Nr. 35/2012 vom 30.08.2012

«Politische Interventionen sind unerlässlich»

Marianne Huguenin, Stadtpräsidentin von Renens, setzte sich für die Rettung der Druckerei Imprimeries Réunies Lausanne (IRL) ein. Das Interview wurde vor der Bekanntgabe, dass die Hälfte der Arbeitsplätze dank eines Management-Buy-outs erhalten bleibt, geführt.

Interview: Helen Brügger

WOZ: Frau Huguenin, Swissprinters, das grösste Druckunternehmen der Schweiz, will die IRL schliessen und alle Aktivitäten auf Zofingen konzentrieren. Die Konsultationsfrist läuft noch bis Ende August. Warum wäre eine Schliessung der Imprimeries Réunies Lausanne schlimm?

Marianne Huguenin: Es handelt sich um 126 Menschen, die arbeitslos werden in einer Stadt und einer Region, die in den letzten Jahren zahlreiche Betriebsschliessungen erlebt hat. Dazu kommt, dass wir im Industriegürtel von Lausanne bereits eine höhere Arbeitslosenrate haben als im kantonalen Durchschnitt.

Die Schliessung der Druckerei brächte für die Gemeinde auch den Verlust eines wichtigen Steuerzahlers. Ebenso gravierend wäre der Verlust von Kompetenzen, von Wissen und Kenntnissen. Die IRL sind die letzte Rollenoffsetdruckerei in der ganzen Westschweiz, so etwas kann man nicht einfach opfern, wenn man auch nur ein bisschen politischen und gesellschaftlichen Weitblick hat! Ich glaube übrigens, dass sich die Direktion von Swissprinters Illusionen macht, wenn sie denkt, das ganze Geschäft in Zofingen zentralisieren zu können. Ich zweifle daran, dass sie die kleine Kundschaft aus der Westschweiz gewinnen kann.

Die Regierung der Stadt Renens hat sehr scharf auf die Ankündigung der Entlassungen reagiert, sie zeigte sich «konsterniert».

Das waren wir auch. Denn wir hatten schon vor der offiziellen Ankündigung Kontakte mit der lokalen Swissprinters-Direktion und auch mit einem offiziellen Vertreter des Verwaltungsrats. Wir waren daran, gemeinsam mit der lokalen Direktion Alternativen zur Schliessung zu entwickeln. Namentlich die Alternative eines Kaufs durch die Kader, ein sogenanntes «Management Buy-out», das die Hälfte der Arbeitsplätze retten könnte, scheint uns eine akzeptable Lösung. Damit könnte rund die Hälfte der Arbeitsplätze gerettet und ein Weiterbestehen der Druckerei gesichert werden.

Die Direktion von Swissprinters lehnt das bis anhin ab. Wissen Sie weshalb? 

Das müssen Sie schon die Direktion selbst fragen … Ich denke, dass im Vorfeld des Entscheids die Beziehungen zwischen den lokalen Kadern und der Direktion gespannt waren. Möglich ist auch, dass ein gewisses Konkurrenzdenken mitspielt. Aber die Option bleibt offen, wir arbeiten daran. Sowohl der Kanton als auch wir glauben fest daran, dass es klappt. Es braucht dafür eine faire Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmen in Renens und der Direktion von Swissprinters. Wir sind daran, die Bedingungen für eine solche zu schaffen.

Wie können Sie da als Stadtpräsidentin konkret eingreifen? 

Nicht nur die Gemeinde, auch der Kanton engagiert sich stark für eine Lösung. Als «rote» Bürgermeisterin arbeite ich ohne Probleme mit dem freisinnigen Staatsrat Philippe Leuba zusammen, und auch auf Parteienebene zeichnet sich ein Bündnis von links bis rechts ab. Konkret: Kanton und Gemeinde sind bereit, Garantien für Bankkredite zu leisten, wenn die Kader die Druckerei übernehmen wollen. Die Stadt Renens, Hauptaktionärin einer Immobiliengesellschaft, prüft auch, ob diese Gesellschaft nicht Grundstück und Gebäude übernehmen könnte, um die Rahmenbedingungen für die Druckerei zu verbessern. Aber diese Angebote gelten nur, wenn die Druckerei wirklich bestehen bleibt.

Was halten Sie davon, dass Swissprinters die Gewerkschaft von den Verhandlungen ausschliesst und nur mit der Personalkommission redet, obwohl die Belegschaft Syndicom mandatiert hat, um ihre Interessen zu vertreten?

Ich habe Mühe, das zu verstehen. Wir haben Swissprinters empfohlen, Syndicom als Sozialpartner zu akzeptieren. Wir haben der Direktion auch klar gesagt, dass das bei uns zu den üblichen Sitten und Gebräuchen gehört, selbst wenn es in der deutschen Schweiz anders sein sollte. Diesen Röstigraben spürt man übrigens auch ab und zu in der Politik und im Unternehmen selbst.

Besteht in der Romandie das Risiko einer Deindustrialisierung?

Dieses Risiko besteht in ganz Europa. Umso mehr scheint es mir legitim, dass sich die Behörden einschalten und eine aktive Rolle spielen. Man muss sehen, dass wir mit dem Vorschlag einer Bankengarantie für die Kader und mit dem Vorschlag einer Übernahme des Geländes sehr weit gehen. Das sind zwei starke politische Interventionen, und wir haben sie in dieser Notfallsituation sehr schnell vorgeschlagen.

Aber kann die Politik wirtschaftliche Weichen anders stellen?

Ich glaube, dass die Menschen es nicht verstehen würden, wenn wir es nicht wenigstens versuchten, selbst in einem liberalen System, wo der freie Markt herrscht. Ich erinnere mich an die Uhrenkrise in den siebziger Jahren. Dort zeigten sich die politischen Institutionen zu Beginn auch völlig machtlos. Doch dann haben sie eingegriffen und die Uhrenindustrie im Kanton Neuenburg gerettet. Es gibt viele andere Beispiele, das jüngste ist Novartis in Nyon.

Wenn die Behörden eingreifen und der politische Druck gross genug ist, bleibt das nicht ohne Folgen für das Image des Betriebs. Das Kräfteverhältnis kann zugunsten der Arbeitnehmenden verändert werden, denn kaum ein Unternehmen kann sich leisten, seinen guten Ruf in der Öffentlichkeit und damit auch seine Kunden zu verlieren.

Braucht es auch bessere gesetzliche Handhaben?

Ja, sicher. Im Kanton Waadt gibt es ein Gesetz, das Unternehmen verpflichtet, kollektive Entlassungen anzumelden. Aber es ist schwierig zu überprüfen, ob die Entlassungen berechtigt sind. Wir brauchen mehr Transparenz und die Möglichkeit, Einblick in die Bücher zu erhalten. Wenn eine Behörde sich schon für die Rettung eines Betriebs einsetzt, sollte sie auch wissen, ob die wirtschaftliche Situation des Betriebs tatsächlich so schlecht ist, dass eine kollektive Entlassung gerechtfertigt ist. Wir brauchen Gesetze, die eine stärkere Kontrolle der Unternehmen erlauben. Dazu sind politische Interventionen auf allen Ebenen unerlässlich.

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