Nr. 33/2012 vom 16.08.2012

Der «verdammte Baumeister»

Partisan, Pazifist, Atheist und Mystiker, Bürgermeister und Dissident: Kaum eine Künstlerbiografie spiegelt die widerspruchsvolle Geschichte Jugoslawiens so eindrucksvoll wie jene des Architekten Bogdan Bogdanovic (1922–2010).

Von Reinhard Seiss (Text und Foto)

Radikalen jedweder Herkunft ein Dorn im Auge: Bogdan Bogdanovics Denkmal für die Opfer des Faschismus in Mostar, Bosnien-Herzegowina.

Es war kein Zufall, dass der Bürgerkrieg in Mostar 1992 am Partisanenfriedhof am Rande der Stadt seinen Ausgang nahm. Kroatische Nationalisten zündeten dort, wo gefallene WiderstandskämpferInnen des Zweiten Weltkriegs und ermordete ZivilistInnen aller herzegowinischen Volksgruppen nebeneinander bestattet sind, die erste von unzähligen Bomben.

Die Detonation war bis ins Zentrum zu hören – und ihre Symbolik für alle verständlich: Die Zerstörung jenes Orts, den der Architekt Bogdan Bogdanovic Anfang der sechziger Jahre gestaltet hatte, um den Mostarer Opfern des Faschismus – orthodoxe Serbinnen und katholische Kroaten, muslimische Bosniakinnen und Juden – eine würdige Ruhestätte zu geben, war der Auftakt dazu, das Miteinander der verschiedenen Nationalitäten auch in der Stadt auszulöschen. Es sollte nicht bei der Zerstörung der Partisanennekropole bleiben: Die Verwüstung der historischen Altstadt von Mostar gipfelte Ende 1993 in der Sprengung der 500 Jahre alten osmanischen Brücke über die Neretva, eines Symbols der Verbindung zwischen Osten und Westen, zwischen Islam und Christentum.

Schon Monate zuvor prangerte Bogdanovic die Vernichtung von Städten an: Urbane Zentren galten ihm als Kristallisationsorte der zivilisatorischen Entwicklung, als Gedächtnis jeder Kultur. Insofern zielte ihre systematische Zerstörung weniger auf kriegsstrategische Zwecke ab als auf die Tilgung der steinernen Zeugnisse einer gemeinsamen multiethnischen Geschichte. «Die zivilisierte Welt wird früher oder später mit gleichgültigem Achselzucken über unser gegenseitiges Abschlachten hinweggehen. Aber das Zerstören der Städte wird sie uns niemals vergessen», schrieb er im Buch «Die Stadt und der Tod» (1993). «Das Entsetzen des westlichen Menschen ist begreiflich. Schon seit Hunderten von Jahren trennt er die Begriffe ‹Stadt› und ‹Zivilisation› nicht einmal mehr etymologisch. Die sinnlose Zerstörung der Städte kann er nur als einen manifesten, gewalttätigen Widerstand gegen die höchsten Werte der Zivilisation begreifen.»

Neue Kultur des Gedenkens

So wie Mostar nicht die einzige Stadt war, die während der Jugoslawienkriege ganz bewusst verwüstet wurde, war auch der Partisanenfriedhof nicht die einzige von Bogdanovics Gedenkstätten, die in den neunziger Jahren Ziel von Revanchismus und blinder Zerstörungswut wurde. Seine über zwanzig Memorialbauten, die er zwischen 1952 und 1981 in ganz Jugoslawien für die Opfer des Zweiten Weltkriegs errichtet hatte, waren ebenso aus Stein gebaute Erinnerung, die den Radikalen jedweder Herkunft ein Dorn im Auge zu sein schien – obwohl oder vielleicht sogar weil der Architekt eine vollkommen neue Kultur des Gedenkens entwickelt hatte: Bogdanovic, von Jugend an dem Surrealismus verbunden, suchte für seine Denkmäler nach einer Symbolik ganz ohne Pathos und Dramatik, die weder erschüttert noch belehrt, mahnt oder verurteilt, keine Täter anklagt und keine Opfer idealisiert.

