Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Wenn Sportler reden lernen

Etrit Hasler möchte Chris Kluwe gern einen Orden verleihen.

Von Etrit Hasler

Es ist leider selten genug, dass SportlerInnen etwas sagen, dem man zuhören möchte. Aber dass ein Sportler etwas sagt, bei dem man freudig zustimmend in die Hände klatscht, das gibt es wohl nur alle paar Jahrzehnte. 2012 jedenfalls war dieser wunderbare Einzelfall Chris Kluwe, der Punter der Minnesota Vikings.

Falls Sie nichts von American Football verstehen und keine Ahnung haben, was ein Punter ist: Es handelt sich dabei um eine der unterbewertetsten Positionen, deren Job einzig darin besteht, so an die zwanzigmal pro Spiel den Ball so weit wie möglich übers Feld zu treten. Er hat kaum Körperkontakt mit anderen Spielern und ist in der Mannschaftshackordnung irgendwo zwischen dem Wasserträger und den Masseuren anzusiedeln. Im Fall von Chris Kluwe scheint das allerdings auch ein Segen zu sein, denn die Tatsache, dass er kaum Schläge auf den Kopf bekommt, hat dazu geführt, dass er sich seinen messerscharfen Intellekt hat bewahren können.

Kluwe ist insbesondere dafür bekannt, dass er beissende, höchst amüsante Kommentare über Twitter und in Onlinemagazinen von sich gibt, etwa zur Qualität der Schiedsrichter («Alle 35 Schiedsrichter kommen zusammen in der Mitte des Feldes, um die Qualität von Kafkas ‹Verwandlung› zu diskutieren und die Querbezüge zur Binnenwirtschaft von Bangladesch»). Und ab und zu, man glaubt es kaum, äussert sich Kluwe, bekennender «World of Warcraft»-Spieler und Bassist in einer Punkband, sogar zu Politik.

Auslöser für Kluwes letzten Erguss war ein Brief von Emmett C. Burns, der im Internet gelandet ist. Der schwarze demokratische Abgeordnete im Staatsparlament von Maryland – ein Parteikollege von US-Präsident Barack Obama – bittet darin den Besitzer der Baltimore Ravens, eines Footballteams aus Maryland, seinen Spielern zu verbieten, sich zu politisch brisanten Themen wie der Homoehe zu äussern. In den USA, in denen die Redefreiheit als höchstes Gut gilt, eine doch eher ungewöhnliche Bitte.

Darauf hatte Kluwe, der sich selber auch schon zur Homoehe geäussert hatte, anscheinend nur gewartet. Unter dem Titel «Sie werden Sie nicht magisch in ein lüsternes Schwanzmonster verwandeln» lieferte Kluwe eine bitterböse öffentliche Abrechnung mit Homophobie und Verlogenheit ab, die auf deadspin.com oder in übersetzter Form im Anschluss an diesen Text nachzulesen ist. Abgesehen davon, dass er dem gewählten Volksvertreter Dummheit in allen möglichen Formen unterstellte («Vielleicht stellen Sie besser einen Praktikanten an, der Ihnen mit den längeren Wörtern hilft»), schafft er es in dem Brief, ein paar der klarsten Gedanken zu formulieren, die man je von einem Sportler – und dazu noch von einem Footballspieler – gehört hat.

Kluwe erinnerte den Afroamerikaner Burns, der selber in Kommissionen zur Aufarbeitung der Sklaverei tätig ist, daran, dass bis 1962 in der US-amerikanischen Footballliga NFL noch Rassentrennung herrschte und dass es insbesondere das Engagement einiger Spieler und Trainer war, das daran etwas änderte; dann ging er dazu über, zu erklären, dass sich nichts an Burns’ Leben ändern wird, wenn Schwule und Lesben heiraten dürfen: «Wenn die Homoehe legal wird, haben Sie Angst davor, dass Sie plötzlich beginnen, an Penisse zu denken? ‹Oh Scheisse. Homoehen sind plötzlich legal. Ich habe plötzlich so ein Verlangen nach Schwengeln!›?» Und schickte noch hinterher: «Wissen Sie, was aus den Homosexuellen wird, wenn sie [die gleichen] Rechte haben? Echte amerikanische Staatsbürgerinnen und -bürger wie alle anderen auch, mit der Freiheit, ihr Glück zu suchen mit allem, was dazugehört.» Wow. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

Ausser vielleicht: Gäbe es einen Spieler von solchem Format in der Schweizer Fussballnati, bräuchten wir den Prix Courage nicht drei Balkanjugendlichen zu verleihen, um uns als Nation ein bisschen toleranter zu fühlen.

