Durch den Monat mit Köbi Gantenbein (Teil 3) : Hat die Volksmusik sich die Musik der Jenischen angeeignet?

Nr.  42 –

Als Köbi Gantenbein jung war, musste die Musik schon mindestens aus Italien kommen. Heute liebt er das Liedgut aus Graubünden, wie es etwa Ils Fränzlis da Tschlin spielen, und schreibt für seine Band Suiten.

Köbi Gantenbein spielt auf der Klarinette
Köbi Gantenbein: «Der Gedanke, dass Musik jemandem gehört, ist richtig, aber recht neu. Früher war es normal, dass man ohne Federlesen nachspielte, was man gehört hat.»

WOZ: Köbi Gantenbein, Musik ist Ihnen offensichtlich wichtig.

Köbi Gantenbein: Ja. Ich hatte das Privileg, dass ich früh Klavierunterricht nehmen durfte, beim Fräulein Mettier. Öffentliche Musikschulen, diese grosse Errungenschaft, gab es seinerzeit in Graubünden noch nicht. Später lernte ich Querflöte und war schon bald stolzer zweiter Flötist des Prättigauer Talorchesters.

Dann zogen Sie in jungen Jahren nach Zürich.

Ja, und da habe ich am 1. Mai die Dorfmusig Züri gesehen, eine bunte, heitere Truppe. Sie lief am 1. Mai vor der Gewerkschaft Bau und Holz, durchs Jahr machte sie für viele Feste der SP, der Poch und der Gewerkschaften Tanzmusik. Da dachte ich, das will ich auch. Ich wechselte auf Klarinette, weil ein Freund auch schon Flöte spielte. Die Dorfmusig wurde eine grosse Kapelle, 25 Leute, wir sind mit dem Postauto herumgetingelt, waren zum Beispiel die Wahlkampfmusik, als Moritz Leuenberger für den Regierungsrat kandidierte. Meine heutige Kapelle, die Bandella delle Millelire, ist aus den Ruinen der Dorfmusig entstanden. Früher spielten wir mühelos von neun Uhr abends bis um zwei am Morgen, heute sind wir um Mitternacht schon rechtschaffen müde … Das ganze proletarische Liedgut können wir auswendig bis zum Umfallen, auch italienische Musik und Klezmer, und vor etwa zehn Jahren haben wir angefangen, Suiten zu spielen.

Suiten?

Ich schreibe das Libretto und lese es vor, singe zum Teil auch und suche passende Stückli aus unserem Repertoire. Eine Suite heisst «Das seltsame Leben des Johann Wilhelm Fortunat Coaz». Er war der erste Oberförster der Schweiz, Mitgründer des Nationalparks, Erstbesteiger von 21 Gipfeln, Autor des Waldgesetzes – eine Gründerfigur des 19. Jahrhunderts. Dann haben wir eine Klimasuite, «Doch davon geht die Welt nicht unter», die habe ich letztes Jahr geschrieben, als ich mit dem Projekt «Klimaspuren» von Ilanz nach Genf wanderte.

Komponieren Sie auch?

Nein. Wir sind eine Coverband.

Sie haben mir letzte Woche das Album «Invenziuns» von Curdin und Domenic Janett empfohlen. Warum gerade dieses?

Mir gefällt, wie die zwei Brüder mit Handorgel und Klarinette Musik machen. Ihre Melancholie, gemischt mit Heiterkeit und Leichtigkeit, berührt mich, diese Stimmung entspricht mir. Ich steige jedes Jahr einmal aufs Chrüz, einen Berg im Prättigau, immer im Dezember, dann ist schönes Licht. Beim Ried von Capelgin steht eine Tanne, wo am Nachmittag um vier die Sonne hinscheint. Dort höre ich den «Valser nel Bosco», gespielt von den beiden Janett. Mit ihnen trage ich auch Suiten vor.

Die beiden gehören zu Ils Fränzlis da Tschlin, deren Name sich auf den jenischen Musiker Fränzli Waser bezieht. Die jenische Autorin Isabella Huser hat den Umgang mit den Jenischen in der Schweizer Volksmusik kürzlich eine «sehr schweizerische Art der kulturellen Aneignung» genannt. Wie sehen Sie das?

Das stand in einem klugen Zeitungsartikel von Stefan Künzli – aus dem ich etliches gelernt habe. Es ist unbestritten, dass Jenische in der Musik von Graubünden eine tragende Rolle gespielt haben. Beat Kollegger, ein Nachfahre des bekannten jenischen Musikers Paul Kollegger, ist mein Instrumentenhändler und -flicker. Es ist grauenhaft, wie die Jenischen in Graubünden noch zu meiner Bubenzeit vom Staat und auch von den Leuten geplagt wurden. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass Musiker wie die Kolleggers oder Majoleths weitherum anerkannt wurden, weil sie virtuose Musikanten waren.

War die Musik demzufolge ein Weg aus der Stigmatisierung?

Das kann ich zu wenig beurteilen. Ich finde es nötig, dass die Geschichte der jenischen Musiker erforscht wird. Wichtig scheint mir, dass man die heutige Idee des Urheberrechts nicht gradaus auf frühere Zeiten überträgt. Der Gedanke, dass Musik jemandem gehört, ist richtig, aber recht neu. Früher war es normal, dass man ohne Federlesen nachspielte, was man gehört hat; auch Musikanten wie Fränzli Waser haben von ihren Reisen neue Musik nach Graubünden gebracht, die sie anderen nachgespielt haben.

Heute denken die einen bei «Volksmusik» an «Musikantenstadl», andere an Gruppen wie die Fränzlis. Sind das zwei getrennte Welten?

Als ich jung war, kam es nicht infrage, Volksmusik zu hören, geschweige denn zu spielen. Denn bis in die achtziger Jahre war sie politisch kontaminiert. Da hattest du Figuren wie Wysel Gyr – es war die Musik von rechtsaussen. Mit der Geistigen Landesverteidigung war sie petrifiziert, vereinnahmt worden, erst in den neunziger Jahren änderte sich das wieder. Musiker wie die Fränzlis, der Dirigent und Oboist Heinz Holliger oder der Klarinettist Elmar Schmid haben unsereins, die von der nationalistischen Vereinnahmung traumatisiert waren, diese Welt eröffnet. Heute spielen wir mit der Bandella auch Neue Schweizer Volksmusik. Früher musste sie schon mindestens aus Italien kommen.

Köbi Gantenbein (66) hat 1988 «Hochparterre» mitgegründet, war viele Jahre dessen Chefredaktor und Verleger und hat sich letzten Sommer pensioniert. Etwa einmal im Jahr geht er an eine grosse Alpenschlagerparty – wenn DJ Hitsch, ein Freund aus dem Prättigau, auflegt.