Nr. 39/2012 vom 27.09.2012

Kocht es jetzt endlich?

Bettina Dyttrich über selbstverwaltete Ferien.

Von Bettina Dyttrich

Ganz am Schluss wird es doch stressig. Das Teigwarenwasser kocht immer noch nicht, ich unterschätze die Zehnlitertöpfe jedes Mal … Werden diese halb garen, nur kurz im Öl geschwenkten Zucchetti essbar sein? Und sollen wir die Tomatensauce passieren oder nicht? Tanja aus Bayern ist dafür, Anke aus Erfurt dagegen, ich habe den Stichentscheid: passieren. Aber bereue es kurz darauf, als die ersten hungrigen Gäste in der Küche auftauchen, unter dem Vorwand, «etwas helfen» zu wollen. Es ist schon zwanzig nach sieben, als Anke und ich das Teigwarenwasser abgiessen und die ganze Küche im Dampf verschwindet. Aber dann, als wir mit knallroten Gesichtern am Tisch sitzen, 36 Gäste zulangen und die ItalienerInnen sogar unsere halb garen Zucchetti loben, sind wir doch stolz. Solche Erfolgserlebnisse sind in einem Hotel nicht zu haben.

Das ist wahrscheinlich der Grund, warum die Gästeselbstverwaltung im Ferienhaus Salecina bei Maloja bis heute unumstritten ist: Sie funktioniert – und macht erst noch zufrieden. Manche, die zum ersten Mal hier sind, verziehen zwar das Gesicht, wenn sie merken, dass die Gäste nicht nur das Frühstück vorbereiten, kochen und abwaschen, sondern auch selber putzen. Aber dass die Ferien so deutlich billiger sind, leuchtet auch ihnen ein. Und sozial ist das Modell unschlagbar: Auch wer alleine nach Salecina kommt, findet Anschluss – wenn er oder sie will – spätestens beim Abtrocknen. Und kann sich mit vielen gescheiten Leuten in spannende Diskussionen vertiefen.

Gegründet 1972 von einer Gruppe um das legendäre linke Ehepaar Amalie und Theo Pinkus, ist das Ferienhaus einer der ältesten selbstverwalteten Betriebe der Schweiz. Es liegt in einer fast unwirklichen Landschaft, zwischen Arvenwäldern und Bergseen, die Spaziergänger genauso glücklich macht wie Extremkletterinnen.

Doch Salecina spürt die Krise. Der Frankenkurs schreckt viele Deutsche und ItalienerInnen, die zusammen die Mehrheit der Stammgäste ausmachen, ab. Aber was ist eigentlich mit den SchweizerInnen? Ein Artikel zum 40-Jahr-Jubiläum im alternativen Anzeigenblättli «A-Bulletin» hat offenbar einiges bewirkt: An einem einzigen Wochenende treffe ich vier junge Leute, die so auf Salecina aufmerksam geworden sind – alle wollen wiederkommen.

Dann stehen plötzlich Rinder im Garten. Die Kindergartenkumpels Ronja und Carsten stürzen mutig drauflos und vertreiben sie. Kurz darauf kommen sie kreischend zurückgerannt: Eine «Kuh» habe sich umgedreht und sie «wie ein Löwe» attackiert, berichtet Ronja. Carsten hat vor Aufregung einen Schuh verloren. Sie werden noch lange davon erzählen.

PS: Halbpension in Salecina kostet 44 bis 66 Franken pro Person. Kostendeckend sind 55.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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