Nr. 35/2012 vom 30.08.2012

Rede zum 30. August

Ruedi Widmer ruft den Tag des nationalen Notstands aus

Europa schlittert vor unseren Augen ins Chaos. Unsere Gewöhnung an ein nur gut sechzig Jahre währendes, friedliches und prosperierendes Leben ist noch zu stark, um uns die kommenden Jahre auszumalen. Noch vor fünf Jahren für unmöglich gehaltene Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit sind an der Tagesordnung. Und mitten in diesem Europa stehen gut 200 Atomreaktoren, mehrheitlich am Ende ihrer Lebensdauer.

Die Staatskassen sind leer, die Versprechungen der Stromkonzerne unverbindlich bis gelogen. Die ManagerInnen ziehen noch das Geld aus dem Betrieb der AKWs und setzen sich dann nach Südamerika ab. Das wäre ja alles überlebbar, der Mensch ist erfinderisch und hat schon viele Krisen überlebt. Aber die radioaktive Strahlung ist in der Welt. Wer garantiert, dass die Reaktoren je zurückgebaut werden? Sind die Rückstellungen dafür überhaupt noch vorhanden, oder waren sie je vorhanden? Der süsse Traum vom billigen Atomstrom ist ausgeträumt, nur noch unmittelbare Profiteure glauben daran. Der Umgang mit dem radioaktiven Müll ist die grösste Herausforderung, vor der die Menschheit je gestanden hat, und er wird ihr sehr wahrscheinlich das Genick brechen.

Dabei hatte alles gut begonnen. Das Bürgertum und die Sozialdemokratie waren sich in den fünfziger und sechziger Jahren einig: Der Aufbau einer demokratischen Wohlstandsgesellschaft nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs braucht die friedliche Nutzung der Atomkraft. Der Unfall im Testreaktor Lucens 1969, der die Träume von einer eigenen Schweizer Atomindustrie zunichtemachte, war nicht gross ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Der Autor war in seiner Jugend, gar noch nach Tschernobyl, tendenziell ein AKW-Befürworter. Seine Bubenträume von interstellaren Raumschiffen setzten die Nutzung der Atomenergie voraus. Er hielt die westliche Zivilisation für genug stark, um mit dieser Herausforderung verantwortungsvoll umzugehen. Dann kam die schicksalhafte neoliberale Privatisierung der Stromversorgung.

Die AKWs wurden (trotz staatlicher Aktienmehrheit) in die Hände gewinnorientierter Konzerne gelegt. Verantwortlich dafür waren neben den Bürgerlichen auch Teile der SP, mittlerweile durch Alt-AchtundsechzigerInnen geführt, die Tony Blairs neoliberalen Weg guthiessen. Es war schon Irrsinn genug, AKWs für nur vierzig Jahre Betrieb zu bauen. Doch 1970 war 2010 weiter weg als die bemannte Reise zum Mars. Den totalen Irrsinn erleben wir heute, wo den alten Schweizer AKWs von gewinngeilen Strombaronen und mit dem Schwanz wedelnden PolitikerInnen mit Botox die Falten aus dem Reaktormantel gespritzt werden.

Falls es in der Schweiz je einen Unfall geben sollte, gäbe es zwei Schuldzuweisungen: Die AtomkraftgegnerInnen geben der Atomlobby die Schuld. Die Atomlobby den AtomkraftgegnerInnen, die die Ablösung der alten Werke durch neue, eventuell sicherere, verhindert haben. Ich bin mir dieser Verantwortung bewusst. Auch der Tatsache, die Atomkraft unsexy gemacht zu haben, sodass kaum mehr fachkundiger Nachwuchs existiert und die Anlagen durch immer älteres Personal und gar Pensionierte betrieben werden.

Angesichts der genannten Gründe ist es nötig, den Ausstieg sofort, bei noch vorhandenen Finanzen, vorzunehmen, auch wenn die CO2-Verordnungen nicht mehr einzuhalten sind. Dabei muss der Landschaftsschutz (Wasserkraft, Windkraftwerke, Solarfarmen) und der Ortsbildschutz (Sonnenkollektoren) Federn lassen. Hier müssen Heimatschutz, Denkmalschutz, die Umweltverbände und die Grünen im Namen unserer Kinder endlich massive Konzessionen machen.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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