Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Russische Schatten im Land mit sieben Siegeln

Michail Schischkin unternimmt in einem neu aufgelegten Text eine Wanderung von Montreux nach Meiringen. Dabei begegnet er illustren Gestalten und blickt durch die «russische Brille» scharf auf das Land.

Von Thomas Bürgisser

«Es ist ein frischer Morgen, das Tal randvoll mit Sonnenlicht überflutet, auf den Bergspitzen funkelnder Schnee, im Kopf spriessende Ideen, im Notebook über Jahre hinweg gesammelte und abgespeicherte Zitate, vor mir ein Weg, der wartet – was will man noch mehr?»

Beherzt bricht Michail Schischkin zu einer weiteren Etappe seiner «literarischen Wanderung» auf, die ihn 2001 während sieben Tagen von Montreux nach Meiringen führte. Auf 400 Seiten geleitet der russische Schriftsteller, der seit 1995 in der Schweiz lebt, seine LeserInnen vom Lac Léman über den Col de Jaman in die Täler von Sarine und Simme, mit dem Schiff über den Thunersee auf das Bödeli, der Lütschine entlang an den Staubbachfall. Von dort gehts über die Kleine und Grosse Scheidegg ins Haslital.

Das Buch, das nun im Rotpunktverlag erscheint, wurde bereits 2002 unter dem Titel «Montreux–Missolunghi–Astapowo» vom Limmat-Verlag herausgegeben. Der Text entstand unter Mitarbeit von Schischkins Frau, der Slawistin Franziska Stöcklin.

Ein magisches Band

Wie der Titel der Neuauflage verrät, ist Michail Schischkins Wanderung eine Spurensuche. Er folgt den Fährten des britischen Dichters Lord Byron (1788–1824), Genius der Romantik, umjubelter Dandy und tragischer Held, sowie Leo Tolstois (1828–1910), des grossen russischen Romanciers, Moralisten und Zweiflers. Beide wanderten sie, Byron 1816 und Tolstoi 1857, auf demselben Weg wie Michail Schischkin vom Genfersee ins Berner Oberland. Beide waren sie damals 28 Jahre alt und in ihrer Seelenwelt zerrüttet. Sie standen an einem Wendepunkt in ihrem Leben, kehrten der Gesellschaft, die sie verachteten, den Rücken und suchten als «promeneurs solitaires» die Stille der Alpenwelt. Zahlreiche Zitate aus den Reisetagebüchern der beiden säumen als roter Faden Schischkins Wanderweg und inspirieren seine Gedanken.

Auch Byrons und Tolstois Pfade waren literarisch vorgespurt. Mit der Wanderung, die sie für ihre Suche nach Kontemplation auswählten, erwiesen beide dem Kultroman «Julie ou La Nouvelle Héloïse» die Reverenz. Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) pries darin die Erhabenheit und unberührte Natur der Schweizer Bergwelt. Durch ihre Routen und Texte verbindet Rousseau, Byron und Tolstoi deshalb ein magisches Band. So wie sich die Titelhelden auf wundersame Weise begegnen, ohne zur selben Zeit gelebt zu haben, kreuzen sich an den Stationen von Schischkins Wanderung immer wieder die Lebenswege europäischer Dichter und Denker, die über dieselben Steine gestiegen waren und dieselben Gipfel bestaunt hatten. Besonderes Gewicht legt Schischkin auf seine Landsleute, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Heerscharen als Kurgäste, Touristinnen und Exilanten in die Schweiz kamen: Nikolai Karamsin und Alexander Herzen, Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew, Wladimir Nabokow, Wassili Rosanow, Wladimir Iljitsch Lenin und viele mehr sinnierten in ihren Aufzeichnungen über Land und Leute. «Die Schweiz ist voll von russischen Schatten», schreibt Schischkin.

Klischees und Ungewohntes

Immer wieder lässt er die Stimmen dieser Schatten zu Wort kommen, und durch die Rezitation und Reflexion ihrer Texte erschliesst er die Räume, die ihn umgeben. Brillant legt Schischkin so ein Netz aus literarischen und kulturhistorischen Verflechtungen über die schweizerischen Topografien, ein Verfahren, das er in «Die russische Schweiz», seinem «literarisch-historischen Reiseführer» (2003 im Limmat-Verlag erschienen) ebenfalls aufnahm und ausbaute. Damit dokumentiert er nicht nur das reiche, heute kaum bekannte Feld russisch-schweizerischen Kulturaustauschs. Neben platten Klischees über helvetische Gemeinplätze birgt die Optik russischer Intellektueller auch viele ungewohnte und überraschende Einblicke in die Schweiz. Auch Schischkin selbst schreibt sich in diese Tradition ein. Sein durch die «russische Brille» geschärfter Blick verfremdet Alltägliches und Selbstverständliches und lässt es in neuem Licht erscheinen.

Tell, Napoleon, Macht und Mafia

Mit einem klassischen Wanderbuch hat Schischkins Werk wenig gemein. Anstatt Marschdauer und Preislisten der Gaststätten aufzuschlüsseln, lässt der begnadete Erzähler seinen Geist durch die frische Bergluft schweifen, philosophiert – mal anekdotisch, mal tiefschürfend – über Dürrenmatt und Frisch, Tell und Napoleon, über Armee und Strafvollzug, Schule und Umwelt, Sexualität und Körperlichkeit, über die «russische Seele», den Umgang mit Geschichte, das Verhältnis von Individuum und Staat, über Macht, Mafia, Krieg und Politik, über das Böse, die Liebe und den Tod.

Und immer wieder thematisiert Schischkin die Sprache, das Schreiben, die Literatur. Der 1961 in Moskau geborene Schriftsteller packt auch viel Autobiografisches in seine Erzählungen. Zu diesem Leben gehört der ständige Vergleich zwischen Herkunftsland und Wahlheimat, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mit seinem – auch kritischen – Urteil schmeichelt der Russe der LeserInnenschaft bestimmt: «Die Schweiz ist ein Land mit sieben Siegeln», schreibt Schischkin, «genau wie Russland auch.»

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