Nr. 12/2017 vom 23.03.2017

«Ich weiss, wie Kunst beginnt»

Der Verein Kidswest bringt benachteiligten Kindern in Bern Bümpliz Kunst näher – und verändert ganze Biografien.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

«Khalil, Mohammed, Elisa, Farhad» – mit leiser Stimme liest ein Mädchen Namen von einer Liste. Es ist «Appellzeit» im Kidswest, der freien Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche. Über dreissig Kinder sitzen an diesem Mittwochnachmittag im Kreis auf Kissen in einem Atelierraum in Bern Bümpliz. An den Wänden hängen Zeichnungen, in einer Ecke stehen selbst gebastelte, menschengrosse Puppen mit schwarzen Kleidern und weissen Gesichtern, auf Tischen stapeln sich farbige Papiere. Die Kinder sind zwischen sechs und sechzehn Jahre alt, sie lachen, plaudern, machen Klatschspiele, die Stimme des Mädchens geht unter im Lärm. Auch als ein anderes Mädchen eifrig das Ruheglöckchen schüttelt, wird es nicht leiser. Erst als Meris Schüpbach mit lauter Stimme Ruhe verlangt, einen Jungen umplatziert und selber im Kreis Platz nimmt, wird es ruhiger.

Vor gut zehn Jahren hat die Berner Künstlerin, die am liebsten einfach Meris genannt wird, das Projekt Kidswest ins Leben gerufen. Den Ausschlag gab ein Artikel mit dem Titel «Bümplizer Broadway», der über die Aufwertung von Bern West anhand von Kunst berichtete. Dies sollte mit dem Projekt «Kunstachse» passieren, aber auch mit einem Kinderatelier, in dem Bastelkurse angeboten werden sollten. Die Künstlerin schüttelt den Kopf: «Kinder- und Jugendtreffs, wo die Kinder basteln können, gibt es in Bern West genug. Was fehlt, ist Kulturvermittlung für Kinder aus Familien mit tieferem Einkommen.» In anderen Stadtteilen gebe es tolle Angebote, etwa «Kinderprogr» in der Altstadt, «aber für eine Familie mit wenig Einkommen sprengen das Tramticket und der Fünfliber Eintritt pro Kind rasch das Budget.» Die heute 64-Jährige, die bereits Kunstprojekte und -aktionen mit Erwerbslosen, alkoholkranken Männern und im Frauengefängnis Hindelbank realisiert hatte, stampfte ein Projekt aus dem Boden: Kidswest ist niederschwellig und gratis und in jenen Quartieren zu finden, in dem die meisten Menschen mit Migrationshintergrund wohnen: Bümpliz und Bethlehem.

Der elfjährige Muzamil kommt mit seinen zwei Brüdern jeden Mittwoch ins Kidswest. Er ist mittlerweile «Assistent», wie er stolz erklärt: «Als Assistent muss man zu den anderen Kindern schauen, dass sie zum Beispiel keinen Blödsinn machen. Man muss jenen helfen, die noch nicht schreiben können. Und beim Aufräumen.» Es gibt mehrere AssistentInnen, und ihre Arbeit wird mit einem kleinen Geldbetrag entlöhnt. Das erste Mal in Kontakt mit dem Kidswest gekommen sei er durch einen Besuch mit der Tagesschule: «Ich sah, dass man hier basteln und zeichnen kann, und dann hat es mich gelüstet, mehr hierherzukommen.» – «Ich weiss, wie Kunst beginnt», unterbricht ihn sein jüngerer Bruder Mudasir, «du musst deiner Fantasie folgen.» Muzamil ergänzt: «Und Kunst hört auf, wenn die Fantasie fertig ist.»

Die Kunst – sie ist das zentrale Element für Meris. Kidswest sei kein gemeinnütziges Projekt, betont sie: «Die Kinder lernen über Kunst, anders zu denken und zu handeln. Dabei ist es wichtig, dass sie aus ihrer gewohnten Umgebung heraus- und in Kontakt mit anderen Welten kommen.» Kidswest soll ihnen die Möglichkeiten, die das Leben ausserhalb ihres Alltags bietet, aufzeigen und helfen, Hemmschwellen gegenüber unbekannten Themen abzubauen. Die Ideen für die Projekte kommen dabei von den Kindern selber, oft wird für die Umsetzung einE KünstlerIn eingeladen. Letztes Jahr erarbeiteten die Kinder mit dem Autor Lukas Hartmann die Geschichte «Die Abenteuer der Prinzessin Ivana», stellten sie szenisch nach und malten Bilder dazu. Im Herbst wird der Stämpfli-Verlag die Geschichte bebildert als Buch herausgeben. Finanziert wird Kidswest mit 20 000 Franken jährlich von der Stadt, ausserdem sucht Meris für jedes einzelne Projekt Unterstützung von Stiftungen, Organisationen und Firmen. Präsident des Vereins Kidswest ist der SP-Nationalrat Matthias Aebischer.