Chris Kluwe ist Punter, Bassist und «World of Warcraft»-Spieler. Wer genauso Fan von ihm ist wie Etrit Hasler, kann ihm auf Twitter unter @ChrisWarcraft folgen.

Die zwei erwähnten Briefe:

Übersetzung des Briefs des demokratischen Abgeordneten Emmett C. Burns an den Besitzer der Footballmannschaft Baltimore Ravens (Original auf deadspin.com)

Geehrter Herr Bisciotti

Als Delegierter im Parlament des Staats Maryland wie auch Fan der Baltimore Ravens finde ich es unfassbar, dass einer Ihrer Spieler, Mr. Brendon Ayanbadejo, öffentlich die gleichgeschlechtliche Ehe unterstützen darf, und das als Footballspieler der Ravens. Viele meiner Wähler und Ihrer Fans sind empört und bestürzt darüber, dass ein Mitglied der Baltimore Ravens sich in diese kontroverse Kluft stellt, um damit zu versuchen, die öffentliche Meinung auf die eine oder andere Seite zu beeinflussen. Viele Ihrer Fans sind anderer Meinung und glauben, dass eine solche Meinung keinen Platz hat in einem Sport, in dem es nur um Stolz, Unterhaltung und Spannung gehen soll. Ich finde, Mr. Ayanbadejo sollte sich auf Football konzentrieren und es vermeiden, die Fans zu spalten.

Ich ersuche Sie, die notwendigen Schritte einzuleiten als Besitzer der Baltimore Ravens, solche Äusserungen seitens Ihres Angestellten zu unterbinden und ihn anzuweisen, in Zukunft solche schädlichen Äusserungen zu unterlassen. Ich weiss von keinem anderen Spieler der NFL, der getan hat, was Mr. Ayanbadejo tut.

Ich bitte um baldige Rückmeldung,
Emmett C. Burns

Übersetzung der Antwort von Chris Kluwe, Spieler der Minnesota Vikings (Original auf deadspin.com/5941348">http://deadspin.com/5941348)

Geehrter Herr Emmett C. Burns Jr.

Ich finde es unfassbar, dass Sie ein gewähltes Mitglied des Parlaments von Maryland sind. Ob Ihres ätzenden Hasses und Ihrer Engstirnigkeit schäme und ekle ich mich beim Gedanken, dass Sie in irgendeiner Art verantwortlich dafür sind, Politik auf irgendeiner Ebene mitzugestalten. Die von Ihnen unterstützten Ansichten unterlassen es, einige der fundamentalen Schlüsselpunkte zu berücksichtigen, die ich nachfolgend ausführlich beschreiben werde (vielleicht stellen Sie besser einen Praktikanten an, der Ihnen mit den längeren Wörtern hilft):

1. Da ich vermute, dass Sie die Verfassung nicht gelesen haben, möchte ich Sie daran erinnern, dass der erste Zusatz – der allererste Zusatz – dieses Gründerdokuments sich mit der Freiheit der Rede beschäftigt beziehungsweise der Beschneidung derjenigen. Indem Sie Ihre Position als gewähltes Behördenmitglied ausnützen, um zu behaupten, dass die Ravens «solche Äusserungen ihrer Angestellten unterbinden sollten», am konkreten Fall Brendon Ayanbadejo, verstossen Sie nicht nur gegen ebendiesen ersten Zusatz der Verfassung, Sie erwecken auch den Eindruck eines narzisstischen Schmelzkäseflecks. Was in Gottes Namen hat Sie befallen, um sich so schockierend blöde zu machen? Es verblüfft mich, dass ein Mann wie Sie, der sich auf denselben ersten Verfassungszusatz verlässt, um seine eigenen religiösen Ansichten herauszuposaunen, ohne Angst haben zu müssen, dafür vom Staat verfolgt zu werden, wie so ein Mann es irgendwie rechtfertigen könnte, das Recht auf freie Meinungsäusserung eines anderen zu ersticken. Dies heuchlerisch zu nennen, würde dem Wort unrecht tun. Hirnfickend obszön heuchlerisch geht schon eher in die richtige Richtung.

