Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Digitalfotografie (ein Segen)

Mit den neuen Handys können alle sofort alles fotografieren. Doch die dokumentarische Fotografie bleibt auf eine seriöse Gestaltung angewiesen.

Von Andreas Bodmer

In der norwegischen Küstenstadt Bergen regnet es laut Statistik während 260 Tagen im Jahr. Wir erleben einen solchen Regentag, und es wird nicht der letzte sein. Zum Glück hat es auf dem Campingplatz einen Unterstand. Am Tisch nebenan startet ein Rucksacktourist seinen Handyrapport an die daheimgebliebene Freundin. Er erzählt von waghalsigen Touren in den norwegischen Hochebenen und unvergesslichen Augenblicken. Er habe die prächtigen Abendstimmungen natürlich fotografiert wie auch seine Begleiter, aber deren Bilder seien um einiges besser: «Das war ja klar, sie haben auch viel bessere Kameras als ich, bei den neuen Handys, die sie besitzen!» Habe ich mich verhört? Hat er diese digitalen Notizblöcke als Kameras bezeichnet?

Wie steht es um das Ansehen der Fotografie, wenn das Wort «Kamera» so selbstverständlich in Verbindung mit einer Streicheltelefon-App genannt wird?

Gemeinhin wird die Ablösung des Rollfilms durch den Bildsensor als Segen für FotografInnen empfunden. Man braucht keine Filme mehr einzuschicken, der Chip muss nicht nach 36 Aufnahmen gewechselt werden, und man kann jetzt auch mit ausgestreckten Armen Bilder schiessen. Die soeben geschossenen Aufnahmen kann man jedem sofort unter die Nase halten und muss nicht warten, bis die fertigen Abzüge in der Post sind. Die Bilder können scheinbar mühelos am heimischen Computer bearbeitet werden, und nach wenigen Tagen hat man ein Fotobuch im Briefkasten.

Doch hat die Medaille auch eine andere Seite. Die Automatisierung der Aufnahmetechnik und die beinahe unbegrenzten Speicherkapazitäten haben die Fotografie vielen sogenannten Consumern nähergebracht. Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Gleichzeitig beobachte ich aber auch eine zunehmende Geringschätzung der dokumentarischen Fotografie. Es ist einfacher geworden, ein technisch einwandfreies Bild zu schiessen. Dadurch ist der Eindruck entstanden, ein «gutes» Bild zu schiessen, sei ja gar nicht schwierig. Wobei vergessen wird, dass gute Fotografie nicht nur aus der richtigen Belichtung besteht, sondern auch aus Inhalt und formaler Gestaltung, die von keiner Programmautomatik übernommen werden.

Mit dem Siegeszug der digitalen Kameras sind auch die analogen Entwicklungslabors verschwunden. Freunde und Bekannte haben mir öfter gesagt, das sei doch toll, die Arbeit in der Dunkelkammer entfalle nun. Diese Arbeitsschritte existieren jedoch am Bildschirm weiterhin. Die Auswahl und Bearbeitung der Bilder wird nicht mehr an Leuchtpult und Vergrösserungsapparat vorgenommen, sondern mithilfe von Adobe Bridge und Adobe Photoshop. Natürlich profitieren FotografInnen vom Know-how des Softwaregiganten. Da dieser quasi eine Monopolstellung innehat, bezahlt man auch dessen Preise. Landläufig wird Photoshop mit Bildmontage und Manipulation in Verbindung gebracht. «Das kannst du im Nachhinein ja noch korrigieren oder einfach wegretouchieren», heisst es dann. Wer schöne Menschen unbedingt künstlich und unnatürlich aussehen lassen will, soll das in Werbung und Modefotografie tun.

In der dokumentarischen Pressefotografie hat solches aber nichts zu suchen. Hier geht es darum, Bilder zu veröffentlichen, die dem wirklichen Aussehen des fotografierten Sujets möglichst nahekommen. Der Anspruch muss es sein, authentische Geschichten zu erzählen und der Schönung der Realität zu widerstehen. Strassenlaternen, Tramkabel und störende Verkehrsschilder sind immer wieder ein fotografisches Ärgernis. Das lässt sich nicht leugnen. Solch visuellen Störefrieden würde man gerne mit einer Trennscheibe zu Leibe rücken, oder sie mit wenigen Klicks zum Verschwinden bringen. Man kennt auch Beispiele aus der Fotografiegeschichte, wo in Ungnade gefallene Personen wegretouchiert wurden, etwa in der ehemaligen Sowjetunion: Trotzki, der bei einer Rede neben Lenin steht, ist später aus dem Bild entfernt worden.

Mit fotografischer Verantwortung hat dies nichts zu tun. Will ein Fotograf den Himmel frei von Kabeln abbilden oder unliebsame Personen ignorieren, hat er die Wahl: einen anderen Standort suchen oder damit leben.

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