Ende Jahr 2,26 Milliarden Euro. Monatlich kommen rund 2300 neue KundInnen hinzu, die ihr Geld bei der GLS anlegen wollen. Um den Ansturm zu bewältigen, musste die Bank im letzten Jahr 84 neue MitarbeiterInnen einstellen und beschäftigt inzwischen über 400 Personen.

Lützel sagt, sie hätten kein Problem, neue Leute zu finden, sie könnten aus den Besten aussuchen.

Die MitarbeiterInnen in den unteren Lohnkategorien verdienen bei der GLS besser als in der Bankbranche üblich. Die oberen Kader müssen jedoch mit weniger zufrieden sein. Ihre Löhne sind trotzdem noch gut. So verdienen die beiden Vorstände der GLS je rund 200 000 Euro im Jahr. Bei der ABS ist die Lohnstruktur übrigens ähnlich, da verdient ein Geschäftsleitungsmitglied pro Monat um die 20 000 Franken.

Christof Lützel hat noch Thomas Jorberg zum Gespräch dazugeholt. Man könnte Jorberg «Mister GLS» nennen, er strahlt den erfahrenen, gelassenen Banker aus. In den siebziger Jahren war er der erste Lehrling, den die Bank ausgebildet hat. Seit bald zwanzig Jahren steht er nun schon an der Spitze der GLS. Auch er spricht von der schwierigen Zinssituation und davon, dass viele Banken versuchten, eine Art Waffenstillstand herzustellen: zwischen den KundInnen, die möglichst viel Zins wollten, und den Banken, die möglichst ihre Marge maximieren wollten. Er kritisiert aber nicht nur die konventionellen Banken, er rügt auch die Verbraucherschutzorganisationen, die nur darauf schauten, wo die KundInnen die höchste Rendite bekämen: «Das Denken hat sich überhaupt nicht geändert, obwohl man inzwischen weiss, welche realwirtschaftlichen Schäden die Gewinnmaximierung anrichten kann.» Zum Glück seien sich aber immer mehr Leute dieser Widersprüche bewusst und wechselten zur GLS.

Jorberg sagt, sie wollten bewusst weiter wachsen. Das Potenzial liege laut Marktstudien bei 10 bis 12 Prozent der Bevölkerung, das wären also in Deutschland 7 bis 10 Millionen KundInnen. Heute hat die GLS etwa 120 000 KundInnen.

Das Wachstum hat allerdings auch eine Schattenseite. Je grösser eine Bank wird, desto mehr Eigenkapital muss sie bereitstellen. Besonders für kleine Banken wie die Basler Gemeinschaftsbank ist es nicht ganz einfach, stetig neues Genossenschaftskapital aufzubringen. Auf dieses Eigenkapital möchte sie explizit keinen Zins zahlen, weil dies dem Grundgedanken der Genossenschaft widerspricht.

Die GLS ist indes davon abgerückt und hat sich entschieden, ab diesem Jahr Dividenden zu zahlen, was es einfacher machen dürfte, neue GenossenschafterInnen zu finden. Wirklich schwierig würde es, wenn das Genossenschaftskapital – wie das bereits diskutiert wird – von den Regulierungsbehörden nicht mehr als hartes Eigenkapital akzeptiert würde. Wie dieses Problem gelöst werden könnte, ist noch völlig unklar.

Für die ABS stellt sich diese Frage nicht, weil sie als Aktiengesellschaft organisiert ist. Ursprünglich wollten die GründerInnen die Bank auch als Genossenschaft organisieren, doch die Eidgenössische Bankenkommission (heute Finanzmarktaufsicht) wollte keine neue Genossenschaftsbank bewilligen. Es hat auch Vorteile, dass die ABS eine AG ist, weil es so einfacher ist, neue AktionärInnen zu finden, da man Aktien einfacher verkaufen kann als Genossenschaftsanteile. Die ABS hat auch schon immer eine bescheidene Dividende ausgeschüttet, wenn der Geschäftsgang es zuliess.

Prächtige Zukunftsperspektiven

Die Finanzkrise lässt die alternativen Banken glänzend dastehen. Weltweit geschäften sie erfolgreich, wie eine Studie der Global Alliance for Banking on Values (GABV) zeigt. Die Allianz, der ABS wie GLS angehören, ist ein Zusammenschluss von 15 sogenannten Nachhaltigkeitsbanken. Die GABV liess diese Banken von 2007 bis 2010 mit den 29 grössten systemrelevanten Banken vergleichen. Das Ergebnis ist verblüffend: Demnach gaben die nachhaltigen Banken im Schnitt 70 Prozent ihrer Bilanzsumme in Form von Krediten aus, wohingegen die konventionellen Institute auf 38 Prozent kamen. Auch beim Wachstum des Kreditvolumens lagen diese mit einer Steigerung um 20 Prozent hinter den GABV-Mitgliedern zurück, die auf durchschnittlich 80 Prozent Zuwachs kamen.

«Die Studie zeigt, dass es sich für eine Bank nicht nur theoretisch und ethisch lohnt, Gutes zu tun, sondern auch finanziell», kommentierte Peter Blom, GABV-Vorsitzender und Vorstandsvorsitzender der niederländischen Triodosbank, die Studie.

Für Europa werden den nachhaltigen Banken Wachstumsraten von jährlich 12 bis 13 Prozent prognostiziert. Und weltweit, so das Ziel der GABV-Banken, wollen sie bis 2020 2 Milliarden Menschen erreichen. Damit liesse sich dann tatsächlich etwas bewegen.

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