Die Inspiration dafür fand Bogdanovic in den Archetypen, auf die er bei seinen geistigen Reisen in ferne Zeiten und Welten, in zeichnerischen Meditationen und in Träumen stiess – in jenen Urbildern der menschlichen Vorstellung also, die im kollektiven Unbewussten nahezu aller Kulturen mit elementaren menschlichen Erfahrungen verknüpft sind. Diese universell verständlichen Zeichen verhalfen seinen Gedenkstätten zu zeitloser und mehrdeutiger Aussagekraft.

All das manifestiert sich bereits in seinem ersten Projekt, mit dem Bogdanovic 1951 erst 29-jährig einen Wettbewerb der jüdischen Gemeinde Belgrads zur Errichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust auf dem sephardischen Friedhof gewann. Der überzeugte Kommunist und Atheist musste sich dafür mit der mosaischen Mystik beschäftigen – je tiefer er in die Symbolik des Judaismus eintauchte, umso grösser wurde seine Faszination für die transzendentale Dimension des Memorialbaus. So entwarf er 1951 ein «Tor am Ende des Weges» in Form zweier grosser steinerner Flügel, auf die eine Achse zuläuft. Dabei schöpfte er auch aus dem Zeichen- und Formenschatz anderer Kulturen. Das Tor weckt Assoziationen zu vorantiken Tempelbauten; im Profil wiederum zeigen die beiden Flügel die Proportionen griechischer Säulen und symbolisieren einen männlichen und einen weiblichen Körper.

Von konkreten Aussagen hielt sich der junge Architekt auf dem sephardischen Friedhof wie bei all seinen Denkmälern zurück. Für ein Volk, von dem viele ihren Lebensweg nicht zu Ende gehen konnten, war die Allegorie von einem Tor am Ende des Weges ausreichend verständlich. Für andere hingegen stellten der breite Interpretationsspielraum sowie das Fehlen von Hammer und Sichel eine Provokation dar: Es war das erste Denkmal in Jugoslawien, das nicht dem Geist des sozialistischen Realismus entsprach.

Zielscheibe nationaler Konflikte

Für Bogdanovic war es der Beginn seiner lebenslangen metaphysischen Auseinandersetzung mit Architektur, die all seine Gedenkstätten bestimmen sollte. Bei der Planung und Realisierung von Zweckbauten im engen Korsett der sozialistischen Bauwirtschaft hätte der Surrealist niemals jene Freiräume gehabt, die er sich im Memorialbau erschliessen konnte, zeichnerisch ins Grenzenlose ausdehnte und literarisch mit Inhalten füllte.

Nach einem Gedenkfriedhof für im Zweiten Weltkrieg zu Tausenden erschossene ZivilistInnen im vojvodinischen Sremska Mitrovica sowie einer symbolischen Grabanlage für gefallene WiderstandskämpferInnen im mazedonischen Prilep folgte 1959 der Auftrag der Stadt Mostar. Bogdanovic, inzwischen kein Unbekannter mehr, liess für die grösste seiner Gedenkstätten beinahe einen halben Hügel abtragen, um auf dem künstlich terrassierten Terrain eine Nekropole von der Dimension einer antiken Akropolis zu errichten. Wie die meisten seiner Gedenkstätten erschliesst sich die Anlage erst beim Durchschreiten. Metaphern wie eine Achse, eine Gasse, Treppen, eine Mauer oder ein Tor zeugen auch hier von seinem urbanistischen Zugang.

Zur Freude des Architekten nahmen und nehmen die BürgerInnen seine Gedenkstätten nicht nur als Orte der Erinnerung, sondern vor allem als öffentliche Räume in Besitz: als Spielplatz für Kinder, Treffpunkt für Jugendliche, für Picknicks oder zum Flanieren. Die Anlage in Mostar erwies sich gar als geeigneter Raum für Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen.

