Nr. 06/2018 vom 08.02.2018

Warum sind Sie Älplerin geworden?

Geografin Mex Matzl hat die Arbeit auf der Alp in einem Notfalleinsatz gelernt und war trotzdem sofort begeistert: von der vielen Arbeit, den technischen Herausforderungen und ganz besonders von den Geissen.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Mex Matzl: «Was mir gefällt auf der Alp: dass die Probleme sehr schnell gelöst werden müssen.»

WOZ: Mex Matzl, Sie sind Mitpächterin einer Alp in Maloja. Das finden sicher alle sehr romantisch.
Mex Matzl: Ich hing nie diesen romantischen Ideen nach, habe auch «Heidi» nie gesehen. Das ist vielleicht ein Vorteil. Und auf der ersten Alp, auf der ich mithalf, ging so ziemlich alles schief. Ich war nur zu Besuch da, als eine der Älplerinnen ernsthaft krank wurde. Da sprang ich spontan ein und versuchte, von einem Tag auf den anderen Melken, Käsen und Hüten zu lernen. Wenn als Alternative nur bleibt, die Milch wegzugiessen, ist die Hemmschwelle nicht mehr so hoch … Die Alp war schlecht organisiert, man musste draussen über dem Feuer käsen, und der Alpchef unterstützte uns kaum, wollte nicht einmal den Tierarzt schicken, als eine Kuh schwer krank war. Trotz allem fand ich es toll und wusste: Das will ich auch machen.

Wie wurden Sie selbst Älplerin?
Zwei Sommer habe ich gegen Kost und Logis gearbeitet, um zu lernen. Das war auf einer Alp in der Nähe von Domodossola: ohne Strasse, ohne Handyempfang und ohne fliessendes Wasser im Gebäude – seither wirds immer komfortabler.

Was suchen Sie auf der Alp?
Was mir gefällt: dass viele Probleme sehr schnell gelöst werden müssen. Wenn ein Tier krank oder der Käse schlecht ist, musst du schnell handeln – sonst kommt es selten gut. Auf der Alp gehe ich abends meistens ins Bett mit dem Gefühl: Ich nehme nicht viele Probleme mit. Das finde ich super. Ich mag auch die durchgehende Aktivität von morgens bis abends.

Also die viele Arbeit.
Ja. Für mich ist es okay, wenn es anstrengend ist. Anstrengend, aber nicht stressig – das klappt natürlich nicht immer. Ich käse gern und mag die Arbeit mit den Tieren. Und ich habe das Gefühl, man kann die Alparbeit nicht mehr viel effizienter machen: Die Geissen brauchen ihre acht Stunden zum Fressen, und auch das Einlaben beim Käsen braucht seine Zeit. Ich kann während des Einlabens noch alles Mögliche in diese kurze Zeit reinquetschen, aber das Einlaben geht deswegen nicht schneller. Dann gefällt mir, dass ich vieles, was auf der Alp passiert, auch technisch verstehe. Ich arbeite mit Geräten, die ich versuchen kann zu reparieren; wenn die Melkmaschine kaputtgeht, kann ich sie aufschrauben. Das gibt mir ein besseres Selbstbewusstsein, als wenn der Computer spinnt.

Gingen Sie von Anfang an auf Ziegenalpen?
Ja, ich finde Geissen extrem sympathisch, und sie haben eine angenehme Grösse. Aber es ist ziemlich schwierig, überhaupt eine bezahlte Stelle auf einer Ziegenalp zu finden – es gibt nicht viele Stellen, und die Löhne sind generell tiefer als auf Kuhalpen. Für diese gibt es im Kanton Graubünden Richtlöhne, aber auf einer Geissalp habe ich noch nie den Richtlohn bekommen. Dazu kommt: Auf den guten Alpen bleiben die Leute meistens jahrelang. Meine Mitälplerin Eno und ich haben sogar ein Buch gekauft, in dem alle Alpen der Schweiz verzeichnet sind, und manche Geissalp daraus besucht. Aber auf den meisten waren halt Teams, die nicht wegwollten.

Seit 2014 pachten Sie zusammen eine Ziegenalp in Maloja. Wie ist es dazu gekommen?
2013 hatten wir eine Alpstelle im Tessin in Aussicht, per Handschlag zugesagt, und drei Tage vor Alpbeginn kam die Absage vom Alpchef. Der Älpler vom Vorjahr war zurückgekommen, und er wollte lieber ihn. Wir halfen ein bisschen auf anderen Alpen aus und waren ziemlich frustriert – aber dann war im August die Pacht in Maloja auf zalp.ch ausgeschrieben. Da sind Eno und ich am nächsten Tag hingefahren. Wir verstanden uns sofort mit der Verpächterin, der Chefin der Bergeller Geissengenossenschaft. Wir hatten Glück – die meisten anderen Interessierten waren wohl noch auf der Alp.

Wie viele Tiere kommen auf die Alp?
110 bis 120 Ziegen und 20 Mutterkühe mit Kälbern. Anfang Sommer melken wir morgens mit der Maschine, später nur noch von Hand. Wir machen das gern, es ist sauberer, und man sieht und spürt besser, ob eine Ziege krank oder ein Euter verletzt ist.

Arbeiten Sie zu zweit?
Nein, wir stellen eine dritte Person an. Ich bin sechs Tage pro Woche in der Käserei, einen Tag gehe ich hüten. Die anderen beiden teilen sich das Hüten, helfen in der Käserei, misten den Stall und machen mehr Hausarbeiten.

Warum hüten Sie die Ziegen? Haben Sie keine Zäune?
Für die Kühe schon, die Geissen halten sich nicht so an Zäune. Wir hüten mit Hund. Und die Geissen kennen einander gut, sie kennen das Gebiet und sind vor allem Anfang Sommer extrem brav. Später etwas weniger. Aber eigentlich machen sie relativ wenig Ärger.

Wie hütet man Ziegen? Man kann sie ja nicht treiben wie Schafe.
Es hat keinen Sinn, etwas gegen ihren Willen zu wollen. Es ist einfacher, sie in dem, was sie wollen, zu lenken. Wir wissen ungefähr, in welchem Teil der Alp wir weiden möchten – je nachdem, wo wann was wächst. Wenn man sie schnell führt, kommen sie erst mal mit. Und wenn wir da sind, wo wir hinwollen, lassen wir sie laufen. Dann stürzen sie sich oft auf die Erlen.

Mex Margarete Matzl (41) ist Älplerin und Geografin und hat lange als Schneeforscherin gearbeitet.

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