2. «Viele Ihrer Fans sind anderer Meinung und glauben, dass eine solche Meinung keinen Platz hat in einem Sport, in dem es nur um Stolz, Unterhaltung und Spannung gehen soll.» Heiliger verdammter Scheissehaufen. Haben Sie das wirklich gerade gesagt als jemand, der «sehr involviert ist in Arbeitsgruppen zum Erbe der Sklaverei in Maryland»? Haben Sie schon mal von Kenny Washington gehört? Jackie Robinson? Bis 1962 gab es noch Rassentrennung in der NFL, und damit aufgeräumt hat man nur, weil es mutige Athleten und Trainer gab, die sich trauten, sich dagegen auszusprechen und das Richtige zu tun, und jetzt kommen Sie und sagen, dass politische Ansichten «keinen Platz im Sport» hätten. Ich kann schon gar nicht damit anfangen, zu erahnen, wie gross die kognitiven Dissonanzen sind, die gerade durch Ihren mit Hochgeschwindigkeit verblödenden Geist schwirren; die Mentalgymnastik, die Ihr Hirn offensichtlich ertragen muss, um sich in Selbstfolter so umbiegen zu können, damit Sie solch groteske Aussagen machen können, ist sicher eine olympische Goldmedaille wert (der russische Richter verteilt Ihnen jedenfalls schon mal die 10 für «stilsichere Unterdrückung»).

3. Das ist vielleicht mehr meine eigene Deutelei, aber warum hassen Sie die Freiheit? Warum hassen Sie die Tatsache, dass andere Menschen eine Chance haben wollen, ihre Leben zu leben und dabei glücklich zu sein, obwohl sie an etwas anderes glauben als Sie oder sich anders verhalten als Sie? Wie beeinflusst die Homoehe in irgendeiner Art und Weise Ihr Leben? Wenn die Homoehe legal wird, haben Sie Angst davor, dass Sie plötzlich beginnen, an Penisse zu denken? «Oh Scheisse. Homoehen sind plötzlich legal. Ich habe plötzlich so ein Verlangen nach Schwengeln!» Werden all Ihre Freunde plötzlich schwul und kommen dann nicht mehr zu ihren Sonntagnachmittags-Football-Grillpläuschchen? (Eher unwahrscheinlich, denn auch schwule Menschen stehen auf Football.)

Ich versichere Ihnen, dass die Tatsache, dass homosexuelle Menschen heiraten, null Auswirkungen auf Ihr Leben haben wird. Sie werden nicht in Ihr Haus kommen und Ihre Kinder stehlen. Sie werden Sie nicht magisch in ein lüsternes Schwanzmonster verwandeln. Sie werden nicht in einer Orgie hedonistischer Ausschweifungen die Regierung stürzen, weil sie plötzlich die gleichen Rechte haben wie die anderen neunzig Prozent unserer Bevölkerung – Rechte wie soziale Sicherheit, Kinderabzüge bei den Steuern, Familientarife bei den Krankenkassen und zusätzliche Ferientage, um sich um ihre Liebsten zu kümmern. Wissen Sie, was aus den Homosexuellen wird, wenn sie all diese Rechte haben? Echte amerikanische Staatsbürgerinnen und -bürger wie alle anderen auch, mit der Freiheit, ihr Glück zu suchen mit allem, was dazugehört. Oder gehen Sie etwa die Kämpfe um Bürgerrechte der letzten 200 Jahre nichts an?

Zum Abschluss möchte ich Ihnen sagen, dass ich hoffe, dass dieser Brief, in irgendeiner kleinen Art, Sie dazu bringen wird, sich des Ausmasses des Fettnapfs bewusst zu werden, in den Sie da gerade getreten sind und mit dem Sie einen Menschen angegriffen haben, dessen einziges Verbrechen war, sich für etwas einzusetzen, an das er glaubt. Viel Glück bei Ihren nächsten Wahlen. Ich bin ziemlich sicher, dass Sie es brauchen werden.

In aller Aufrichtigkeit,

Chris Kluwe

P.S. Ich war bisher auch schon verdammt laut zum Thema Homoehe, also bitte nehmen Sie ihr «Ich weiss von keinem anderen Spieler, der getan hat, was Mr. Ayanbadejo tut» und schieben Sie es sich in ihr kleingeistiges, offensichtlich vollends empathiefreies Tortenloch und ersticken Sie daran. Arschloch.

Übersetzung: Etrit Hasler

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