Zeitgleich mit dem Projekt in der Herzegowina entstand Bogdanovics berühmtestes Denkmal, das ihn international bekannt machte – und zwar im kroatischen Jasenovac, wo das faschistische Ustascha-Regime von 1941 bis 1945 das grösste von mehr als 25 Konzentrationslagern auf dem Gebiet des kroatischen Marionettenstaats von Hitlers Gnaden betrieben hatte. Geschätzte 50 000 SerbInnen, 32 000 Juden und Jüdinnen, über 10 000 Roma und etwa 8000 oppositionelle KroatInnen kamen im Vernichtungslager ums Leben.

Erst Ende der fünfziger Jahre rang sich die politische Führung Jugoslawiens dazu durch, in Jasenovac ein Denkmal zu errichten, und gestand damit ein, dass im «Auschwitz des Balkans» eigene Landsleute ihr Brudervolk abgeschlachtet hatten. Auf serbischer Seite gab es zahlreiche Ideen für ein Monument: von Türmen aus reproduzierten Schädeln und Knochen bis zu Fontänen, die eine blutrote Flüssigkeit ausspeien. Letztlich aber entschied sich Staatspräsident Tito höchstselbst für den Entwurf von Bogdanovic – ein poetisches Denkmal in Form einer 24 Meter hohen «Blume der verheissenen Hoffnung».

Gleichwohl wurden der Architekt und sein Projekt damit zu Reizfiguren für nationalistische EiferInnen, ja zur Zielscheibe innerjugoslawischer Konflikte. In Zagreb gab es schon während der Bauarbeiten Mitte der sechziger Jahre öffentliche Aufrufe zur Zerstörung des «serbischen Denkmals auf kroatischer Erde». Die Gemüter beruhigten sich erst, als klar wurde, dass der Memorialbau in keiner Weise revanchistisch war. Nun mehrten sich jedoch Proteste aus Belgrad, wo man Bogdanovic vorwarf, das Verbrechen zu vertuschen und den Kroaten eigenmächtig zu verzeihen.

Im Kroatienkrieg Anfang der neunziger Jahre wurde das Symbol für Liebe und Vergebung tatsächlich von serbischen Einheiten beschossen – von Nachkommen jener Opfer, denen die Gedenkstätte gewidmet war. Dies verdeutlicht die Irrationalität von Krieg und Zerstörung noch einmal auf besondere Weise. Nach Kriegsende wiederum versuchten kroatische Politiker, das Monument als Pantheon aller im Zweiten Weltkrieg getöteten KroatInnen neu zu interpretieren – also auch als Gedenkstätte für die Schlächter des Ustascha-Regimes.

Stets aufs Neue saniert

Erst in Bogdanovics letzten Jahren begann sich das politische Klima in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens halbwegs zu normalisieren – und damit auch der offizielle Umgang mit einem der bedeutendsten Künstler des einst gemeinsamen Landes. Im Gegensatz zu den politischen Machthabern, die «den verdammten Baumeister», wie er sich in seiner Autobiografie von 1997 nannte, am Höhepunkt der Eskalationen zwangen, aus seiner Heimat zu fliehen, stand die breite Bevölkerung ihm und seinen Denkmälern mit ungebrochener Wertschätzung gegenüber.

Die meisten im Krieg beschädigten Memorialbauten wurden erneuert und die unversehrten Gedenkstätten während all der Jahre sorgsam gepflegt – so auch in Mostar, wo eine Kriegsveteranenorganisation die wiederhergestellte Nekropole nach gelegentlich wiederkehrenden Vandalenakten stets aufs Neue saniert. Denn nicht zuletzt handelt es sich um das Werk eines Ehrenbürgers von Mostar, zu dem die StadtbürgerInnen ihn 1965 ernannt hatten.

Reinhard Seiss (42), Stadtplaner, Filmemacher 
und Publizist in Wien, gestaltete 2008 
einen Dokumentarfilm über Bogdan Bogdanovic. 
www.verlag-anton-pustet.at

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