Nr. 39/2012 vom 27.09.2012

Alleinerziehende Mutter (allein erziehend)

Warum setzt sich eine alleinerziehende Mutter dem Armutsrisiko aus? Weil sie eben alleine erziehen möchte! Aber Vorsicht, Mogelpackung!

Von Suzanne Zahnd

Die Väter rufen sowieso empört: «Die Frau ist nicht alleine erziehend!» Hierauf sagen manche: «Wohl gesprochen!» – und ein paar andere werden höhnen: «Real lachhaft! Ein Ferien- oder Wochenendplausch hat nichts mit Erziehung zu tun!»

So oder so: Die meisten Väter pfuschen der alleinerziehenden Mutter ins Handwerk, indem sie am Wochenende alle von ihr aufgestellten und unter der Woche mühsam durchgesetzten Regeln ausser Kraft setzen und damit massiv untergraben. Der Irrtum, dass eine alleine Erziehende alleine erzieht, ist also bereits im Privaten ausgesprochen gross und fatal!

Nun haben die Kleinen aber spätestens mit fünf Jahren auch ein öffentliches Leben. Angenommen, die Mutter hat keine total stromlinienförmigen Kinder oder solche, die beim Schuleintritt mit sieben Jahren schon so clever sind, dass sie das System durchschauen (doch, das gibts) und deshalb mühelos befriedigen, dann wird sich allerspätestens in der ersten Klasse pädagogisches und therapeutisches Fachpersonal in die Erziehung einbringen. Meistens beginnt es ganz harmlos mit Psychomotorik, ein Fach, das den Kindern sehr viel Spass bereitet. Doch dabei bleibt es nur selten – oft stehen noch ganze Heerscharen von Logopädinnen, Dyslexiespezialisten, ADHS-Abklärerinnen et cetera, ausgerüstet mit ungezählten Methoden, in steter Bereitschaft. Bestimmt alles ehrenwerte Berufsstände, keine Frage, aber für die (jetzt eben schon nicht mehr soo alleinerziehende) Mutter bedeutet dieser ausgeweitete Lehrplan, dass sie etwas leisten muss, was eigentlich nur nicht alleinerziehende Mütter leisten können, die nicht arbeiten gehen müssen: nämlich ihr kleines Kind am heiterhellen Tag durch die Gegend zu karren und rechtzeitig in den diversen Therapiestunden abzuliefern respektive wieder dort abzuholen.

Nun, irgendwann sind die Kinder gross genug, um den Weg selber unter die Füsse zu nehmen und (sofern nicht ADHS-betroffen) sogar vor Ende der Stunde anzukommen. Bloss: Was, wenn das Kind gar nicht ins Universikum für Hochbegabte im Schulhaus auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt gehen mag, sondern lieber in der Regelklasse sitzt? Und was, wenn das Kind in selbiger immer noch und immer mehr aneckt und stört? Ja, dann wird gröberes Geschütz aufgefahren: Schulsozialarbeiterinnen, integrative Förderlehrer und solches Kaliber. Auch das in den meisten Fällen ausgesprochen wohlmeinende und kompetente Berufsleute.

Nur: Die berufstätige sogenannt Alleinerziehende fängt sich unter Umständen noch ein paar zusätzliche Termine ein, für die sie freinehmen muss. Ganz sicher aber ein paar gute Vorschläge zur Erziehung, die dem ohnehin schwer organisierbaren Alltag der vermeintlich alleine Erziehenden weitere Stolpersteine hinzufügen: zum Beispiel Buchführungen über Schimpfworte, Zu-spät-Kommen oder Aufgaben-nicht-Machen und so weiter.

Inzwischen ist die Mutter schon ein wenig erschöpft und das Kind pubertierend. Es hat in der Schule möglicherweise total abgehängt. Schon naht neue Erziehungshilfe. Ab sofort mischt die Schulpflege mit, und der schulpsychologische Dienst, der schon seit längerem sein Argusauge auf dem Sprössling hat, läuft zu Hochform auf. Möglicherweise tritt auch bald schon der Jugendpsychologe auf den Plan, weil das Kind beim Alkoholtrinken, Kiffen oder Schuleschwänzen erwischt wurde. Vielleicht hat es sogar was kaputt gemacht. Oder sich – oh, oh, weh! – geprügelt. Meistens kommt die Polizei! Das Amt! Die Jugendanwaltschaft! Und wer ist schuld? Die «alleinerziehende Mutter» natürlich. Und deshalb gibts dann einen Vormund, weil die das mit dem alleine Erziehen ganz offensichtlich nicht kann.

Es braucht ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen, gewiss. Aber so war das ursprünglich nicht gedacht, als sich die Alleinerziehende vom Kindsvater abgeseilt hatte. Insofern gibt es nur einen Ratschlag für Damen mit Kinderwunsch ohne Lust auf Partnerschaft mit dem Erzeuger: Überlegen Sie es sich doch noch mal ganz genau! Für alle andern gilt wie immer: Augen auf bei der Partnerwahl!

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