Ein verjüngter Bundesrat

Ein vergangenes Projekt war die Zusammenarbeit mit dem Künstlerduo Haus am Gern, Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner. Mit ihnen stellte Kidswest 2009 das Bundesratsfoto nach. Das neue Foto, das tatsächlich im Bundeshaus und vom Bundesratsfotografen Michael Stahl gemacht wurde, war der Höhepunkt des mehrwöchigen Projekts «Hier und jetzt», in dem über Politik, den Bundesrat sowie SVP-Plakate diskutiert wurde. Zu guter Letzt prangte ein Jahr lang ein Plakat mit dem verjüngten Bundesrat an einem Hochhaus im Tscharnergut. Meris ist überzeugt: «Wenn wir dieses Projekt nicht gemacht hätten, wären nun nicht drei der beteiligten Jugendlichen politisch unterwegs.»

Eine davon ist Sheila Perchiacca. Die zwanzigjährige KV-Absolventin ist seit vier Jahren im Vorstand des Vereins. Sie sei 2007 per Zufall zu Kidswest gestossen: «Ich begleitete einen Freund dorthin. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was Kidswest war. Meris sah mich durchs Fenster und bot mir an mitzumachen.» So habe alles angefangen. «Das Nachstellen des Bundesratsfotos ist einer der eindrücklichsten Momente, die ich je erlebt habe. Ausserdem haben wir einige Bundesräte kennengelernt. Das war super!» Dass Meris sie für den Vorstand angefragt habe, sei eine Ehre. Im Kidswest habe sie viel gelernt, sagt Perchiacca, die ab Sommer im Generalsekretariat des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements arbeiten wird: «Ich kann problemlos auf Leute zugehen und vor grossem Publikum sprechen. Meris hat uns immer gefördert und ermutigt, unser Bestes zugeben. Ich habe Teamfähigkeit gelernt und Respekt vor allem, was auf der Welt ist.» Kidswest habe ihr Leben sehr stark beeinflusst: «Ich bin Meris sehr dankbar für die Lehren, die sie mir auf den Weg gegeben hat.»

Arabisch, Kurdisch, Tigrinya

Im Atelier von Kidswest wird derweil gearbeitet. Die Kinder haben sich auf zwei Räume verteilt: Die kleineren üben mit knallig angemalten Kartons Bewegungen für ein Film- und Theaterprojekt, das sie mit Unterstützung von Mitarbeiterin Denise Ackermann und dem syrischen Dramaturgen Rami Saleeby, der seit gut einem Jahr in der Schweiz lebt, einstudieren.

Die grösseren schreiben auf vorbereitete Blätter, was sie mögen, was sie sich wünschen oder was ihnen Angst macht. Diese Notizen brauchen sie in der Aktionswoche «Bern gegen Rassismus», an der sie Ende März mit einem «Kennenlernbuch» unterwegs sind. «Antigegenrassismus ist, wenn Schweizer sagen: ‹Schau, das sind Ausländer, die sind komisch›», klärt Muzamil auf und füllt mit sorgfältiger Schrift sein Blatt aus. Seine Familie kommt aus Somalia – praktisch alle Kinder im Raum haben Eltern, die nicht aus der Schweiz kommen. Gerade einmal ein Kind spricht Deutsch als Muttersprache, die anderen reden neben Schweizerdeutsch noch Albanisch, Arabisch, Kurdisch, Tigrinya, Türkisch oder Somali.

Seit über einem Jahr nehmen auch Kinder aus dem Durchgangszentrum Viktoria und der Asylunterkunft Renferhaus an Kidswest teil. Auch dafür gab ein Projekt den Ausschlag: Meris baute mit zwei Kollegen und Flüchtlingskindern mobile «Veloanhänger-Spielkisten», gemeinsam mit Kidswest-Kindern radelten sie an Schul-, Quartier- und andere Feste. Der Kontakt blieb. Einige Familien sind mittlerweile aus den Unterkünften in Wohnungen umgezogen, deshalb holen die Kidswest-Mitarbeitenden die Kinder jeden Mittwoch an ihren Wohnorten ab und bringen sie nach Bümpliz: «So kommen die Kinder überhaupt aus ihrem Alltag raus», sagt Meris. «Genau das ist der Sinn der Sache.»

Mehr Infos unter www.kidswest.ch und www.berngegenrassismus.ch.

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